Überraschende Erkenntnisse Lieber nach Indien: Die Blaukehlchen überwintern nicht in Afrika

Seit kurzem können auch kleinere Vögel mit Sendern versehen werden. Jetzt explodiert das Wissen der Vogelkundler. Unsere Singvögel gehen zum Teil Wege, die bisher niemand vermutet hat.

Blaukehlchen sitzt im Schilf und sperrt Schnabel auf. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Überwintert in Indien, nicht wie bisher angenommen in Afrika: das Blaukehlchen. Colourbox

Unsere Zugvögel überwintern im Mittelmeerraum oder in Afrika. Das war bisher nicht nur die landläufige Meinung, so dachten auch die Vogelkundler, die seit über 100 Jahren Vögel beringen und schon vieles über den Vogelzug wissen. Dank neuer Technik ist nun aber klar: Es gibt auch spektakuläre Ausnahmen.

Vogelzüge erstaunen immer von neuem

7:30 min, aus Wissenschaftsmagazin vom 05.04.2017

Das Blaukehlchen etwa, ein Vogel, der in den Schweizer Alpen vorkommt. Das Blaukehlchen überwintert nicht in Afrika, sondern in Indien. Felix Liechti, der Leiter Vogelzugforschung der Vogelwarte Sempach, fiel fast vom Stuhl, als er dies erfuhr: «Derzeit werden wir ständig überrascht, was alles noch anderes ist, als wir bisher gedacht haben», sagt er.

Kleine Rucksäcke mit spezieller Technik

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Imago / Blickwinkel

Nur dank kleinen, sehr leichten Rucksäcken, welche die Ornithologen den Vögeln auf Rücken schnallen, sind solche Erkenntnisse überhaupt möglich geworden. Es handelt sich um sogenannte Lichtlogger, kleine flache Chips, welche mithilfe von feinen Gummibändern am Vogelrücken befestigt werden. Die Forscher fangen die Vögel in der Schweiz am Nest und versehen sie mit diesem speziellen Rucksack.

Ein Jahr später fangen sie die Vögel wieder und nehmen ihnen den Rucksack ab. Ein Jahr lang hat der Lichtlogger dann registriert, ob es hell war oder nicht. So sind auch der Sonnenauf- und der Sonnenuntergang sichtbar. In Kombination mit der Uhrzeit lässt sich der Standort des Vogels auf 100 bis 200 Kilometer genau bestimmen.

Ab in den Süden – nach Lust und Laune

Die Resultate sind nicht nur beim seltenen Blaukehlchen verblüffend. Auch bei vertrauten Vogelarten, etwa bei der Amsel, haben die Forscher neue Erkenntnisse gewonnen: Etwa ein Drittel der Amseln zieht gar nie, ein Drittel zieht jedes Jahr – zum Beispiel aus der Schweiz nach Südfrankreich – und ein Drittel zieht je nach Lust und Laune.

Schwalbe, stehend. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Manche fliegen in den Süden, andere nicht: Amseln. Colourbox

Schwalbenpaare brüten Jahr für Jahr zusammen im gleichen Nest. Den Winter aber verbringen sie getrennt, Tausende von Kilometern entfernt voneinander in West- oder Zentralafrika. Mit jeder Vogelart, welche die Forscher mit diesen kleinen Rucksäcken bestücken, wächst das Wissen über ihr Zugverhalten schnell an. Die Vogelwarte gehörte mit zu den ersten Forschungsinstituten, welche diese neue Technik verwendete – unterdessen wird sie weltweit eingesetzt.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Wissenschaftsmagazin, 08.04.2017, 12:40 Uhr