Zwischen den Regalen blickt eine Frau hervor: Ein halbes Gesicht, rote Haare, ein erstarrtes Lächeln auf einer vergilbten Schallplattenhülle. In leuchtend grünen Buchstaben steht: «Jacqueline Dulac… Tu peux me sourire» («Du kannst mir zulächeln»).
Wie sie verlassen derzeit rund 180'000 Schallplatten das Haus des Westschweizer Radio und Fernsehen RTS in Lausanne. «Wir schätzen das Gesamtgewicht auf etwa 40 Tonnen», sagt Marie-Françoise Guex, Dokumentalistin bei RTS.
Die Bewahrung dieses kulturellen Gedächtnisses gehört zu unserem Auftrag.
«Einen geeigneten Platz für sie zu finden, ist sehr schwierig. Die neuen RTS-Räumlichkeiten sind nicht für sogenannte Kaltlagerung ausgelegt, also für Bestände, die nur relativ selten genutzt werden», sagt sie. «Zudem stellt Vinyl auch Sicherheitsfragen: Es entzündet sich zwar nicht leicht, erzeugt aber eine hohe Brandlast. Deshalb brauchten wir sichere und zugleich bezahlbare Räumlichkeiten.»
Unter den Tausenden von Hüllen verbergen sich vergessene Schätze. «Im Bereich der klassischen Musik haben wir Aufnahmen von Westschweizer Interpretinnen und Interpreten wiedergefunden, die nie neu aufgelegt wurden. Für einen öffentlich-rechtlichen Sender ist das wichtig, denn die Bewahrung dieses kulturellen Gedächtnisses gehört zu unserem Auftrag.»
Ein Umzug mit Präzisionsplanung
In dieser riesigen Klangbibliothek darf keine Referenz durcheinandergeraten. Seit zwei Wochen füllen die Teams grosse Holzkisten und halten dabei eine exakte Reihenfolge ein.
Der Umzugsmitarbeiter Djamel erklärt die Methode: «Es geht immer von links nach rechts. Wir bereiten die Kartons mit Pfeilen und Nummern vor, damit wir nie die Orientierung verlieren. Anschliessend laden wir die Behälter genau in derselben Reihenfolge wieder ein.»
Trotz des hohen Tempos werfen die Umzugshelfer manchmal einen Blick auf die Hüllen, die ihnen durch die Hände gehen.
«Man schaut schon kurz hin. Es gibt Klassiker, die man kennt. Gut, ich bin noch etwas jung, aber vieles erkennt man trotzdem», sagt Djamel.
Ein Bunker mitten im Wald
Nach mehreren Stunden Fahrt erreichen die Schallplatten Schlierbach im Kanton Luzern.
Am Ende eines kaum sichtbaren Waldwegs öffnet sich eine schwere Metalltür zu einem ehemaligen Militärbunker.
Der Verantwortliche vor Ort heisst David Giudici und arbeitet für die Schweizerische Nationalphonothek.
«Der ehemalige Militärbunker bietet ideale Bedingungen hinsichtlich Temperatur und Luftfeuchtigkeit. Wir müssen fast nichts tun, um die Tondokumente unter optimalen Bedingungen zu konservieren. Deshalb wurde dieser Ort ausgewählt.»
RTS-Beitrag zur Schallplatten-Zügelaktion (mit dt. Untertiteln):
Bereits seit Jahren werden dort auch Archiv-Kopien der RTS-Sendungen aufbewahrt.
«Die Hauptarchive der Schweizerischen Nationalphonothek befinden sich in Lugano. Hier lagern wir jedoch eine zweite physische Kopie der Tondokumente.»
Nun kommen auch die Musikschallplatten von RTS in diesen tief im Herzen der Schweiz verborgenen Bunker. Tausende Stimmen und Melodien werden dort weiterhin ruhen – im Dunkeln und geschützt vor den Spuren der Zeit.