Zum Inhalt springen
Inhalt

Reizthema Impfen Impfen – das perfekte Biotop für krude Thesen

Der neue Dokumentarfilm «Eingeimpft» befeuert die Impf-Debatte. Doch die Faktenlage ist eindeutig: Impfen schützt Leben.

Legende: Audio Krankheiten schrecken nicht mehr abspielen. Laufzeit 06:52 Minuten.
06:52 min, aus Wissenschaftsmagazin vom 15.09.2018.

Frisch gebackene Eltern sind vollauf beschäftigt, aber auch gerne mal völlig überfordert. Und dann kommt auch noch der Kinderarzt und sagt: Die ersten Impfungen wären dran. Was jetzt?

Diese Frage ist Kern des Films «Eingeimpft» von David Sieveking. Der Filmemacher dokumentiert, wie es ihm selbst ergeht.

Denn die Impfdebatte in seiner kleinen, wachsenden Familie läuft alles andere als rund. Die Mutter seiner Kinder ist skeptisch und hochemotional, er dagegen würde gerne impfen. So beginnt die Suche nach einem Kompromiss, die Sieveking filmisch nachzeichnet.

Viel Raum für dubiose Thesen

Das Ergebnis kommt diese Woche in die Schweizer Kinos. Aber schon jetzt lässt der Film – vor allem in Deutschland – die Gemüter hochkochen.

Legende: Video Trailer: «Eingeimpft» abspielen. Laufzeit 01:56 Minuten.
Aus Kultur vom 19.09.2018.

Der Vorwurf: Der Film stelle dubiose Theorien über Impfschäden den harten Fakten aus der Medizin unkommentiert gegenüber und er gebe dem Dubiosen viel zu viel Gewicht. Die Angst der meisten Kommentatoren: der Film könnte Impfskeptiker stärken und unsichere Eltern noch unsicherer machen.

Den Vorwurf muss sich der Filmemacher gefallen lassen. Bleibt die Frage: Nährt dieser Film tatsächlich Zweifel? Und wenn ja: was hilft dagegen?

Filmkritik zu «Eingeimpft»

Personen-Box aufklappenPersonen-Box zuklappen

David Sieveking wurde bekannt mit sympathischen, persönlichen Dokfilmen: «Vergiss mein nicht» (2012) über die Demenz seiner Mutter, «David wants to Fly» (2010) über seine Enttäuschung mit seinem Idol David Lynch. Für «Eingeimpft» setzt er wieder auf den bewährten familiären Ansatz und stellt die Diskussion mit seiner Frau um die Kinderimpfung ins Zentrum.

Aber damit läuft er dieses Mal in die Ausgewogenheitsfalle eines pervertierten Medienverständnisses und produziert einen gefährlich naiven Film. Dass Ehemann David die Impfängste und das Bauchgefühl seiner Frau ernst nimmt, sorgt für Spannung, Sympathie und effizientes Gefühlskino.

Dass er aber als Dokumentarfilmer den wenigen wissenschaftlichen (und etlichen pseudowissenschaftlichen) Impfgegnern den gleichen Raum und das gleiche Gewicht gibt wie allen anderen, überhöht den familiären Glaubenskrieg zum pseudobjektiven Diskurs – und macht «Eingeimpft» zum Propagandavehikel.

Michael Sennhauser

Die Realität in der Schweiz

Die Impfraten steigen hierzulande, langsam aber stetig. In einigen Altersgruppen liegen sie inzwischen bei rund 95 Prozent, so hoch wie Experten sie sich wünschen.

In der Gesamtbevölkerung sind sie bei Masern zum Beispiel immerhin so hoch, dass die ansteckende Infektionskrankheit in der Schweiz schon seit fast zehn Jahren keinen wirklich grossen Ausbruch mehr ausgelöst haben. Das klingt gut.

Doch im Alltag von Kinderärzten spielt Impfskepsis immer noch eine grosse Rolle. Christoph Berger, Kinderarzt am Kinderspital Zürich und Präsident der Eidgenössischen Kommission für Impffragen, sagt, wenn er im Sprechzimmer im Impfgespräch auf Unsicherheiten stosse, zähle er keine Fakten auf, sondern stellt die Frage: «Woher kommt dieses Zögern, dieser Zweifel?»

Keine Angst vor Krankheiten

Die Antworten, die er von besorgten Eltern hört, drehen sich meist um mögliche Impfschäden. Die Risiken der Krankheiten, gegen die geimpft werden soll, kämen kaum zur Sprache.

«Die Krankheiten sind nicht mehr präsent, also werden sie auch nicht mehr als Gefahr wahrgenommen», sagt Christoph Berger. Es fehle das Erfahrungswissen. Und dieses lässt sich nicht simulieren.

Es lässt sich allenfalls ersetzen, allerdings nur im persönlichen Gespräch. «Ich versuche immer, die Diskussion auf die individuelle Ebene herunterzubrechen», sagt Berger.

Nur so könne er versuchen, die abstrakten Fakten greifbarer zu machen: dass etwa bei 10'000 Masernkranken ein bis drei der Erkrankten sterben, und mindestens noch einmal so viele eine Hirnhautentzündung entwickeln und Impfschäden im Verhältnis dazu extrem selten sind.

Die Freiheit des Einzelnen

Die endgültige Entscheidung müsse, auch wenn das schwer auszuhalten sei, jedem selbst überlassen bleiben.

Argumente, dass die Bevölkerung insgesamt geschützt werden müsse, dass man andere anstecken und in Gefahr bringen könne, helfen kaum weiter, sagt Berger. «Sobald man ‹die Anderen› ins Spiel bringt, sobald so ein Gruppendruck aufkommt, wird es emotional. Das polarisiert, und führt nicht zum Ziel.»

Mühsam sei, dass manche Thesen, wie die, dass Autismus und Impfen zusammenhängen könnten, immer noch und immer wieder auftauchten, obwohl sie inzwischen längst mit viel Aufwand widerlegt worden sind.

Autismus und Impfen – das lange Leben einer absurden These

Personen-Box aufklappenPersonen-Box zuklappen

Die Behauptung Autismus und Impfen hingen zusammen, geht auf diese Studie, Link öffnet in einem neuen Fenster zurück, in der ein britischer Arzt Andrew Wakefield 12 Kindern untersuchte. Das öffentliche Echo war enorm und die Impfraten gingen etwa in Grossbritannien in den frühen 2000ern in den Keller.

Die Folge: mehrere grosse Masernausbrüche. Forscher haben seitdem extrem viel Aufwand betrieben, Link öffnet in einem neuen Fenster, um zu prüfen, ob es diesen Zusammenhang überhaupt gibt. Und die Antwort ist: Nein.

Wakefields Studie wurden inzwischen wegen grober Fehler zurückgezogen, Link öffnet in einem neuen Fenster. Trotzdem hält sich die These hartnäckig. Es reicht also, wenn jemand – in dem Fall ein einzelner britischer Arzt – halbwegs überzeugend etwas in die Welt setzt, schon macht sich die Unsicherheit breit.

Biotop für krude Thesen

Das Thema Impfen ist nach wie vor das perfekte Biotop nicht nur für Skepsis und Ängste, sondern – leider – auch für Verschwörungstheorien.

Wie wirkt nun in diesem Kontext der neue Film? Sät er Zweifel? Leider ja.

Obwohl David Sieveking im Grunde nur eine persönliche Entscheidung trifft, hat er eines übersehen: sobald er diese Entscheidung und den Weg dorthin quasi exemplarisch öffentlich macht, ist sie eben nicht mehr bloss persönlich. Sie wirkt – ob er will oder nicht – beispielhaft.

Kinostart: 20. September 2018

119 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Wir haben Ihren Kommentar erhalten und werden ihn nach Prüfung freischalten.

Einen Kommentar schreiben

verfügbar sind noch 500 Zeichen

Mit dem Absenden dieses Kommentars stimme ich der Netiquette von srf.ch zu.

Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.

  • Kommentar von Alex Terrieur (Imfeld)
    ...IMPFEN schützt auch die Pharmaindustrie (Arbeitsplätze, Boni's und die horrrenden Cheflöhne).
    Ablehnen den Kommentar ablehnen Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten
  • Kommentar von antigone kunz (antigonekunz)
    Wissen und Wissenschaft, stehen nicht in einem aseptischen, leeren Raum ....Sie sind immer Kinder der Zeit, der Interessen, der aktuellen Beliefs libe Herren Win, Halter und Müller .... Ob es Ihnen passt oder nicht. Eine vertiefte Lektüre und Auseinandersettung mit Bourdieu, Horkheimer, Adorno, Geoffroy de Lagasnerie könnte den Blick weiten. Seien wir doch ehrlich niemand hat das Monopol auf das Absulte, 100%e, denn je mehr wir wissen, umso mehr wird uns klar, wie wenig wir eigentlich wissen?
    Ablehnen den Kommentar ablehnen Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten
  • Kommentar von antigone kunz (antigonekunz)
    "Es ist ja so, dass Erreger im Alltag vorwiegend via Atemwege oder dem Verdauungstrakt in den Menschen gelangen und beide Systeme sind immunkompetent ausgestattet und den Eindringlingen wird bei funktionierender Abwehr die Hölle heiss gemacht " By the Way Herr Halter, Sie wollten die Quelle wissen, das wäre Physiologie Basics. Unglaublich, kann ich nun mal ich sagen, dass Sie die Grundlagen der Phsyiologie nicht erkennen können ....
    Ablehnen den Kommentar ablehnen Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten
    1. Antwort von Thomas Halter (Thomas Halter)
      Also warum erkranken dann laut Ihrer Theorie sonst gesunde Kinder trotzdem an den Masern, wenn sie ein gesundes Immunsystem haben? Von Physiologie brauchen Sie mir nichts zu erklären, ich bin Arzt, im Gegnsatz zu Ihnen weiss ich wovon ich spreche. Erklären Sie dem Piloten auch wie er sein Flugzeug fliegen muss?
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    2. Antwort von antigone kunz (antigonekunz)
      Herr Halter, gut einen Arzt an Bord zu haben, dann wissen Sie, dass Krankheit nicht auf ein reines Erreger/Immunsystemgeschehen reduziert werden kann auch wenn die Medizin, dies gerne so sehen und reduktionistisch betrachtet haben möchte. "im Gegensatz zu" Ärzte sind immer gleich so mimosenhaft Beleidigte. Was wissen Sie denn schon, wer da kommentiert. Bleiben Sie einfach beim Thema. Gesunde Kinder erkranken weil Krankheit zur Gesundheit gehört. Dies zu begreifen ist gerade für Mediziner schwer.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    3. Antwort von antigone kunz (antigonekunz)
      Unter anderem: Weil Gesundheit nicht Abwesenheit von Krankheit ist, sondern es darum geht, wie der Organismus, der Mensch, die Umgebung mit diesem 'Ereignis' umgeht, es überwindet und daran, erstarkt hervorgeht .....500 Zeichen genügen nicht. um dieses Thema gut und vertiefend zu behandeln Herr Mediziner Halter .....
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    4. Antwort von antigone kunz (antigonekunz)
      Jeder Mensch ist Flugzeug/Pilot und Fachmann/Frau für sich in Einem, Er ist und sollte es wieder werden, erste Instanz für sich und seine eigene Gesundheit. Doch dazu muss er die durch 'Fachwissen' systematisch hergestellte Entfremdung zu sich, wieder loswerden und Mut und Selbst-Verständnis und wohl das Wichtigste, einen grossen Achtung und Wertschätzung - nicht im narzisstischen Sinne, wie es heute zelebriert wird - zu diesem seinen Körper, der eigenen Leiblichkeit gegenüber entwickeln.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    5. Antwort von Thomas Halter (Thomas Halter)
      Wissen Sie Frau Kunz, es ist wie beim Glauben: wenn Sie ihn für sich selbst behalten, stört er mich nicht. Aber wenn Sie damit anfangen, jedes mal bei der Impfdiskussion Ihren Unsinn publik zu machen und damit andere Leute in Ihrer Meinung beeinflussen, habe ich wirklich ein Problem damit. Aber ich werde nun meine eigene psychische Gesundheit schonen und aufhören, mit Ihnen zu diskutieren, denn Ich fühle mich, als würde ich mit einer Taube Schach spielen. Herzlichst, T. Halter
      Ablehnen den Kommentar ablehnen