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Schizophrenie-Forschung; Hunderte Gene in Verdacht
Aus nano vom 22.10.2019.
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Mega-Studie zu Schizophrenie Das eine Schizophrenie-Gen gibt es nicht

Schizophrenie ist hochgradig erblich. Ob wir einmal schizophren werden oder nicht, entscheiden unsere Gene massgeblich mit. In einer Mega-Studie wollen Forscher nun alle beteiligten Gene aufspüren.

Charité Berlin, Klinik für Psychiatrie. Hier spucken derzeit Schizophrenie-Patienten ins Röhrchen und geben damit ihr Erbgut ab. Auch Gesunde machen das. Der Genetiker Stephan Ripke sucht nach Genen, die bei der Schizophrenie eine Rolle spielen. Er will Licht ins Dunkel des psychiatrischen Leidens bringen.

Mega-Studie soll das Rätsel lösen

Schizophrenie-Kranke hören Stimmen, fühlen sich verfolgt. Was genau in ihrem Gehirn passiert, weiss man nach wie vor nicht. «Auch in der Behandlung ist in den letzten 50, 60 Jahren nicht viel Neues dazugekommen», sagt Stephan Ripke. Aber man wisse, dass die Krankheit hochgradig erblich ist.

Diesen erblichen Anteil wollen Genetiker jetzt knacken. Ihr Werkzeug: genetische Mega-Studien, sogenannte genomweite Assoziationsstudien, kurz GWAS, an denen zehntausende Personen teilnehmen, darunter jene aus Berlin, Link öffnet in einem neuen Fenster.

Die Bausteine der Schizophrenie

Das Prinzip dieser Studien: Im Erbgut jedes Einzelnen werden maschinell hunderttausende Bausteine durchforstet, die sich von Mensch zu Mensch unterscheiden können. Sie heissen SNPs (Single Nucleotide Polymorphism, auf deutsch Einzelnukleotid-Polymorphismus).

Mit aufwändigen statistischen Verfahren werden diese Bausteine aller Schizophrenie-Patienten mit denen aller Gesunden verglichen. Ergebnis: Bestimmte Bausteine kommen bei den Kranken eindeutig häufiger vor. Beim Vergleich von 65'000 Patienten mit 88'000 Gesunden offenbarten sich 256 SNPs.

Schizophrenie in hunderten von Genen

Die SNPs sind eine heisse Spur: Sie weisen den Weg zu den Genen, die mit der Krankheit etwas zu tun haben könnten. Und es zeigt sich, dass der erbliche Hintergrund der Schizophrenie nicht nur auf zwei oder drei Genen basiert.

«Es sind hunderte, wenn nicht sogar tausende», sagt Ripke. Jedes einzelne Gen trägt nur einen winzigen Teil zum Erkrankungs-Risiko bei. Die Schizophrenie ist ein höchst polygenes Leiden.

Gen um Gen: ein langer Weg

Was lässt sich damit anfangen? Skeptiker befürchten: Nichts. Die Zahl der identifizierten Gene sei schlicht zu gross. Andere Forscher lassen sich davon allerdings nicht abschrecken. Sie analysieren jetzt Gen um Gen. In Berlin stellte Stephan Ripke kürzlich Ergebnisse vor.

Gefunden wurden zum Beispiel Gene, die die Signalübertragung im Gehirn beeinflussen. Darunter auch jenes Gen, über das die altgedienten antipsychotischen Medikamente ihre Wirkung entfalten.

«Das zeigt uns», sagt Ripke, «dass ein zentrales Gen schon reichen kann, um die Behandlung immens zu verbessern. Wir wissen im Moment nur noch nicht welches.»

Die Froschung hat Grosses vor

Einen unmittelbaren Nutzen für den Patienten haben diese Ergebnisse also noch nicht. Aber die Resultate aus den Studien eröffnen noch andere Anwendungsfelder. Am heissesten diskutiert wird das Potenzial der «polygenen Werte».

Im Erbgut einer Person kann nach den Bausteinen, den SNPs, gesucht werden, die – Stand heute – mit einer Schizophrenie assoziiert sind. Je nachdem wie viele und welche SNPs gefunden werden, berechnet sich daraus der individuelle polygene Wert.

Auch für viele andere psychiatrische Krankheiten, die eine erbliche Komponente haben, kann man polygene Werte generieren, beispielsweise für Depression oder bipolare Störung.

Bald ein Gentest für Schizophrenie?

«Eine der ersten Anwendungen wird in der Diagnostik sein», sagt Sven Cichon, Humangenetiker am Unispital Basel. Die Idee: Die polygenen Werte sollen helfen, um zwischen den verschiedenen psychiatrischen Krankheiten zu unterscheiden.

Das sei extrem wichtig, so Cichon, auch für Therapieentscheide. «Viele Patienten laufen einer klaren Diagnose oft jahrelang hinterher.»

Ein Mann, unscharf zu erkennen, spritzt mit der Pipette eine Flüssigkeit in ein Analysebehälter.
Legende: Die Mega-Studien zur Schizophrenie könnten in der Diagnostik mithelfen, psychische Erkrankungen besser voneinander zu unterscheiden. Keystone/Thomas Kienzle

Eine andere Option: aus den polygenen Werten das individuelle Krankheits-Risiko ablesen. Sprich: Ein Gentest für das Schizophrenie- oder Depressions-Risiko. «Ob das wirklich anwendbar wäre, wird derzeit erforscht», sagt Stephan Ripke.

Der Nutzen läge in der Prävention. Ein Mensch mit einem hohen genetischen Risiko für Schizophrenie, sollte beispielsweise auf keinen Fall kiffen. Denn Cannabis-Konsum ist ein Risikofaktor für Psychosen.

Das langwierige Rätsel

Solche Risiko-Tests werden aber immer mit grossen Unsicherheiten behaftet sein. Zum einen bleiben die Umweltfaktoren komplett aussen vor. Psychosozialer Stress oder belastende Ereignisse spielen bei der Entstehung von psychiatrischen Krankheiten aber eine teils grosse Rolle.

Zum anderen gibt es genetische Mechanismen, die man mit den polygenen Werte gar nicht erfassen kann.

Die komplexe Genetik der psychiatrischen Erkrankungen haben die Forscher also noch lange nicht vollends verstanden. Aber sie sind dran – vor allem um die Patienten irgendwann besser diagnostizieren und behandeln zu können.

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