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Biologe Bernd Heinrich und die Faszination für Verwesung
Aus Wissenschaftsmagazin vom 04.01.2020.
abspielen. Laufzeit 10:41 Minuten.
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Faszination für das Tote Ohne Tod kein Leben – die Poesie der Verwesung

Das Leben nährt sich vom Tod. Das gilt ganz besonders für Aasfresser. Der Biologe Bernd Heinrich hat ein tröstliches und faszinierendes Buch über Verwesung und das Leben, das daraus entsteht, geschrieben.

Bakterien, Pilze, Käfer, Fliegen, Geier, Raben und Elstern tun es. Und selbst Meisen und Hörnchen beissen hin und wieder in einen Kadaver. Wölfe, Katzen, Otter und Bären sowieso.

Verrottendes Fleisch fressen, schrumpelige Häute kauen und an trockenen Knochen nagen, das mag eklig klingen. Doch der Biologen Bernd Heinrich ist fasziniert von der Verwesung und dem, was daraus entsteht.

Vom Brechreiz beinahe überwältigt

Auf seinem wilden Anwesen im Nordosten der USA lässt er tote Holsteinkühe verfaulen. Er misst, wie schnell tote Schweine abkühlen. Er schleppt eine verendete Hirschkuh an und beobachtet ihre Zersetzung.

Das Skelett einer toten Kuh, eines Rinderkalbs, liegt in der Wueste von New Mexico
Legende: Bernd Heinrich hat untersucht, welches Leben sich in welcher Reihenfolge an Tierleichen gütlich tut. Hier das Skelett einer toten Kuh. imago images / Tillmann Pressephotos

Geduldig verfolgt er, welches Leben sich in welcher Reihenfolge und in welchem Tempo an den Tierleichen gütlich tut. Und welche Rolle Temperatur, Feuchtigkeit und andere Umgebungsfaktoren beim Zersetzungsprozess spielen. Oft kommt es anders als vermutet.

Über der bereits streng riechenden Hirschkuh kreist bald schon der erste Geier. Doch der Vogel und auch die Kojoten und Bären bleiben dem rezenten Leckerbissen fern. Denn eine laute Camping-Gesellschaft hat sich in der Nähe niedergelassen. Das schreckt die grossen Aasfresser ab, nicht aber die kleinen.

Buchhinweis

Buchhinweis

Bernd Heinrich: Leben ohne Ende. Der ewige Kreislauf des Lebendigen. Reihe Naturkunden hrsg. von Judith Schalansky, Matthes + Seitz, 2019.

So tummeln sich schon bald Fliegen und ihr madiger Nachwuchs in unvorstellbaren Massen auf dem Kadaver. Doch was tut sich eigentlich unter der Hirschkuh? Heinrich will es wissen. Einfach ist das nicht. Der passionierte Ultralangstreckenläufer, Link öffnet in einem neuen Fenster ist hart im Nehmen. Doch während dieses Wendemanövers wird selbst er vom Brechreiz beinahe überwältigt.

Schleimaale im Walkadaver

Heinrich experimentiert nicht nur im Vorgarten. In «Leben ohne Ende» beschreibt er auch das Sterben von Kleinstlebewesen wie dem Meeresplankton und von Riesenorganismen wie Walen oder Bäumen, den grössten Organismen der Erde.

Ein toter Wal beispielsweise sinkt langsam Richtung Meeresboden. Manchmal bis in 2'000 Meter Tiefe. Dort wartet eine mobile Truppe von Aasfressern. Der Grönlandhai beisst sich die besten Stücke weg. Dann graben sich Schleimaale in den Walkadaver. Grenadierfische folgen und Millionen von winzigen Schalentieren.

Pottwal-Kadaver in kleiner, steinigen Bucht, verwesend, Norwegen,
Legende: Was vom Wal übrig bleibt, wird über Jahrzehnte von verschiedenen Lebewesen komplett rezykliert: Pottwal-Kadaver in Norwegen. imago images / blickwinkel

Ein Wal wird komplett rezykliert

Wenn nach zwei Jahren alles abgenagt ist, packt die nächste Aasfresser-Einheit an. Das Skelett wird von Bakterien-Teppichen besiedelt, auf denen Meeresschnecken weiden und zauberhafte Würmer leben, die aussehen wie Blumen. Ganz zum Schluss, wenn die Knochen blank sind, saugen Myriaden von Kleinstlebewesen das Fett aus dem Knochen. Was vom Wal übrigbleibt, wird über Jahrzehnte komplett rezykliert.

Die Dramaturgie des Verwesens

Durch den neugierigen, fast kindlich-interessierten Blick von Bernd Heinrich erhält der Tod eine Schönheit und die Verwandlung von Aas zu neuem Leben Sinn.

Ein Mann mit Brille und kurzen, grauen Haaren sitzt in seinem Häuschen.
Legende: Bernd Heinrich lebte mit seinen Eltern und Geschwistern fünf Jahre lang in einer kleinen Waldhütte. Dort hat er den Kreislauf des Lebens kennen- und lieben gelernt. SalomonTrailRunning , Link öffnet in einem neuen Fenster

Daher fürchtet er auch diese Frage nicht: Was soll mit seinem Körper passieren, wenn er tot ist? Kremieren geht gar nicht. Zu klimaschädigend, zu toxisch. Erdbestattung? Bringt zu wenigen Organismen etwas.

Der Tod speist das Leben

Was dann? Organe spenden – egal ob einer Frau, einem Mann, einem Kind oder einem Hund. Sollte sein Herz von niemandem gebraucht werden, dann möchte er es den Raben vermachen, die ihm so viel gegeben hätten. Den Leichnam ins Freie legen und der Natur zurückgeben.

Hier wirkt der bekennende Atheist Heinrich fast schon religiös. In seinem Buch und mit seiner Forschung zeigt er, dass der Tod das Leben speist – und dass das Jenseits schon im Diesseits stattfinden kann. Das ist schön und tröstlich zugleich.

6 Kommentare

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  • Kommentar von Rolf Künzi  (Unbestimmt)
    Pro Tag, so vermutet man, werden 360000 Menschen geboren und nochmals 155000 sterben. Allein das sind 515000 Geschichten, schöne und traurige, an einem einzigen Tag. Geschichten über Geburt und Tod und jede ist einzigartig, jede macht das Leben aus.
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  • Kommentar von Olivier Wetli  ("nicht von dieser Welt")
    Genau umgekehrt! Das Leben war/ist vor dem Tod, dennoch DER Entscheidungsort zum Ewigen Leben! Worte Paulus': "1.Kor 15,53 Denn dieses Verwesliche muß Unverweslichkeit anziehen, und dieses Sterbliche Unsterblichkeit anziehen. 54 Wenn aber dieses Verwesliche Unverweslichkeit anziehen und dieses Sterbliche Unsterblichkeit anziehen wird, dann wird das Wort erfüllt werden, das geschrieben steht: "Verschlungen ist der Tod in Sieg". 55 "Wo ist, o Tod, dein Stachel? Wo ist, o Tod, dein Sieg?"
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    1. Antwort von Michael Studer  (Mi_St)
      Klingt ja beinahe so, als würde Paulus die platonische Wiedergeburtslehre vertreten, was ja im frühen Christentum (bspw. Origenes) ja auch usus war. Da heute Reinkarnation und Christentum ja nicht mehr "kompatibel" sind, verwundert mich ihr Posting ein bisschen. Versteh ich was falsch? Klären Sie mich auf..
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    2. Antwort von Olivier Wetli  ("nicht von dieser Welt")
      @Hr. Studer. Neues Leben, also das biblische Ewige Leben, gibt es im Moment der persönlichen Bekehrung, es ist geistlich und noch unsichtbar und keinerlei Re-Inkarnation. Von dem schreibt Paulus oben. Erst in der Auferstehung bekommen die an das Werk Christi Glaubenden+biologisch Gestorbenen, einen Ewigkeitsleib.
      In Eden war das biologische Leben in Adam&Eva, durch ihre Sünde kam der Tod in diese Schöpfung=Trennung von Gott. Das Ewige Leben hätten sie vom Baum des Lebens erhalten. >Bibel lesen!
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    3. Antwort von adrian christen  (adrian christen)
      Bibel lesen hilft eben gerade nicht! Selber denken hilft: Die Welt funktioniert nur als Kreislauf. Leben und Sterben ist Teil dieses Kreislaufs. Jedes Tier, jede Pflanze, jedes Lebewesen ist Teil des ewigen Lebens, lebte schon X-mal in X-anderen Lebewesen auf der Welt. Wird ein Lebewesen kremiert, ist es nur noch in sehr beschränktem Masse Teil des Kreislaufs. Beim ewigen Leben geht es nicht um die Seele, sondern um den Körper, der seit Jahrtausenden Teil des Kreislaufs, des ewigen Lebens ist.
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    4. Antwort von Olivier Wetli  ("nicht von dieser Welt")
      @A.C. Denken+Wollen= Voraussetzung die Bibel zu verstehen + die Reihenfolge zu verstehen, über das Materielle hinaus. Zitat: 1. Kor 15,42 Also ist auch die Auferstehung der Toten. Es wird gesät in Verwesung, es wird auferweckt in Unverweslichkeit. ... 44 es wird gesät ein natürlicher Leib, es wird auferweckt ein geistiger Leib. .... 46 Aber das Geistige war nicht zuerst, sondern das Natürliche, danach das Geistige. 47 Der erste Mensch ist von der Erde, von Staub; der zweite Mensch vom Himmel.
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