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Diogenes-Syndrom Wenn ein Leben in der Unordnung gefangen ist

Das Diogenes-Syndrom ist eine weitgehend unbekannte Störung. Es äussert sich durch zwanghaftes Anhäufen von Gegenständen und sozialen Rückzug. Menschen jeden Alters und jeder sozialen Schicht sind davon betroffen.

In der Schweiz ist das Diogenes-Syndrom eine Realität, die grösstenteils verborgen ist. Die betroffenen Personen suchen aus Scham oder Verleugnung in der Regel keine Hilfe, was ihre Situation noch schwieriger macht.

Entgegen weit verbreiteter Vorstellungen betrifft diese Störung nicht nur ältere Menschen. Auch immer mehr junge Menschen werden zu Gefangenen in einer chaotischen Umgebung, mit tiefen emotionalen Verletzungen.

Was die Räumequipe in der Wohnung von Nicolas* antraf:

Der Erfahrungsbericht von Nicolas (Name geändert), einem 30-Jährigen aus Genf, veranschaulicht diese Realität gut. Seit über zehn Jahren lebt er inmitten von Abfällen in einer Wohnung, die er als «Festung» bezeichnet. Nach dem plötzlichen Verlust seiner beiden Eltern versank er in extremer Isolation, bis er eine Räumungsaufforderung erhielt. «Ich möchte nicht, dass mich mein Umfeld erkennt», sagt er. «Für mich ist es eine Schande.»

Vielfältige und komplexe Ursachen

Das Diogenes-Syndrom sei nicht offiziell als Krankheit anerkannt, sondern als komplexe Störung, sagt Benjamin Lavigne, Psychiater am Universitätsspital Lausanne. «Es äussert sich durch eine pathologische Beziehung zum Körper, zu Gegenständen und zu anderen», präzisiert er.

Diese Störung könne durch traumatische Ereignisse wie einen Trauerfall oder eine Trennung ausgelöst werden. Oft sei sie jedoch das Resultat einer Kombination verschiedener psychologischer Faktoren.

Die Autorin Carole Allamand schildert im Buch «Tout garder» ihre persönliche Erfahrung. Nach dem Tod ihrer Mutter fand sie eine Wohnung vor, die in eine regelrechte Mülldeponie verwandelt worden war. «Die Gegenstände verraten sie nicht, sie verlassen sie nicht», erinnert sie sich. «Bei ihr war es offensichtlich, dass sie das Bedürfnis hatte, sich mit beruhigenden Gegenständen zu umgeben.»

Keine Faulheit, sondern Not

Für jene, die am Messie-Syndrom leiden, einer Störung, die oft mit dem Diogenes-Syndrom verbunden ist, wird das zwanghafte Anhäufen zu einer Möglichkeit, eine emotionale Leere zu füllen.

Benannt nach griechischem Philosophen

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Das Diogenes-Syndrom ist nach dem griechischen Philosophen Diogenes von Sinope benannt, der im 4. Jahrhundert vor Christus lebte. Von ihm ist überliefert, dass er gesellschaftliche Konventionen radikal abgelehnt haben soll. Erstmals beschrieben wurde das Syndrom in den frühen 1970er-Jahren in den USA.

Jennifer, 27 Jahre alt, kämpft seit Jahren darum, ihre Wohnung neu zu organisieren. «Das Messie-Syndrom ist keine Faulheit, es ist Not», betont sie. Mit Hilfe eines Ergotherapeuten hat sie begonnen, die Kontrolle über ihren Lebensraum zurückzugewinnen, ein langer und anspruchsvoller Prozess.

Für die betroffenen Personen stellt das Loslassen von materiellen Dingen eine echte Herausforderung dar. Doch wie Jennifer betont, «ist es möglich, da herauszukommen». Ihr Erfahrungsbericht soll eine Botschaft der Hoffnung sein für all jene, die gegen diese unsichtbare, aber verheerende Störung kämpfen.

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Rundschau, 8.4.2026, 20:05 Uhr; wyss

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