Hohe Eisentore schliessen sich hinter uns: Die alte sowjetische Strafanstalt im Osten der Ukraine – der genaue Standort muss geheim bleiben – ist das grösste Lager der ukrainischen Armee für russische Kriegsgefangene. Die genaue Anzahl der Gefangenen ist ein Militärgeheimnis. Allein hier sind es über Tausend.
Im ersten Raum riecht es nach Blut, Schlamm und Kerosin. Hier sind die Tarnuniformen der Neuankömmlinge von der Front gestapelt, einige noch von Geschossen durchlöchert. Es folgen die Duschen, der Raum zum Rasieren, dann ein Hof, umgeben von grauen Mauern und Stacheldraht.
Eine Sirene gibt das Signal für die Stunde Hofgang. Die Gefangenen gehen zu zweit in einer Reihe, die Hände hinter dem Rücken, in kobaltblauen Uniformen gekleidet.
Sehen Sie das Interview mit Ivan, 24:
Hier warten die russischen Kriegsgefangenen darauf, gegen ukrainische Kriegsgefangene ausgetauscht zu werden. Diese Austausche finden regelmässig seit Beginn der Invasion statt.
Im Unterschied zu russischen Kriegsgefangenenlagern haben im ukrainischen Lager das Rote Kreuz und internationale Organisationen Zugang.
Ivan, 24 Jahre alt, kommt aus Rostow. Er habe sich rekrutieren lassen, weil «das Mutterland es befohlen hat», sagt er der Reporterin vom Radio und Fernsehen der italienischen Schweiz (RSI). Lange Pausen folgen auf jede Antwort. «Ich habe nur Befehle ausgeführt», sagt er. Und auf die Frage, ob ein Krieg, in dem so viele Zivilisten sterben, gerecht sei, antwortet er: «Wenn wir angegriffen haben, dann hatten wir das Recht dazu.»
«Wie hast du dich gefühlt, als du getötet hast?» «Schlecht».
Aber es ist nicht Reue, die ihn das Ende des Krieges wünschen lässt. Es ist eher die Müdigkeit: «Nach vier Jahren habe ich genug vom Kämpfen.»
Sergey, 31 Jahre alt, kommt aus einem Gefängnis in Samara. Er war Strassenmusiker, lebte aber hauptsächlich von Diebstählen. Indem er sich zum Kriegsdienst meldete, entging er einer Verurteilung wegen schwerer Körperverletzung. «Entweder Gefängnis oder Krieg», sagt er.
Moskau hat noch keine allgemeine Mobilmachung der eigenen Bevölkerung erklärt, hat aber bereits mehr als die Hälfte der Gefängnisse geleert, um jene Einheiten aufzufüllen, die an die vorderste Front geschickt werden. Die Mehrheit der Gefangenen hier stammt aus diesen Reihen.
Sergey ist der einzige Überlebende seiner Gruppe: «Die Gerüchte über die Gefangenschaft waren so schrecklich, dass viele sagten, es sei besser, Selbstmord zu begehen.»
Stattdessen, erzählt er, hätten die ukrainischen Soldaten, die ihn gefangen nahmen, Wasser, Brot und Zigaretten mit ihm geteilt. «Wir töten einander, aber wir wissen beide, dass wir nur im Krieg sind, weil es uns jemand befohlen hat.»
In der Mensa erhalten die Gefangenen die gleiche Verpflegung wie die ukrainischen Soldaten an der Front. Sie haben fünfzehn Minuten zum Essen. Dann müssen sie aufstehen und sich im Chor auf Ukrainisch für die erhaltene Mahlzeit bedanken.
Die Berichte von der Front ähneln sich alle: Drohnen überall, Selbstmordangriffe, Leichen auf den Feldern zurückgelassen. «Es ist nicht wie in den Filmen», sagt ein junger Ägypter, der nach nur drei Tagen Kampf gefangen genommen wurde. «Es ist zu schrecklich, um erzählt zu werden.»