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Aus nano vom 20.08.2020.
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Landwirtschaft Dünger: Darf es ein bisschen weniger sein?

Forschende aus Bern zeigen, wie Landwirtschaft mit weniger Dünger profitabel ist – und gleichzeitig die Biodiversität schützt.

Aus der Luft betrachtet sieht sie aus wie ein grünes Schachbrett: die rund 3000 Quadratmeter grosse Forschungswiese von Münchenbuchsee im Norden von Bern. 2015 haben hier die Ökologinnen und Ökologen des Instituts für Pflanzenwissenschaften der Berner Universität einen grossen Experimentierbaukasten angelegt.

Eine Wiese von oben, die in ein Raster aufgeteilt ist.
Legende: In 336 Parzellen experimentieren die Forschenden der Uni Bern unterschiedliche Kombinationen aus Pflanzenarten und Düngemitteln. SRF / Jo Siegler

Was die Wiesen vom Dünger halten

Die Idee dazu hatte Teamleiter Eric Allan. Er will mit dem Langzeitexperiment herausfinden, welche Effekte Stickstoff-Dünger, egal ob künstlich hergestellt oder aus Mist und Gülle, auf die gesamte Funktionsweise von Wiesen hat.

Bisher ist nur bekannt, dass zu viel Stickstoff die Artenvielfalt eines Ökosystems dramatisch reduziert. Mehr Forschung ist aber dringend notwendig, denn es gibt offenbar weitere negative Effekte.

336 kleine Experimentierwiesen

Für ihre Experimente und Beobachtungen haben die Forschenden jede einzelne ihrer 336 Wiesen-Parzellen unterschiedlich präpariert.

Keine gleicht der anderen. Mal ist es eine schnell wachsende Monokultur, mal stehen bis zu 20 Arten auf einer Parzelle.

Mann mittleren Alters in Hemd steht auf einer Wiese.
Legende: Eric Allan vom Institut für Pflanzenwissenschaften der Universität Bern leitet das Team auf der 3000 Quadratmeter grossen Wiesen. SRF / Jo Siegler

Fast die Hälfte wurde mit Fungiziden behandelt. Schliesslich gibt es Parzellen mit wenig oder viel Stickstoff-Dünger – in ähnlichen Mengen wie in der Landwirtschaft.

Bis in den kleinsten Winkel

Sobald im Frühjahr das erste Grün erscheint, geht das Gewusel auf der Wiese los und hält an bis im August. Dann wird die Wiese zum zweiten und damit letzten Mal im Jahr gemäht.

Zwei Frauen stehen auf einer Wiese, mit Ohrenschützern und Laubsauger in den Händen und saugen anscheinend Insekten aus der Wiese aus.
Legende: Mit dem Laubsauger sammeln die Forscherinnen die Insekten ein, welche sich auf einer Wiesen-Parzelle niedergelassen haben. SRF / Jo Siegler

Dabei schauen die Expertinnen und Experten in nahezu jeden Winkel ihrer Wiese. Sie zählen Insekten- und Spinnenarten, sammeln Pflanzenproben und entnehmen kleine Bohrkerne aus dem Erdboden, um im Labor per Genanalyse die Vielfalt des mikroskopisch kleinen Bodenlebens zu ermitteln.

Dünger ist schädlich und nicht nachhaltig

Die Experimente und Analysen zeigen, dass die ökologischen Effekte, die dem Artenverlust auf einer zu stark gedüngten Wiese nachfolgen, dramatisch sind.

Schnell wachsende Pflanzenarten verdrängen ihre langsam wachsende Konkurrenz und dünnen die Pflanzengemeinschaft einer Wiese aus.

Solches Grünland wirft zwar viel Masse für Heu ab. Doch das Forschungsteam hat nachgewiesen, dass sich diese Pflanzen ebenso schnell wieder zersetzen. Dadurch fallen sie als Langzeitspeicher für Stickstoff oder Kohlenstoff aus CO2 aus.

Mehr Dünger, mehr Interventionen nötig

Zudem gibt es Hinweise, dass derart veränderte Pflanzengesellschaften anfälliger sind für Pilzkrankheiten. Greifen diese von der Wiese auf einen Acker über, machen sie dort den Einsatz von Fungiziden notwendig.

Frau in einem Labor mit weissem Kittel und blauen Schutzhandschuhen bedient ein technisches Messgerät.
Legende: Mit der Genanalyse ermittelt die Forscherin im Labor die Vielfalt des Bodenlebens. SRF / Jo Siegler

Schliesslich scheinen überdüngte und artenarme Wiesen für bestäubende Insekten weniger attraktiv zu sein, sodass Stickstoff damit womöglich indirekt zur weltweit beobachteten Insekten-Krise beiträgt.

Neue Ideen für die Landwirtschaft der Zukunft

Das Forschungsteam um Eric Allan will mit seinen Studien aber nicht nur warnen und mahnen. Es sucht und bietet bereits Ideen, die für eine ökologisch verträglich und dennoch wirtschaftlich profitable Landwirtschaft der Zukunft wichtig sein könnten.

«Mission B - für mehr Biodiversität»

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Mission B ist das Projekt von SRF zur Förderung von Biodiversität in der Schweiz.

So zeigt die Analyse der artenreichen Parzellen, dass diese viel weniger mit Pilzkrankheiten und anderen Schädlingen kämpfen. Zudem liefern sie fast ebenso viel Heu wie gedüngtes Grünland.

Gute Gründe also auch für Landwirte, mehr zu tun, als am Rande des Feldes ein gut gemeinter Blühstreifen für die Insekten zu pflanzen.

Experten-Tipp: Vom langweiligen Rasen zur wertvolle Blumenwiese

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Eric Allans Anleitung für eine insektenfreundlichere Gartenwiese:

«Das Beste, was man tun kann, um die Artenvielfalt im eigenen Rasen zu vermehren, ist, die Fruchtbarkeit des Bodens zu reduzieren - indem Sie das Gras mähen und das Gemähte immer wieder entfernen, um damit die Nährstoffe im Boden reduzieren.

Dann können Sie neue Arten einbringen. Dafür öffnen Sie zunächst den Boden und schaffen Lücken im Gras. Dort bringen Sie in die Samen einer artenreichen Samen-Mischung ein. Vergewissern Sie sich, dass es lokale Arten sind, die den Bedingungen vor Ort gut angepasst sind, denn für feuchte Wiesen braucht es andere Arten als für trockene.»

SRF 1, nano, 19.08.2020, 10:50 Uhr

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9 Kommentare

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  • Kommentar von Ernst Krauss  (Botschvs)
    Düngemittel? aber ja!!
    In den 80ern war ein Schweizer Mineraldüngerhersteller in Sorge, ob die Grüne Welle eine gesunde Ernährung der Bevölkerung sicherstellen kann.
    Es wurden Pflanenversuche in Changins/VD mit dem typischen Tierfutter Raps und Mais durchgeführt. bereits nach zwei Ernten zeigte sich, dass die Spurenelemente Se, Mn, Fe, Zn so tief waren dass z.B, Kühe nicht mehr trächtig würden.
    In meiner Familie gab es daher striktes Bio-Verbot mit den Folgen dass wir 7 Uni-abschlüsse haben.
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    1. Antwort von Samuel Nogler  (semi-arid)
      Da haben Sie wohl den Fehler gemacht, den Salat ohne die Erde zu essen. Bei Bio und IP enthält die Erde viel von den von Ihnen genannten Atome, die gedüngte Watte der grossindustriellen Salatfabriken allerdings nicht.
  • Kommentar von Alfred Käser  (Freka)
    Je ökologischer die Landwirtschaft, desto kleiner die Menge an produzierten Lebensmittel. Alles, was im Inland nicht produziert wird muss woanders auf der Welt angebaut werden. Zum Glück ist man fleissig dran in Südamerika und Indonesien Regenwald abzubrennen um Ackerflächen zu schaffen. Spielt keine Rolle, denn Herkunft und Produktionsumstände sind bei Importprodukten nicht relevant.Hauptsache billig und wir haben ein gutes Gewissen weil unser Land soooo ökologisch ist
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  • Kommentar von Franz NANNI  (Aetti)
    Also eine geduengte Blumenwiese (Naturwiese) ist schon nach der ersten Guellung keine Blumenwiese mehr, macht aber mehr Heu... Dabei, Kuehe lieben das Blumenwiesengras mehr als eben geduengtes Wiesengras... muss viel schmackhafter sein... sagt mir uebrigens ein Bauer...
    Nur, immer mehr Leistung soll erbracht werden... mehr Ertrag... es sind ja auch immer mehr Menschen die versorgt werden muessen... Die CH schafft es nicht die Geburtenrate wie auch Zuwanderung zu regulieren ...
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