«Mein künstlicher Arm hat mir viel Selbstwertgefühl gegeben»

Dr. Bertolt Meyer ist ohne linken Unterarm zur Welt gekommen. Heute trägt er die zurzeit modernste bionische Hightech-Hand. Für ihn persönlich ist die Technik ein Segen – trotzdem beurteilt er die rasante Entwicklung auch kritisch.

Bertolt Meyer steht mit verschränkten Armen vor einem Geländer im Innenhof eines Gebäudes. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Bertolt Meyer trägt seit vier Jahren eine hochmoderne Prothese. Das hat seine Beziehung zu seinem Körper verändert. SRF/Fabian Häfeli

Wie reagieren Menschen, wenn sie Ihre künstliche Hand zum ersten Mal bemerken?

Bertolt Meyer: Ich trage bewusst einen transparenten Handschuh, der die Technik durchscheinen lässt. Vor allem Männer reagieren mit Interesse oder Faszination. Besonders ausgeprägt ist es bei Kindern: Die finden das Teil cool.

Vor dieser Hightech-Prothese trug ich das Standardmodell. Grauenvoll! Die starre Hand konnte nur mit Daumen und Zeigefinger greifen und besass einen hautfarbenen Handschuh mit der Ästhetik einer Schaufensterpuppe. Die Reaktion der Leute: verschämtes Mitleid.

Das hat sich radikal geändert. Für mich ist das spannend, weil ich mich dadurch verändert habe; die Beziehung zu meinem Körper und meiner Behinderung hat sich gewandelt.

Was können Sie mit dieser Prothese alles, und wie benutzen Sie sie?

Jeder Finger ist von einem Elektromotor angetrieben und hat bewegliche Gelenke. In den Fingern sind Drucksensoren eingebaut, so spürt die Hand, welche Form ein Objekt hat. Gesteuert wird sie durch zwei Elektroden, die auf der Haut aufliegen und die Muskelströme eines Muskels messen, der für das Anwinkeln des Handgelenks zuständig wäre. Man trainiert, diesen Muskeln zu benutzen, um die Hand zu öffnen oder zu schliessen.

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Zur Person

Bertolt Meyer (36) ist Sozialpsychologe an der Universität Zürich. Er trägt seit 2009 eine Unterarmprothese der Marke i-limb. Für einen englischen TV-Sender moderierte er letzten Februar die wissenschaftliche Dokumentation «How to Build a Bionic Man».

Die Hand beherrscht 24 weitere Griffmuster, die man durch bestimmte Muskelimpulse auslösen kann. Wenn man das ein paar Jahre lang täglich macht, wird die Technik Teil des eigenen Körperschemas. Ich kann mein Handgelenk um 360 Grad drehen, ich kann also die Glühbirne einschrauben, ohne abzusetzen. Andererseits kann ich nicht Klavier spielen, weil sich die Finger nicht individuell ansteuern lassen.

Gibt es Probleme bei der Benutzung?

Natürlich ist Technik anfällig. Normalerweise hält der Akku bis zu 14 Stunden. Er ist fest im Unterarm verbaut, ich kann ihn nicht wechseln. Problematisch sind Freitage: Wenn man früh aufsteht, lange arbeitet und am Abend ausgeht, muss man aufpassen, dass der Akku nicht leer ist, wenn man gerade ein Bier in der Hand hält. Die Steuerung der Impulse ist auch nicht perfekt, meine Trefferquote liegt bei 95 Prozent. Manchmal ist es frustrierend, wenn man will, dass die Hand was tut, und sie tut es nicht.

Für Sie ist der technologische Fortschritt also ein Segen. Wann wird aus dem Segen ein Fluch?

Für mich persönlich ist jeder Zuwachs an Funktionalität natürlich ein Segen: Je besser meine künstliche Hand, desto besser für mein Leben. Wenn man das Ganze aber gesellschaftlich betrachtet, gibt es schon ein paar Fragen. Erstens: Wer soll das bezahlen? Bionische Körperteile sind extrem teuer. Mein künstlicher Arm kostet 55'000 Franken. Weil meine alte Prothese kaputtging und ich massive Verschleisserscheinungen in meiner rechten Schulter hatte, erhielt ich diese moderne Variante. Sonst wäre eine teure Operation nötig gewesen.

Wir müssen ethische Kriterien entwickeln, wem so etwas zusteht und wem nicht. Spannend wird es, wenn künstliche Körperteile irgendwann besser sind als natürliche. Bei Händen kann ich mir das schwer vorstellen, aber denken Sie an den südafrikanischen Sprinter Oscar Pistorius, der mit seinen Beinprothesen Spitzenzeiten läuft: Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass wir in den nächsten 50 Jahren an den Punkt kommen, wo solche künstliche Beine natürlichen überlegen sind.

Bertolt Meyer hält ein Smartphone mit seiner Prothese und tippt mit der anderen Hand. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: «Warum soll die Optimierung des Körpers auf die Ästhetik beschränkt sein und nicht auch die Funktionalität verbessern?» SRF/Fabian Häfeli

Wird das Menschen dazu bringen, sich ein Körperteil amputieren zu lassen und es durch ein künstliches zu ersetzen?

Es gibt sicher Leute, die dazu bereit wären, auch wenn es aus heutiger Sicht extrem erscheint. Mein künstlicher Arm, mein Hightech-Gadget, hat mir ein enormes Stück an Selbstwertgefühl gegeben. Das gebe ich ungern zu, aber es ist so. Warum soll die Optimierung des Körpers auf die Ästhetik beschränkt sein? Warum nicht auch dessen Funktionalität verbessern?

Heute sind Prothesen Nischenprodukte. Aber falls in Zukunft künstliche Körperteile mehr Funktionalität bieten als natürliche, könnte sich das ändern und ein neuer Markt entstehen, in dem es viel Geld zu verdienen gibt. Wird es dann Firmen geben, die daraus ein Geschäftsmodell entwickeln und einen Bedarf zu erzeugen versuchen, wo noch keiner ist? Das ist die Form von Zukunft, vor der es mich gruselt!

Werden künftig «technologisch Verbesserte» als Bedrohung wahrgenommen?

Ich kann nicht in die Zukunft schauen. Aber es ist spannend, wie in der Popkultur Zukunftsvisionen aussehen, in denen es Wesen gibt, die halb Mensch, halb Maschine sind, z. B. im Game «Deus X» oder im Film «Repo Men». Das sind meist Dystopien, bei denen technologisch verbesserte Menschen als Bedrohung wahrgenommen werden. Wenn ich das popkulturelle Bild des Cyborg betrachte, bin ich nicht optimistisch, was die Vorurteile gegenüber Menschen angeht, deren Körper zu einem Teil aus Technik besteht.

Wo sehen Sie die grössten Probleme, wenn Sie an den technologischen Fortschritt denken, der auf uns zukommt?

Für mich gibt es drei Fragezeichen: Das erste betrifft wie erwähnt die Verfügbarkeit und die Bezahlbarkeit. Das zweite: Was tun wir, wenn künstliche Organe oder Körperteile ihre natürlichen Gegenstücke übertreffen? Wenn es Hände gibt, die uns zehnmal schneller tippen lassen? Wie gehen wir mit wirtschaftlichen Interessen um, wenn aus Bionik ein Massenmarkt wird? Und wie gehen wir damit um, dass Technologie ein enormes Potenzial für Missbrauch und Kriminalität bietet?

Wir müssen uns Gedanken darüber machen, bevor die Technik so weit ist. Wir sollten dies nicht Ingenieuren und Businessleuten überlassen; es braucht eine breite gesellschaftliche Debatte, die auch die Politik und die Sozialwissenschaften mit einbezieht.

Bertolt Meyer schraubt einen Ersatz-Ringfinger auf die Hand: Der alte war kaputt. Die 800 Gramm schwere Alu-Hand surrt bei jeder Bewegung leise. Zum Schluss zieht Meyer einen neuen Plastikhandschuh darüber und verabschiedet sich zum Fototermin: «Nun bin ich wieder fotogen.»

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