Gewalt ohne Ideologie: Das ist das Kennzeichen des Nihilismus, einer sich ausbreitenden neuen Form des Extremismus.
Im Gegensatz zu herkömmlichen Radikalisierungsformen vertritt diese Bewegung weder eine politische noch eine religiöse Sache.
«Beim extremistischen Nihilismus ist Gewalt nicht nur ein Mittel, sondern auch ein Selbstzweck», erklärt Géraldine Casutt, Forscherin und Leiterin von Einsätzen bei der Fachstelle für Radikalisierungsprävention des Kantons Waadt, gegenüber dem Westschweizer Radio und Fernsehen RTS.
Ein Geflecht von Online-Gruppen
Der gewalttätige Nihilismus besteht aus einer Vielzahl dezentraler, aber miteinander vernetzter Gruppen.
Diese Gemeinschaften verherrlichen und fördern Gewalt in unterschiedlichster Form. Einige nehmen gezielt verletzliche Jugendliche ins Visier und setzen sie unter Druck, sich selbst zu verletzen, Tiere zu quälen oder sexuelle Handlungen zu filmen. Die Gewalt kann bis zu Suizid oder Mord führen.
Andere verherrlichen Täter von Massentötungen oder veröffentlichen Anleitungen zur Begehung von Gewalttaten.
Eine Gewalttat zu begehen und sie zu dokumentieren, verschafft innerhalb der Gruppe Ansehen. Opfer werden dabei häufig später selbst zu Tätern.
Normalisierung von Gewalt
Das Internet ist das wichtigste Rekrutierungsfeld dieser Bewegungen. Problematische Inhalte sind leicht zugänglich – sogar auf weitverbreiteten Plattformen wie Tiktok.
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Schon nach wenigen Minuten auf diesem sozialen Netzwerk findet man Kleidungs- und Stil-Empfehlungen, die sich an jungen Amoktätern orientieren. Zusammenschnitte preisen deren angebliche «Schönheit» oder zelebrieren die Zahl ihrer Opfer.
«Die Anonymität im Internet erleichtert es, eine gewisse Faszination für Gewalt auszuleben, ohne strafrechtliche Konsequenzen befürchten zu müssen», sagt Ahmed Ajil, Kriminologe an der Universität Luzern und Extremismus-Experte. «Man verliert leicht das Bewusstsein dafür, wie schwerwiegend die Dinge sind, die man sagt, oder die Inhalte, die man konsumiert.»
Schwierige Erkennung
Diese Form der Radikalisierung zu erkennen, ist keineswegs einfach. Es muss nachgewiesen werden, dass eine scheinbar isolierte Straftat Teil eines grösseren Netzwerks ist. Dieser Zusammenhang wird von den Behörden nicht immer erkannt.
Dadurch wird es schwierig, das Phänomen zu dokumentieren und sein tatsächliches Ausmass zu erfassen.
Isolierte Jugendliche auf der Suche nach Sinn
Betroffen sind vor allem Jugendliche. Es handelt sich überwiegend um Jungen, auch wenn Mädchen – insbesondere als Opfer – ebenfalls betroffen sind.
Der RTS-Audiobeitrag zum gewalttätigen Nihilismus:
Weitere Faktoren wie soziale Isolation, das Gefühl von Ungerechtigkeit und das Bedürfnis nach Anerkennung begünstigen diese Form der Radikalisierung.
«Die Menschen, die in diese Szene geraten, suchen nach etwas», sagt Casutt. «Man verspürt ein Unbehagen, ein Fragezeichen im Herzen und im Kopf. Genau darin liegt die Stärke dieser Netzwerke: Sie liefern einem eine Antwort.»
Verstehen, um vorzubeugen
Die Forschung zu diesem Phänomen steckt noch in den Anfängen.
Im vergangenen Dezember hat Kanada mehrere Gruppen, die mit dem gewalttätigen Nihilismus in Verbindung stehen, als terroristische Organisationen eingestuft.
Auch in der Schweiz wächst allmählich das Bewusstsein für diese neu entstehende Bedrohung.