Den Morgen des 8. April 1969 werden Gabriele Weibel und Walter Zehnder wohl niemals vergessen. Um 7:17 Uhr kam es zu einer gewaltigen Explosion in der Sprengstofffabrik Dottikon, bei der 18 Menschen ums Leben kamen und über 100 Personen teils schwer verletzt wurden.
Walter Zehnder war damals Werksingenieur in der sogenannten «Pulveri». «Ich unterhielt mich mit einem Kollegen. Dann kam der Knall.» Er und sein Kollege hatten sich sogleich unter dem Pult in Sicherheit gebracht, nachdem die Scheiben eingedrückt worden waren.
«Jeder verlor Kollegen.»
Kurz darauf mussten er und die anderen Mitarbeiter in den Luftschutzkeller. Zehner hatte einen Glassplitter am Kopf abbekommen und blutete stark. Im Gegensatz zu vielen anderen kam er aber schliesslich mit dem Schrecken davon.
Groteske Bilder
Gabriele Weibel machte gerade das Frühstück bereit, zu Hause auf dem Hembrunnhof, ein paar 100 Meter weg von der Sprengstrofffabrik. «Plötzlich kam mir das Küchenfenster mitsamt dem Rahmen entgegen», erinnert sich die Seniorin. Gleich darauf ging sie in den Stall zu ihrem Mann, der benommen am Boden lag. Das groteske Bild, das sie im Kuhstall antraf, wird sie nie mehr vergessen: «Wegen der Druckwelle lagen alle Kühe auf einer Seite.»
Deutlich schlimmer sah es vor Ort bei der Sprengstofffabrik aus: Dort, wo sich die Explosion ereignete, war nur noch ein Krater von 20 Metern Durchmesser zu sehen. Die Gebäude rundherum waren so stark beschädigt, dass es aussah, als hätte eine Bombe eingeschlagen. Polizisten, die vor Ort im Dienst waren, sprachen von Leichenteilen, die herum lagen. Bilder, die so manchen noch lange Zeit beschäftigten.
Hintergrundinformationen
Weil an jenem 8. April 1969 auch noch Bauarbeiten auf dem Areal im Gange waren, hatte es auf dem Gelände mehr Leute als sonst. Rund 400 Personen befanden sich Ort, als die Explosion passierte. Viele davon seien nach der Detonation auf dem Gelände umher geirrt, berichten Augenzeugen. Insgesamt fünf Feuerwehren waren danach im Einsatz, um die Brände vor Ort zu löschen.
Grosse Schäden
Aufgrund der grossen Druckwelle entstanden an rund 1300 Häuser grosse Schäden. Neben eingeschlagenen Fenstern gab es Scheuen die eingedrückt und Dächer die teils abgedeckt wurden. Gebäude im Umkreis von bis zu neun Kilometern waren betroffen, man habe den Knall sogar noch in Aarau gehört – in knapp 20 Kilometern Entfernung, hiess es damals.
Die Explosion sei in den nächsten Tagen und Wochen das Thema in den Dörfern gewesen, erinnert sich Gabriele Weibel.
«Es war das Tagesgespräch in der Region. Das ging ungefähr zwei Wochen lang so. Dann kehrte langsam der Alltag zurück.»
Das Leben habe aber weitergehen müssen: «Mir war voll bewusst, dass ich in der Nähe der Sprengstofffabrik wohne, und dass einmal etwas passierte könnte.»
Ungeklärte Ursache
Trotz der Tragödie stand auf dem Fabrikareal eine Frage bald einmal im Zentrum. «Wie schnell können wir wieder etwas in Betrieb nehmen, damit die Leute wieder Arbeit haben, damit wir liefern können und es weiter geht», erinnert sich Werksingenieur Walter Zehnder.
Der vermutet, dass eine Fehlmanipulation bei der Produktion des Sprengstoff TNT (Trinitrotoluol) das Unglück ausgelöst hat, und war in der dritten und letzten Phase der Produktion. Die genauen Umstände der gewaltigen Detonation wurden aber nicht restlos geklärt.