Immunsystem im Visier Die Forschung geht neue Wege in der Schizophrenie-Therapie

Forscher wagen einen radikal neuen Ansatz in der Schizophrenie-Therapie. Sie möchten das Immunsystem der Patienten zähmen – und erhoffen sich dadurch Erfolg bei der Schizophrenie-Bekämpfung.

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Bildlegende: Die Forscher wollen früher in den Krankheitsverlauf einer Schizophrenie eingreifen können. Colourbox

Schizophrenien gehören zu den schwersten psychischen Krankheiten überhaupt. Einer von 100 Menschen erkrankt daran, oft früh und für den Rest des Lebens.

Gleichzeitig tut sich in der Medikamentenentwicklung nur wenig. Was Patienten heute schlucken, beruht noch immer auf den ersten, in den 1950er Jahren entdeckten Wirkstoffen. Nun wagen britische Forscher einen radikal neuen Therapie-Versuch.

Das Immunsystem bändigen

Oliver Howes vom King's College London will nicht primär die bekannten psychotischen Schizophrenie-Symptome wie Wahn und Halluzinationen bändigen. Howes und sein Team wollen das Immunsystem zähmen.

Denn Schizophrenie könnte eine Autoimmunerkrankung sein: Das Immunsystem spielt offenbar bei einem beträchtlichen Anteil der Patienten verrückt. Es ist gefährlich hyperaktiv – und zwar schon Jahre, bevor die Schizophrenie tatsächlich ausbricht.

Die Gärtner unseres Gehirns

Das britische Forscherteam startet nun mit 30 Patienten den ersten Medikamentenversuch überhaupt, der auf das Immunsystem abzielt. Zum Einsatz kommt ein Medikament, das bisher bei multipler Sklerose (MS) verwendet wurde. Multiple Sklerose ist eine Autoimmunkrankheit, bei der eine ganz spezielle Gruppe von Immunzellen, die Mikroglia-Zellen, eine zerstörerische Rolle spielen.

Normalerweise beseitigen diese Immunzellen den Müll, der tagtäglich in unserem Gehirn so anfällt. Doch neue Studien zeigen: Diese Immunzellen sind nicht nur die Müllabfuhr, sondern auch die Gärtner unseres Gehirns. Sie schneiden zurück, was übermässig spriesst – z.B. Nervenverbindungen, die unnötig geworden sind.

Zuviel Dopamin kann Halluzinationen auslösen

Im Gehirn schizophrener Menschen sind diese Gärtner jedoch vermutlich so zahlreich und eifrig, dass sie auch wichtige Nervenverbindungen stutzen. Zum Beispiel im frontalen Kortex – jener Hirnregion hinter der Stirn, die unter anderem verantwortlich ist für höhere Denkleistungen, für die Fähigkeit zu planen oder für die Emotionsregulation und auch für die Kontrolle des Dopaminhaushalts.

Dopamin ist ein Botenstoff, der – im Übermass vorhanden – die psychotischen Symptome Wahn und Halluzinationen auslösen kann. Praktisch alle derzeit verwendeten Medikamente gegen Schizophrenie kontrollieren den Dopaminhaushalt.

Früher eingreifen

Der Versuch, im Gehirn von Menschen mit Schizophrenie regulierend auf die Mikroglia-Immunzellen einzuwirken, ist damit auch ein Versuch, früher in den Verlauf der Krankheit einzugreifen, einer Schädigung des Gehirns und der Entfesselung des Dopaminsystems vorzubeugen.

Michael Ziller, Experte für genetische und molekulare Grundlagen der Schizophrenie am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München, hält diesen Versuch für sinnvoll. Hunderte von Genen wurden schon mit Schizophrenien in Verbindung gebracht und extrem viele dieser Gene sind gleichzeitig wichtig fürs Immunsystem.

Ursache oder Begleiterscheinung?

Dennoch bleibt Ziller vorsichtig. Es sei nicht klar, ob das hyperaktive Immunsystem Ursache oder lediglich Begleiterscheinung der Schizophrenie ist. Zudem gebe es wohl unterschiedliche Wege, die zur Schizophrenie führen könnten.

Dem stimmt Oliver Howes vom King's College London zu. Doch hält er den Anteil von Patienten mit einem auffälligen Immunsystem für beträchtlich. Wie vermutlich auch bei anderen schweren Erkrankungen. Denn längst werden auch hinter weiteren Hirnerkrankungen Entzündungsreaktionen des Immunsystems als mögliche Ursachen vermutet – etwa bei Demenzen oder Depressionen.

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