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Auslandsadoption Sie suchte ihre leiblichen Eltern – und fand erst die falschen

Als Kind aus Indien adoptiert, sucht Simea nach ihren Wurzeln. Sie wird fündig – bis ein DNA-Test alles infrage stellt. Eine Geschichte über Hoffnung, Verlust und die Frage, was Herkunft bedeutet.

Simea Frei hat nie gewusst, woher sie kommt. Leere und Einsamkeit begleiteten sie ihr Leben lang. Auf die vielen Fragen gab es keine Antworten. Wer ihre leiblichen Eltern waren und warum sie abgegeben wurde, wusste niemand genau. Auch die Familie nicht, die sie aufnahm.

Bekannt war nur, dass Simea mit dreieinhalb Jahren aus Indien in die Schweiz adoptiert wurde. Damals schielte sie stark und konnte nicht gut laufen.

Ein Kind in einem gestreiften Kleid steht draussen neben Pflanzen.
Legende: Simea als Kleinkind im Kinderheim in Indien. SRF

Simea wuchs neben drei leiblichen Kindern ihrer Adoptiveltern auf, in einer Familie, die ihr ein gutes Leben bieten wollte. Und doch sagt Damaris Frei, ihre Adoptivmutter: «Wir wissen, dass das, was wir Simea bieten, nicht das Beste ist. Am besten wäre es gewesen, wenn Simea bei ihrer leiblichen Familie hätte bleiben können.»

Drei Personen im Garten, zwei umarmen sich, eine steht daneben.
Legende: Simea besucht ihre Adoptiveltern bei ihnen zu Hause. SRF

Ihren Adoptiveltern stand Simea stets nah. Doch begleitete sie immer die Angst, ihnen nicht zu genügen, die Angst, wieder abgegeben zu werden. Nicht zurück nach Indien, aber vielleicht in ein Schweizer Kinderheim.

«Diese Verlustangst war immer da», sagt sie. Sie zog sich durch die Kindheit bis ins Erwachsenenleben. Erst durch Therapie lernte Simea, besser mit ihrer Geschichte umzugehen. «Auch von zu Hause auszuziehen, hat mir geholfen, diese Ängste zu überwinden», erklärt sie.

Nach Indien für die Herkunftssuche

Vor einigen Jahren entschied sich Simea, die Suche nach ihren leiblichen Eltern anzugehen. Sie forderte Dokumente an, stiess in der Schweiz aber schnell an Grenzen. Die Adoptionsagentur empfahl ihr, nach Indien zu reisen.

Zwei lachende Personen sitzen am Seeufer vor einem goldenen Gebäude.
Legende: Simea und ihre Freundin auf ihrer Reise nach Indien. SRF

2023 reiste sie zusammen mit einer Freundin nach Neu-Delhi und Chandigarh, zu den Kinderheimen, in denen sie als Kleinkind wohnte, bevor sie in die Schweiz gebracht wurde. Die Begegnungen dort liessen sie nicht mehr los: all die Kinder, die niemand adoptiert hatte und bis heute im Heim wohnen.

Im christlichen Mutter-Teresa-Kinderheim in Chandigarh weigerten sich die Nonnen zunächst, ihr Einsicht in die Adoptionsunterlagen zu geben. Doch Simea liess nicht locker, bis das Heim ihr schliesslich die Namen der Eltern aushändigte.

Handgeschriebener Text auf Papier mit mehreren Zeilen und Wörtern.
Legende: Die Informationen, die Simea vom Kinderheim erhielt. SRF

Mehr Informationen gab es nicht. Zusammen mit ihrer Freundin durchstöberte sie Facebook. «Wir hatten zwar die Namen, doch damit kamen wir nicht weit. Gefühlt heisst jeder dritte Mann in Indien John», erinnert sich Simeas Freundin.

Eine Familie per Videocall

Am letzten Tag der Reise kam die Nachricht der Adoptionsagentur: Das Heim habe die Eltern gefunden. Von einem Treffen wurde Simea jedoch abgeraten. So lernte sie ihre mögliche Familie per Videoanruf kennen.

Dann brach eine Welt zusammen.
Autor: Ursula Bieri Simeas gute Freundin

Zwei Jahre lang blieb Simea regelmässig in Kontakt mit dieser Familie. Dann starb die Mutter. Für Simea war das eine schwierige Zeit. Sie wusste nicht, wie sie um eine Frau trauern sollte, die sie nie persönlich getroffen hatte und von der sie noch keinen Beweis hatte, dass es ihre leibliche Mutter war.

Zwei Frauen sitzen an einem Tisch in einem Restaurant und unterhalten sich.
Legende: Simea und ihre Freundin sprechen rückblickend gemeinsam über die Reise nach Indien. SRF

Simeas Freundin überzeugte sie schliesslich zu einem DNA-Test. Nach langem Warten kam das negative Ergebnis. «Dann brach eine Welt zusammen», erzählt Simeas Freundin. Simea konnte es nicht fassen. Zwei Jahre lang war sie in Kontakt mit einer Familie, im Glauben, es sei ihre. Ein Verlust, um den sie trauerte, obwohl er gar nicht ihrer war. Alles auf der Grundlage einer falschen Zuordnung.

Simea denkt zurück: «Ich fragte mich, was diese Nonnen eigentlich machen. Hatten sie Freude daran, mir eine falsche Familie zuzuteilen?» Simea bat die Adoptionsagentur, der Sache nachzugehen. Dann kam die Erklärung: Es sei zu einer Dokumentenverwechslung gekommen.

Die Diskussion um Auslandsadoptionen

Geschichten von fehlenden Dokumenten und Mängeln bei Adoptionen in der Schweiz häufen sich. In den letzten Jahren wurden in der Schweiz zahlreiche Fälle illegaler Adoptionen aufgedeckt.

«Mutter unbekannt» – die Studie

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Die Kantone Zürich und Thurgau haben die Praxis bei Adoptionen aus Indien in den Jahren 1973 bis 2002 untersuchen lassen. Die Studie «Mutter unbekannt – Adoptionen aus Indien in den Kantonen Zürich und Thurgau, 1973–2002» kommt zum Schluss, dass die zuständigen Stellen der Kantone ihre Verantwortung nicht ausreichend wahrgenommen hatten.

Kinder wurden unter falschen Angaben, ohne Zustimmung der leiblichen Eltern oder gegen hohe Bezahlung ins Ausland vermittelt. Auch Simea hat in Gesprächen mit anderen adoptierten Personen von solchen Fällen gehört und bei ihren Adoptiveltern nachgefragt.

Simeas Adoptiveltern sind überzeugt, dass bei ihrer Adoption alles mit rechten Dingen zuging. Sie hätten rund 7000 Franken bezahlt und über fünf Jahre auf ein Kind gewartet. Simea habe von anderen adoptierten Personen gehört, deren Eltern über 30'000 Franken bezahlt haben sollen.

Politische Debatte zum Verbot von Auslandsadoptionen

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Der Bundesrat will internationale Adoptionen verbieten. Bundesrat Beat Jans sagte dazu: «Kinder wurden zur Adoption freigegeben, trotz gefälschter Papiere und ohne Zustimmung der leiblichen Mütter.» Weiter erklärte er: «Als Staat sind wir verantwortlich dafür, dass sich eine solche Vergangenheit nicht wiederholt.»

Der Nationalrat stellte sich im September 2025 gegen ein Verbot. In der Sommersession im Juni 2026 äusserte sich der Ständerat dazu und wies die Forderung des Nationalrats zurück. Damit rückt ein Verbot wieder näher. Bis Ende 2026 soll das Bundesamt für Justiz zwei Szenarien für eine neue Gesetzesregelung erarbeiten.

Simea und ihre Adoptiveltern sind sich in dieser Frage einig: Ein Verbot wäre für sie der falsche Weg. «Kinder, die keine Familie haben, verdienen ein gutes Zuhause», meint Simeas Adoptivmutter.

Illegale Adoptionen habe es gegeben und seien sehr problematisch. Aber die Antwort darauf könne nicht sein, internationale Adoptionen ganz abzuschaffen. «Es muss besser kontrolliert werden, es ganz zu verbieten, fände ich schade», sagt Simea.

Zahlen zu Auslandsadoptionen in der Schweiz

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Laut Zahlen des Bundes ist die Zahl der Auslandsadoptionen stark gesunken: von 301 Kindern im Jahr 2010 auf 42 im vergangenen Jahr. Aus Indien wurde 2025 kein Kind mehr adoptiert, 2024 waren es noch zwei.

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Als Simea von der Dokumentenverwechslung erfuhr, wurde sie auch darüber informiert, dass das Heim nun ihre richtigen Eltern gefunden habe. Simea erinnert sich: «Ich konnte es nicht glauben und war kritisch. Das hat mich nochmals total aufgewühlt.» Trotzdem habe sie wieder Hoffnung gehabt, dass dies nun ihre leibliche Familie sein könnte.

Ich sah ihr die Scham an, ihr Kind weggegeben zu haben.
Autor: Simea Frei aus Indien adoptiert

Simea entschied sich, ein zweites Mal nach Indien zu reisen. An die erste Begegnung mit dieser Familie könne sie sich noch gut erinnern. Den Blick der Mutter, sagt sie, werde sie nie vergessen: «Ich sah ihr die Scham an, ihr Kind weggegeben zu haben.»

Drei Personen stehen zusammen, eine in einem weissen Hemd, eine in einem gemusterten Kleid und eine in einem rosa Schal.
Legende: Im Oktober 2025 trifft Simea eine zweite Familie in Indien. SRF

An das erste Treffen mit dieser Familie ging sie rational heran. Mithilfe von Dolmetscherinnen stellte sie alle Fragen, die sie hatte: Warum sie weggegeben wurde. Wie die Mutter sich dabei gefühlt hatte. Ob sie in all den Jahren an sie gedacht hatte. Am Ende der Reise gelang es ihr, die Familie von einem DNA-Test zu überzeugen.

Positiv und trotzdem skeptisch

Die Ergebnisse kamen erst nach ihrer Rückkehr in die Schweiz und waren positiv. Simea traute ihren Augen nicht. Der Gedanke, dass der Test gefälscht sein könnte, liess sie nicht los. Vielleicht hatte die Familie bezahlt, damit er ein positives Ergebnis zeigte? Nach allem, was sie durchgemacht hatte, war sie skeptisch. Erst nach einem Monat begann sie, langsam zu glauben, dass es wahr sein könnte.

Herkunftssuche in der Schweiz

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Seit 2018 wird in der Schweiz erfasst, wie viele adoptierte Personen nach ihrer leiblichen Familie suchen. Aus Indien gab es innerhalb von acht Jahren insgesamt 67 Suchanfragen, jährlich zwischen 5 und 15 Personen. Fast niemand fand die leibliche Familie. Im Jahr 2023 konnten drei leibliche Elternpaare aus Indien identifiziert werden.

Seither ist Simea mit der Familie per Videoanruf in Kontakt. Die Sprachbarriere macht es schwierig. Manchmal braucht Simea eine Dolmetscherin, manchmal versuchen sie es auf Englisch. «Ob ich mich zu meinen leiblichen Eltern verbunden fühle, ist schwierig zu sagen, weil es doch fremde Menschen sind», sagt Simea.

Zwei Frauen sitzen an einem Tisch und schauen auf ein Tablet.
Legende: Simea telefoniert per Videoanruf mit der Familie in Indien. SRF

Sie wünsche sich jedoch, sie wieder besuchen zu können. Seit dem positiven DNA-Test hat Simea die Familie nicht wiedergesehen.

Die Frage, die bleibt

Eine Frage lässt Simea nicht los: Wie kann eine Mutter ihr Kind weggeben? Gegenüber Sara Hasler, einer adoptierten jungen Frau aus Äthiopien, öffnet sie sich und spricht aus, was sie sonst kaum in Worte fasst: «Manchmal denke ich, es wäre besser gewesen, in den Armen meiner Mutter zu sterben, statt durch diesen Schmerz zu gehen.»

Ein Satz, den sich Sara selbst nie traute, laut auszusprechen. Simea fügt an: «Ich weiss, es klingt hart, aber ich bin ehrlich.» Dann kommen ihr die Tränen.

«SRF Impact Inside»

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«SRF Impact Inside» taucht ab in die Lebenswelten von jungen Schweizerinnen und Schweizern, die Sie bisher nicht kennen. Sie nehmen Sie mit auf ihren Weg und zeigen Ihnen ihre ganz eigene Art zu leben. Lassen Sie sich ein auf spannende Portraits, tiefe Einblicke, neue Perspektiven und kontroverse Themen.

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SRF 2, 2.7.2026, 23:53 Uhr; wilh

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