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Abenteuerliche Suche nach uralten Virus-Proben
Aus Wissenschaftsmagazin vom 12.06.2021.
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Neue Erkenntnisse Warum die Spanische Grippe möglicherweise so ansteckend war

Im Keller der Berliner Charité stösst ein Virologe auf bisher unentdeckte Präparate der Spanischen Grippe – dank dieser können Forschende herausfinden, was das Grippevirus damals so ansteckend machte.

Die Arbeit des Virologen Sébastien Calvignac gleicht der eines Schatzsuchers: Mehr als 50 Museen und Sammlungen weltweit habe er bereits kontaktiert – fündig wird er nur gerade zehn Velominuten entfernt von seinem Labor am Robert-Koch-Institut in Berlin: «Die Proben waren sozusagen meine Nachbarn», erzählt er.

Der Schatz, den er in einem Keller der Berliner Universitätsklinik Charité findet, besteht aus einem knappen Dutzend, in Formaldehyd konservierter Lungenpräparate. Sie stammen von Menschen, die in den Jahren 1918 und 1919 gestorben waren.

Drei davon waren mit der Spanischen Grippe infiziert. Das konnten Sébastien Calvignac und sein Team durch ihre Analysen nachweisen.

Legende: Am Ende des Ersten Weltkriegs starben weltweit unzählige Menschen an der Spanischen Grippe. Im Bild: Patienten in einem Spital in Dijon. IMAGO / Eibner Europa

Die Spanische Grippe: ein rares Forschungsobjekt

Weltweit wurden bis heute lediglich einige Dutzend Proben gefunden, die noch Überreste des Spanischen Grippevirus enthielten. Sébastien Calvignac fügt dem nun drei neue Proben hinzu – eine davon ist ausserdem so gut erhalten, dass die Virologen daraus das vollständige Erbgut des Virus gewinnen konnten.

Aus dem Erbgut versuchen Forschende herauszulesen, was genau das Spanische Grippevirus so ansteckend gemacht hatte. Die neuen Proben aus Berlin deuten daraufhin, dass das Virus zu Beginn der Pandemie noch optimiert darauf war, Vögel zu befallen. Im Verlauf der Pandemie passte es sich besser an den Menschen an – möglicherweise mit ein Grund, warum die zweite Welle der Spanischen Grippe viel mehr Todesopfer forderte.

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Aus dem Archiv: Die verheerende Spanische Grippe
24:26 min, aus Zeitblende vom 04.04.2020.
abspielen. Laufzeit 24:26 Minuten.

Die Suche beginnt im Permafrost

«Das sind aber lediglich Hinweise», betont Sébastien Calvignac. «Weil so wenige Virusproben aus dieser Zeit erhalten geblieben sind, steckt immer auch etwas Spekulation in unseren Resultaten.» Er kämpfe damit, dass viele Museen und Sammlungen, die Leichen und Leichenteile von früher aufbewahrten, während der letzten Jahrzehnte verkleinert oder weggespart wurden.

Legende: Zögerliches Handeln, frühe Lockerungen und ignorierte Einschränkungen: Die Muster bei der Bewältigung der Spanischen Grippe haben Ähnlichkeiten mit derjenigen der Corona-Pandemie. IMAGO / ZUMA Wire

Die Suche nach Proben des Spanischen Grippevirus begann bereits in den 1950er-Jahren – mit dem jungen schwedischen Doktoranden Johan Hultin. Dieser hörte damals einen erfahrenen Kollegen sagen, jemand müsste hoch in den Norden hinauffahren und nach Opfern der Pandemie suchen, die im Permafrost beerdigt wurden. Und Johan Hultin zieht los.

Das Virus wieder wecken?

Was dann folgt, ist eine verrückte Geschichte, die mehr als 50 Jahre dauert: Hultin findet ein kleines Dorf in Alaska, das seine Pandemie-Opfer im Permafrost beerdigt hatte. Er gewinnt die Dorfälteste für sein Anliegen, die Lungen dieser Opfer zu entnehmen und im Labor zu untersuchen. Aber seine ersten Versuche verlaufen erfolglos.

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Spanische Grippe – die falsch benannte Krankheit
Aus Tagesschau vom 23.01.2021.
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Erst Ende der 1990er-Jahre stösst der bereits über 70-jährige Forscher auf eine besonders gut erhaltene Leiche im Permafrost. Mittlerweile sind auch die Labor-Methoden deutlich besser geworden. So gelingt es 1997 erstmals, das Erbgut des Spanischen Grippevirus vollständig zu rekonstruieren – und daraus das Virus schliesslich sogar im Hochsicherheitslabor nachzubauen und zu erforschen.

Im Labor des Virologen Sébastien Calvignac liegt seit Kurzem eine weitere Probe, die sich für eine solche Wiederauferstehung eignen würde. «Unser Labor könnte das nicht machen, wir sind dafür nicht ausgerüstet», sagt er.

Aber andere Gruppen seien durchaus interessiert daran. Allerdings sagt er: «Vielleicht ist aktuell, mit den ganzen Spekulationen rund um die Herkunft des Coronavirus, nicht der günstigste Moment, um ein gefährliches Virus wieder aufzuwecken.»

Radio SRF 2 Kultur, Wissenschaftsmagazin, 12.6.2021, 12:38 Uhr

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17 Kommentare

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  • Kommentar von Dorothee Meili  (DoX.98)
    Was mich noch interessiert: Studien zu Langzeitfolgen (zur spanischen Grippe natürlich, also effektiv Langzeit!). Es gab in den 70er- 80er-Jahren Studien über neurologische Beeinträchtigungen als Langzeitfolge der spanischen Grippe (auch nur bei leichtem Krankheitsverlauf) Eine Vermutung war: Parkinson. Finde diese Unterlagen nicht mehr; meine Mutter, mein Onkel sind längstens in einer anderen Dimension. Jetzt scheinen mir derartige Untersuchungen doch wieder sinnvoller. Weiss jemand etwas?
  • Kommentar von Dorothee Meili  (DoX.98)
    Manchmal sind hier Dinge zu lesen:-& Danke für zwei Reaktionen:
    @Sisto Salera: "Sie hätten lieber in Bett gehen sollen, statt solchen Unsinn zu verbreiten. Impfen hat Millionen das Leben gerettet"
    @Samuel Nogler: "Selten so ein Quatschsinn gelesen!"
    Motto: rechtzeitig ins Bett gehen, nicht in jedem Quatsch einen Sinn suchen!
    Blättere wieder in Tagebuchnotizen, Briefen von meiner Mutter, die als Jugendliche in BS Grippekranke pflegen durfte: Hygiene, Abstand, bei Nähe: Mund-Nasen-Schutz!
  • Kommentar von Astrid Meier  (Swissmiss)
    Es muss dringend eine öffentliche und politische Diskussion darüber geführt werden, was Wissenschaft überhaupt darf. Forscher, die keiner Ethik verpflichtet sind, in Ländern, die sich nicht um Ethik und Menschenrechte scheren, sollten keine Gain Of Function Experimente durchführen dürfen. Irgendwo gibt es immer irgendwann einen Unfall, oder können solche Keime in die Hände von kriminellen Organisationen fallen.
    1. Antwort von Beat Kohler  (bkohler)
      Passiert auch mit einer (öffentlichen) Diskussion sowieso. Also ist es um so wichtiger die Prozesse zu verstehen um in Zukunft besser und schneller reagieren zu können. Weil dies immer wieder passieren wird, mit und ohne „menschlicher“ oder gar böswilliger Hilfe.

      „Gesundes“, naturnahes Leben wird nie sicher schützen. Das ist einfach gesagt eine Folge von genetischen Entwicklung und natürlicher Selektion die immer fortschreitet.

      Wie heisst es doch: bist Du zu schwach sind sie zu stark.