Tierversuche verstehen: Wenn die Forschung Transparenz verspricht

Tierversuche sind umstritten. Auch deshalb, weil die Bevölkerung die genauen Abläufe der Tierversuche zu wenig kenne. Das glaubt eine Initiative in Deutschland. Sie will mit einer Kampagne über Tierversuche aufklären.

Eine Maus sitzt auf einer Hand, die grüne Laborhandschuhe trägt Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Es ist hilfreich, wenn Forschende zeigen, was sie machen, sagt Tierschutz-Professor Hanno Würbel. Aber es reicht nicht. Keystone

SRF: Hanno Würbel, die neue Initiative in Deutschland mit dem Titel «Tierversuche verstehen» möchte Transparenz schaffen. Schafft sie das tatsächlich?

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Zur Person

Hanno Würbel ist Professor für Tierschutz an der Vetsuisse Fakultät der Universität Bern.

Hanno Würbel: Das wird sich weisen müssen. Fest steht, dass diese Initiative in einem bisher ungekannten Masse Informationen zur Verfügung stellt. Und zwar nicht nur Texte, sondern auch Bilder und Videos.

Man muss aber auch sehen: Diese Initiative kommt von Organisationen, die Tierversuche durchführen. Die haben ein bestimmtes Anliegen: nämlich Verständnis für Tierversuche zu schaffen. Inwieweit das Tierversuchsgegner und harte Tierschützer überzeugen wird, sei dahin gestellt.

Vor einigen Jahren hat die EU Richtlinien erlassen, die das ethische Prinzip verfolgen, Tierversuche wenn möglich zu vermeiden, ihre Zahl zu reduzieren und zu versuchen, das Leid der Tiere auf das unerlässliche Ausmass zu beschränken. Werden diese Richtlinien heute eingehalten?

Tierversuchskommissionen, die beurteilen müssen, inwieweit Tierversuche gerechtfertigt sind, richten sich sehr stark nach diesen Prinzipien. Dass es Probleme gibt und schwarze Schafe – davon muss man ausgehen. Um das zu verhindern, müsste man sehr engmaschige Kontrollen durchführen. Das kann aber nicht geleistet werden. Der Aufwand wäre riesig.

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Die Initiative

Die Internet-Plattform Tierversuche verstehen zeigt Videos von Forschern, die ihre Arbeit vorstellen, und ermöglicht den Austausch mit der Bevölkerung. Fünf Jahre lang soll diese Informationskampagne dauern: mit dem Ziel, die Fronten zwischen Forschern und Tierschützern zu enthärten.

Da könnte dann auch die Öffentlichkeitsarbeit vielleicht ihren Dienst dazu beitragen. Sie kennen beide Seiten – die des Tierschutzes und die des Forschers mithilfe von Tierversuchen: Wie müsste eine optimale Zusammenarbeit in Sachen Tierversuche aussehen?

Öffentlichkeitsarbeit ist immer dann optimal, wenn alle Beteiligten ausführlich zur Sprache kommen. Natürlich gibt es nicht eine Organisation oder Plattform, die alle Aspekte objektiv und neutral vertreten kann. Weil immer bestimmte Interessen dahinter stehen.

Insofern finde ich es begrüssenswert, dass es solche Initiativen wie «Tierversuche verstehen» gibt. Aber es braucht vor allem Plattformen, wo sich die Vertreter der verschiedenen Richtungen begegnen und austauschen können. Im Dialog bleiben, damit unterschiedliche Auffassungen ausdiskutiert werden können.

Ist das realistisch?

Man muss sich keine Illusionen machen: Es gibt im Bereich der Tierversuche und der Tiernutzung allgemein unüberbrückbare Konflikte, weil sehr unterschiedliche Auffassungen aufeinanderprallen. Aber es hilft der Sache, wenn die Forschenden zunehmend zeigen, was sie machen.

Letztlich sind wir erst dann am Ziel, wenn man all das, was in den Forschungslabors geschieht, dem Publikum zumuten kann. Erst dann haben wir das Niveau an Tierschutz erreicht, das wir alle grundsätzlich anstreben.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur Aktuell, 29.9.2016, 6.50 Uhr