Wald 2.0 Schweizer Forscher digitalisieren den Wald

Mit einer Art «Google Street View» wollen Forscher den Wandel des Waldes sichtbar machen. Dazu schiessen sie bald auch Schweizer Technologie ins All.

Video «Der digitale Wald» abspielen

Der digitale Wald

1:11 min, vom 23.6.2017

«Es ist wichtig zu wissen, wie sich ein Wald verändert», sagt Christian Rosset. Der Dozent für Waldbau an der Berner Fachhochschule HAFL möchte diese Veränderungen erfassen.

Zusammen mit seiner Mitarbeiterin Viola Sala stapft er durch den Sihlwald bei Zürich und sucht einen geeigneten Ort, um seine 360-Grad-Kamera zu platzieren.

Er ist überall in den Schweizer Wäldern unterwegs, um – wie er selber sagt – eine digitale Waldbibliothek zu erschaffen. «Wir wollen die Vielfalt der Schweizer Wälder dokumentieren und deshalb möglichst viele verschiedene Schweizer Wälder digitalisieren», erklärt Rosset.

Christian Rosset und Viola Sala hantieren an Kamera. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Christian Rosset und Viola Sala mit ihrer 360-Grad-Kamera. SRF

Wie «Street View», nur viel aufwändiger

Man kann es sich als Pendant zu Google Street View vorstellen. Nur, dass man in diesem Fall natürlich nicht gemütlich mit einem Auto samt 360-Grad-Kamera auf dem Dach die Bilder einfangen kann. Hier geht alles zu Fuss.

Die Wissenschaftler sind schon unzählige Kilometer durch die Schweizer Wälder marschiert. Vielerorts nicht nur einmal. Schliesslich ist das Ziel, auch die Veränderungen des Waldes sichtbar zu machen.

Momentaufnahmen des Waldes

Ein riesiger Aufwand. Wozu? «Beispielsweise für Förster ist das sehr hilfreich», erklärt Rosset. «Sie sehen in unserer Waldbibliothek mit wenigen Klicks, wie sich ein Waldstück innerhalb eines Monats oder gar über mehrere Jahre verändert hat.

Zum Beispiel nach einem Sturm oder nach Holzschlägen.» Die neuen Technologien rund um die Digitalisierung machen es möglich.

Schweizer «röntgen» Urwald von Borneo

Rund 11'000 Kilometer vom Sihlwald entfernt haben Forscher der Universität Zürich ihre Zelte aufgeschlagen. Sie wollen den Urwald von Borneo erfassen. Allerdings per Laser-Scanner.

Ihr Gerät, das an das Equipment eines Vermessungszeichners erinnert, sendet Laserimpulse und kann den Wald sozusagen «röntgen». Das geschieht vom Boden aus oder aus der Luft per Flugzeug.

Zwei Männer hantieren mit Laser-Scanner im Wald. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Forscher der Universität Zürich «röntgen» den Urwald von Borneo per Laser-Scanner. SRF

Die Laserimpulse werden von der Vegetation reflektiert. Das Echo ergibt ein dreidimensionales Abbild des Waldes. So gewinnt man effizient und flächendeckend Informationen über die Höhe der Bäume oder auch die Holzmenge. Bereits heute können automatisch Nadel- von Laubbäumen unterschieden werden.

Diagramm Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Vom Flugzeug aus wird der Wald per Laser gescannt. SRF

Schweizer Technologie im Weltall

Die Technologie kann noch mehr: Mit einem zweiten Gerät, einem sogenannten Spektrometer, wird aus der Luft die Stärke der Lichtreflektion des Waldes gemessen. Das ergibt eine Art optischen Fingerabdruck der Vegetation.

Es ermöglicht es den Forschern den Wasser- oder den Chlorophyllgehalt der Bäume abzuschätzen – ein wichtiges Indiz für die Biodiversität des Waldes.

Der Laser soll nächstes Jahr mit Hilfe der US-Raumfahrtbehörde NASA zur Raumstation ISS gebracht werden. So soll der Wald erstmals weltweit per Laser kartiert werden.

Lernen im Wald 2.0

Zurück im Sihlwald: Christian Rosset und Viola Sala von der Berner Fachhochschule haben einen geeigneten Ort gefunden und ihre Kamera platziert. Schon surrt die Kamera einmal um die eigene Achse. Kurz darauf, einige Meter weiter dasselbe noch einmal.

Am Ende entsteht so eine ganze Reihe hochaufgelöster 360-Grad-Aufnahmen. Diese werden später aufwändig bearbeitet, um auf dem Computer den virtuellen Waldspaziergang zu ermöglichen.

Zusatzinhalt überspringen

Waldbibliothek

Sylvotheque – die virtuelle Waldbibliothek.

Die dabei entstehende Schweizer Waldbibliothek soll nicht nur für Förster eine Hilfe sein, sondern auch dem breiten Publikum zugänglich gemacht werden. So gibt es den Berner Stadtwald Dählhölzli als interaktiven Waldlehrpfad zu erleben. Man erfährt, was Pilze im Totholz für eine Funktion haben, was der Unterhalt des Waldes kostet oder lernt, welches Blatt zu welcher Baumart gehört.

Ein Erlebnis für zu Hause am Computer oder direkt im Wald, mit dem Tablet in der Hand. Die Digitalisierung des Waldes beginnt in der Schweiz.

Person hält Tablet in den Händen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Unterwegs mit der digitalen Waldbibliothek. SRF

Sendung: SRF 1, Einstein, 29.06.2017, 22:25 Uhr

Sendung zu diesem Artikel

  • SRF 1 29.06.2017 22:25

    Einstein
    Das Geheimnis der wilden Wälder

    29.06.2017 22:25

    Urwälder faszinieren uns Menschen und sind ein wichtiger Lebensraum für Tiere und Pflanzen. Was steckt hinter dem Zauber des Unberührten? «Einstein» zeigt am Beispiel des Sihlwaldes, wie direkt neben der Stadt ein Urwald entsteht.