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Vor 10 Jahren – der Reaktorunfall in Fukushima
Aus Wissenschaftsmagazin vom 06.03.2021.
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Renaissance der Kernkraft Mit Atomkraft gegen den Klimawandel?

US-Präsident Joe Biden will mit neuen, saubereren Atomkraftwerken das CO2-Problem bekämpfen. Experten sind sich uneins, ob und wie sinnvoll der Einsatz der Kernkraft ist.

Bei der Lösung des Klimaproblems dürfe man keine Scheuklappen haben. Das sagt nicht nur der neue US-Präsident Joe Biden, auch Microsoftgründer Bill Gates sieht das so. Er pumpt deshalb gleich mehrere hundert Millionen Dollar in die Erforschung neuer, sicherer Kernkraftwerke.

Für Holger Rogner, Kernenergie-Experte aus Österreich ist das ein entscheidender Richtungswechsel, denn die Grossmacht USA hatte sich lange Zeit aus der Kernenergie zurückgezogen. «Das ist ein Zeichen, dass in Zukunft mit der Kernenergie doch wieder zu rechnen ist», sagt Rogner, der lange für die Internationalen Atomenergieagentur gearbeitet hat.

Ergänzung zu den Erneuerbaren

Rogner sieht die Atomenergie nicht als Konkurrenz zu den erneuerbaren Energien, sondern als Ergänzung, denn «es braucht halt immer noch eine Technologie, um die Unbeständigkeit von Wind- und Solarenergie auszugleichen», sagt der Kernenergie-Experte.

In der Tat ist es eine grosse Herausforderung, die Schwankungen der erneuerbaren Energien auszugleichen. Es gibt zwar Speicherlösungen mit Batterien und Pumpspeicherkraftwerken, aber das Problem ist noch nicht gelöst. Hier könnten kleine, flexibel einsetzbare Kernkraftwerke eine wichtige Rolle spielen, sagt Rogner.

Mini-Atomkraftwerke aus der Fabrik

Zur Diskussion stehen verschieden Arten von Anlagen. Zum einen sind verkleinerte Varianten des herkömmlichen Leichtwasserreaktors möglich. Diese Technik kennt man. Die Ingenieure müssen nichts Neues erfinden.

Der Plan, an dem in den USA gearbeitet wird, geht so: Kleine Atomkraftwerke werden sozusagen in der Fabrik vorproduziert und dann, je nach Strombedarf, in Serie nebeneinander aufgestellt. Diese kleineren Anlagen sollen sicherer sein, weil sie weniger spaltbares Material enthalten und weil die Anlagen vereinfacht und sicherer gebaut werden sollen als herkömmliche Anlagen.

Es gibt aber auch andere Reaktortypen an denen geforscht wird, so genannte Flüssigsalzreaktoren zum Beispiel, in denen eine flüssige Salz-Brennstoff-Mischung im Reaktor selbst zirkuliert. In solchen Reaktoren könnte als Brennstoff auch hoch radioaktiver Atommüll weiterverwendet werden, sagt Rogner: «Der radioaktive Abfall verschwindet so zwar nicht ganz, aber er verringert sich und wird weniger langlebig.»

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Neue Kernkraftwerke werden teuer

Rogners optimistische Einschätzung stösst in Fachkreisen aber vielerorts auf Kritik. «Das sind Konzepte, die bisher nur auf dem Papier Bestand haben», sagt etwa Christoph Pistner, Bereichsleiter Nukleartechnik und Anlagensicherheit vom Ökoinstitut in Darmstadt. Schon seit Jahrzehnten tüftle man daran herum. Sich darauf zu verlassen, dass dies irgendwann einmal realisierbar sei, halte er für fraglich.

Wirklich neu seien diese sogenannten Kernkraftwerke der vierten Generation nicht. Das einzige was sicher ist, sagt Pister «ist, dass sie in der Herstellung noch teurer werden als die bisherige Kernkraftwerke».

«Keine Lösung für Klimakrise»

Uneinig sind sich die beiden Fachleute auch in der Frage, ab wann die Technologie marktreif werden könnte. Gemäss Holger Rogner dürfte das bereits ab 2030 der Fall sein. Christoph Pistner wiederum sagt, dass innerhalb der Branche sonst kaum jemand glaube, dass «neue Kernkraftwerke vor 2050 breit zum Einsatz kommen könnten».

Das sei zu spät für den Einsatz im Kampf gegen das Klimaproblem. Pisters Verdikt ist also ziemlich klar: «Die Option Kernenergie zur Lösung des Klimaproblems dauert zu lange, sie ist teuer und wir haben Alternativen, die nicht mit denselben Risiken verbunden sind wie die Kernenergie.»

Ausgang bleibt ungewiss

Das Potential einer neuen Generation von Kernkraftwerken ist also auch unter Fachleuten höchst umstritten. Wie geht es nun weiter?

Manchmal gibt es Technologiesprünge, manchmal tritt man über Jahrzehnte scheinbar auf demselben Fleck. Wer hat vor 10 Jahren daran geglaubt, dass erneuerbare Energien aus Wind und Sonne so viel günstiger werden und sich so breit durchsetzen? Es gab sie – aber sie waren innerhalb der Energiebranche Rufer in der Wüste.

Entscheidend für das neue Energiesystem wird die Speicherung sein. Aber ob – wegen des neuen Elans in den USA – die Atomenergie in zehn Jahren wieder eine wichtigere Rolle spielen wird, oder nicht – das wird sich erst erweisen müssen.

Radio SRF 2 Kultur, Wissenschaftsmagazin, 6.03.2021, 12:40 Uhr.

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53 Kommentare

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  • Kommentar von Andy Gasser  (agasser)
    Man muss ohne Scheuklappen und Ideologie vorgehen. Stand heute sind Atomkraftwerke KEINE Option. Auch Reaktoren der vierten Generation nicht. Dennoch ist es wichtig dass an Flüssigsalzreaktoren geforscht wird. Den Atommüll haben wir ja bereits. Könnte dieser Verwertet werden, wäre das doch ein Gewinn für alle. Falsch wäre es hingegen neue konventionelle KKWs, auch der 4. Generation zu planen.
  • Kommentar von Alex Schneider  (Alex Schneider)
    Kernkraft ist kein Auslaufmodell
    Das International Panel on Climate Change (IPCC) geht davon aus, dass das Ziel von «netto null» CO2-Ausstoss ohne Kernkraft nicht erreicht ¬werden kann. In seinen Szenarien zur Begrenzung der globalen Erwärmung steigt der Anteil der Kernenergie.
    International lässt sich denn auch ein Ausbau der Kernenergie beobachten. Derzeit sind global 54 Kernkraftwerke im Bau. Allein zwölf davon in China und sieben in Indien. Projektiert sind 119 Anlagen.
  • Kommentar von Jonas Sanddorn  (Sanddorn)
    Mir wäre sogar ein erhörter Meeresspiegel lieber als eine radioaktiv verseuchte Erde!
    Finger weg von den AKWs.
    Aber wir müssen nicht zwischen zwei Übel wählen: Erneuerbare Energie heisst die Lösung!