«Die Dringlichkeit wurde nicht berücksichtigt»: Der Satz im Untersuchungsbericht der internen Kontrollorgane von Gendarmerie und Justiz zum Mord an der elfjährigen Lyhanna bringt die Versäumnisse der involvierten Stellen auf den Punkt.
Frankreichs Premierminister Sébastien Lecornu versprach, sich nicht «herauszureden» angesichts «einer Wahrheit von extremer Schwere». Die Minister für Inneres und Justiz kündigten weitere Untersuchungen an und verhängten erste Sanktionen: Unter anderem sind der leitende Ermittler strafversetzt und die zuständige Staatsanwältin suspendiert worden.
Stimmen zum Untersuchungsbericht im Fall Lyhanna:
Der Untersuchungsbericht stellt den Zusammenhang her zwischen dem heutigen Fall von Lyhanna und der ebenfalls getöteten zehnjährigen Rosa. Es wird vermutet, dass derselbe Mann für die beiden Gewalttaten verantwortlich ist. Im August 2025 reichte die Mutter von Rosa gegen den Mann eine Strafanzeige ein wegen «rund fünfzig Vergewaltigungen».
Diese Anzeige sei «nicht als vorrangiges Verfahren behandelt» worden, präzisierte Stéphane Noel, der Leiter der internen Untersuchung. «Der sensible Charakter des Verfahrens wurde nicht weitergegeben, das Verfahren wurde nicht an die richtige Gendarmerie-Dienststelle weitergeleitet.» Und er sprach weiter von «einer unzureichenden Berücksichtigung der Dringlichkeit» angesichts des Profils des Verdächtigen, gegen den bereits mehrere Anzeigen wegen sexueller Übergriffe und Vergewaltigungen an Kindern vorlagen.
Die Regierung versucht, die Wogen zu glätten
Justizminister Gérald Darmanin zog sich den Zorn zahlreicher Richter und Staatsanwältinnen zu, als er bereits in den ersten Stunden nach der Entdeckung der getöteten Lyhanna von individuellem Fehlverhalten sprach. Geschwächt durch diese Affäre und die Forderungen nach seinem Rücktritt, wies er erneut jede politische Verantwortung von sich.
Die Gewerkschaften der Richterinnen und Staatsanwälte verwiesen ihrerseits auf den Berg an Pendenzen und den eklatanten Mangel an Mitteln.
Auch Innenminister Laurent Nunez versuchte zu beschwichtigen. Er sprach allen Ermittlungskräften der Polizei und der Gendarmerie sein «Vertrauen» aus und fügte hinzu, er werde «darüber wachen», dass diese Akte «kein Misstrauen auf die kolossale Arbeit» werfe, die seiner Ansicht nach bereits geleistet worden sei.
Premierminister Sébastien Lecornu schrieb auf der Plattform X: «Die Schutzkette hat versagt» aufgrund einer «Aneinanderreihung von Fehlern, Nachlässigkeiten, Untätigkeiten und falschen Entscheidungen». Und weiter: «Die öffentliche Gewalt wird sich nicht herausreden. Sie muss (...) die Verantwortlichkeiten genau festlegen und alle Konsequenzen daraus ziehen, auch individuelle.» Weder die Gendarmerie noch die Justiz als Ganzes dürften dadurch aber «in Verruf gebracht» werden.
Seit dem Tod von Lyhanna gibt es landesweit Proteste, bei denen ein besserer Schutz der Opfer sexueller und geschlechtsspezifischer Gewalt gefordert wird.