Unbekannte Gefahr Rätselhaft viel Uran im Urin

Anfang 2017 fand ein Schweizer Arzt erhöhte Uranwerte im Urin von Patienten. Die Betroffenen klagten über starke Müdigkeit und Schmerzen. Das BAG sieht aber keine akute Gefährdung.

Ein laufender Wasserhahn. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Der Grenzwert für Uran im Trinkwasser liegt in der Schweiz bei 30 Mikrogramm pro Liter. Keystone

Am Anfang war die Müdigkeit. Nicht die Müdigkeit, die wir alle kennen, wenn man zu spät ins Bett gegangen ist. Vielmehr eine ausserordentliche Müdigkeit, die einen an die Grenze seiner Kräfte bringt. Zudem Kopfschmerzen, Schlafprobleme.

Unüblich hohe Mengen Uran

Maria Karlen* und Lena Müller* suchten deswegen ihren Arzt Thomas Carmine auf. Er war früher in der Kinderkrebsforschung tätig und hat seine Praxis in Pfäffikon am Zürichsee. Was der Mediziner fand, schockierte ihn: Bei beiden Patientinnen war viel zu viel Uran im Urin.

«Wir konnten das nicht glauben und dachten zuerst, es sei ein systemischer Messehler des Labors – ein renommiertes, amerikanisches umweltmedizinisches Labor», erklärt Carmine.

Doch der Arzt stiess auf weitere Fälle. Zwischen dem 22. Februar und 11. Mai 2017 fand Thomas Carmine im Urin von 39 Patienten unüblich hohe Mengen Uran 238.

Ein Bergbauarbeiter baut in einer tschechischen Mine Uran ab. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Ein Bergbauarbeiter baut in einer tschechischen Mine Uran ab. Keystone

Schadstoffe ausschwemmen

Er verwendete für die Untersuchung ein Schwermetall-Provokationsverfahren. Dabei erhält der Patient eine Infusion mit chemischen Zusätzen, sogenannten Chelaten. Diese schwemmen Schadstoffe aus dem Körper. In der Notfallmedizin wird dieses Verfahren bei akuten Schwermetallvergiftungen eingesetzt.

Mit diesem Verfahren «holen wir die Schwermetalle dort raus, wo sie festsitzen, und deshalb im Spontanurin nicht oder nur in viel niedrigen Dosen auftauchen würden», sagt Carmine.

Die Proben wurden anschliessend von zwei unabhängigen Labors in den USA und in der Schweiz mit dem Massenspektrometrie-Verfahren analysiert.

Auffällige Uranwerte im Urin

Das Sonderbare: Nach dem 11. Mai 2017 war kaum mehr Uran zu finden. Die Patienten wohnen verstreut in einem Gebiet, das grosse Teile der deutschsprachigen Schweiz abdeckt.

Im gleichen Zeitraum fand auch ein deutscher Arzt auffällige Uranwerte. Thomas Fischer, Präsident der Ärztegesellschaft für klinische Metalltoxikologie, stellte im Raum Düsseldorf in 250 Urinproben einen kontinuierlichen Anstieg von Uran fest.

Der Befund würde zu den Symptomen der Patientinnen passen: Eine Uranvergiftung zeigt sich zuerst durch Müdigkeit, längeren Erholungszeiten nach Sport oder Depressivität.

Traktor auf dem Feld. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Uran ist in vielen Phosphatdüngern enthalten, die hierzulande eingesetzt werden. Keystone

Normale Uranwerte in der Luft

Beim Bundesamt für Gesundheit BAG hat man in der fraglichen Zeit keine erhöhten Uranwerte in der Umwelt gemessen. In der Luft lagen die Konzentrationen aller gemessenen radiokativen Nuklide – künstliche und Uran – sehr deutlich unterhalb der Grenzwerte. Es konnten keine Abweichungen von den üblichen sehr tiefen Werten festgestellt werden.

Das Kantonale Labor Zürich nahm in derselben Zeit zusätzlich zu den Routinemessungen Proben in allen Seewasserwerken und fand ebenfalls die üblichen, tiefen Uranwerte im Trinkwasser.

Werte sind im normalen Bereich

Auch die in den Urinproben gemessenen Werte relativiert das BAG: «Wir haben gesehen, dass die Werte trotz Chelat-Behandlung in den Rahmen schon gemessener Wertebereiche normaler Urinproben passen. Sie sind nicht so hoch, dass man von einer akuten Gefährdung sprechen müsste», erklärt Philipp Steinman, stellvertretender Leiter der Sektion Umweltradioaktivität beim BAG.

Ein Zusammenhang zwischen den Messwerten in den Urinproben nach Chelat-Behandlung und den Urangehalten in der Umwelt sei für das BAG nicht nachvollziehbar.

Eine Hand hält viele kleine Kügelchen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Eine Handvoll Stickstoff-Phosphor-Dünger. Keystone

Ursprung unklar

Woher das Uran kommt, das Anfang 2017 in der Schweiz und in Düsseldorf im Urin der Patienten gefunden wurde, weiss man nicht. Aber es gibt Mutmassungen: Uran ist in vielen Phosphatdüngern enthalten, die hierzulande eingesetzt werden.

Dieses Uran könnte über Trinkwasser aufgenommen werden. Die erwähnten Messungen des Kantonalen Labors Zürich zeigten aber eben keine erhöhten Werte im Trinkwasser.

Auch die Verbrennung von Kohle im Winter kann dazu führen, dass etwas mehr Uran in der Luft ist. In der fraglichen Messperiode gab es in der Schweiz und im Raum Düsseldorf sogenannte Inversionslagen, bei der die Temperatur in den Niederungen höher liegt als weiter oben. Daraus ergab sich eine erhöhte Feinstaubkonzentration, was eine höhere Uranbelastung in der Luft zur Folge haben kann.

Denn Uran kommt von Natur aus in Gesteinen und im Boden vor. «Durch Aufwirbelung von Staub kann Uran auch in die Luft gelangen. Es ist ein giftiges Schwermetall, aber ich denke nicht, dass Uran das grösste Problem bei Schwermetallbelastungen darstellt», sagt Philipp Steinmann vom BAG.

Uran gelangt immer wieder in die Luft

Dass plötzlich erhöhte künstliche Radioaktivität gemessen wird, die aber immer noch weit unter dem Grenzwert liegt, komme vor, erklärt Philipp Steinmann: «In der Luft kann man feststellen, dass die künstliche Radioaktivität plötzlich ansteigt. Das war beispielsweise der Fall nach dem Reaktorunfall in Fukushima. Da konnten wir Radioisotope in der Luft messen, die wir seit Tschernobyl nicht gesehen hatten. Ende September gab es einen Vorfall mit dem künstlichen Isotop Ruthenium 106, das auch bei uns gemessen wurde. Da weiss man bis heute nicht, woher es stammte.»

2018 tritt die revidierte Strahlenschutzordnung in Kraft. Für das BAG ergeben sich daraus zusätzliche Möglichkeiten. «Wir erhalten eine gesetzliche Grundlage, um vermehrt die natürliche Radioaktivität zu überwachen», so Philipp Steinmann.

*Namen geändert

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kontext, 5.12.2017

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