Simea Frei hat nie gewusst, woher sie kommt. Leere und Einsamkeit begleiteten sie ihr Leben lang. Auf die vielen Fragen gab es keine Antworten. Wer ihre leiblichen Eltern waren und warum sie abgegeben wurde, wusste niemand genau. Auch die Familie nicht, die sie aufnahm.
Bekannt war nur, dass Simea mit dreieinhalb Jahren aus Indien in die Schweiz adoptiert wurde. Damals schielte sie stark und konnte nicht gut laufen.
Simea wuchs neben drei leiblichen Kindern ihrer Adoptiveltern auf, in einer Familie, die ihr ein gutes Leben bieten wollte. Und doch sagt Damaris Frei, ihre Adoptivmutter: «Wir wissen, dass das, was wir Simea bieten, nicht das Beste ist. Am besten wäre es gewesen, wenn Simea bei ihrer leiblichen Familie hätte bleiben können.»
Ihren Adoptiveltern stand Simea stets nah. Doch begleitete sie immer die Angst, ihnen nicht zu genügen, die Angst, wieder abgegeben zu werden. Nicht zurück nach Indien, aber vielleicht in ein Schweizer Kinderheim.
«Diese Verlustangst war immer da», sagt sie. Sie zog sich durch die Kindheit bis ins Erwachsenenleben. Erst durch Therapie lernte Simea, besser mit ihrer Geschichte umzugehen. «Auch von zu Hause auszuziehen, hat mir geholfen, diese Ängste zu überwinden», erklärt sie.
Nach Indien für die Herkunftssuche
Vor einigen Jahren entschied sich Simea, die Suche nach ihren leiblichen Eltern anzugehen. Sie forderte Dokumente an, stiess in der Schweiz aber schnell an Grenzen. Die Adoptionsagentur empfahl ihr, nach Indien zu reisen.
2023 reiste sie zusammen mit einer Freundin nach Neu-Delhi und Chandigarh, zu den Kinderheimen, in denen sie als Kleinkind wohnte, bevor sie in die Schweiz gebracht wurde. Die Begegnungen dort liessen sie nicht mehr los: all die Kinder, die niemand adoptiert hatte und bis heute im Heim wohnen.
Im christlichen Mutter-Teresa-Kinderheim in Chandigarh weigerten sich die Nonnen zunächst, ihr Einsicht in die Adoptionsunterlagen zu geben. Doch Simea liess nicht locker, bis das Heim ihr schliesslich die Namen der Eltern aushändigte.
Mehr Informationen gab es nicht. Zusammen mit ihrer Freundin durchstöberte sie Facebook. «Wir hatten zwar die Namen, doch damit kamen wir nicht weit. Gefühlt heisst jeder dritte Mann in Indien John», erinnert sich Simeas Freundin.
Eine Familie per Videocall
Am letzten Tag der Reise kam die Nachricht der Adoptionsagentur: Das Heim habe die Eltern gefunden. Von einem Treffen wurde Simea jedoch abgeraten. So lernte sie ihre mögliche Familie per Videoanruf kennen.
Dann brach eine Welt zusammen.
Zwei Jahre lang blieb Simea regelmässig in Kontakt mit dieser Familie. Dann starb die Mutter. Für Simea war das eine schwierige Zeit. Sie wusste nicht, wie sie um eine Frau trauern sollte, die sie nie persönlich getroffen hatte und von der sie noch keinen Beweis hatte, dass es ihre leibliche Mutter war.
Simeas Freundin überzeugte sie schliesslich zu einem DNA-Test. Nach langem Warten kam das negative Ergebnis. «Dann brach eine Welt zusammen», erzählt Simeas Freundin. Simea konnte es nicht fassen. Zwei Jahre lang war sie in Kontakt mit einer Familie, im Glauben, es sei ihre. Ein Verlust, um den sie trauerte, obwohl er gar nicht ihrer war. Alles auf der Grundlage einer falschen Zuordnung.
Simea denkt zurück: «Ich fragte mich, was diese Nonnen eigentlich machen. Hatten sie Freude daran, mir eine falsche Familie zuzuteilen?» Simea bat die Adoptionsagentur, der Sache nachzugehen. Dann kam die Erklärung: Es sei zu einer Dokumentenverwechslung gekommen.
Die Diskussion um Auslandsadoptionen
Geschichten von fehlenden Dokumenten und Mängeln bei Adoptionen in der Schweiz häufen sich. In den letzten Jahren wurden in der Schweiz zahlreiche Fälle illegaler Adoptionen aufgedeckt.
Kinder wurden unter falschen Angaben, ohne Zustimmung der leiblichen Eltern oder gegen hohe Bezahlung ins Ausland vermittelt. Auch Simea hat in Gesprächen mit anderen adoptierten Personen von solchen Fällen gehört und bei ihren Adoptiveltern nachgefragt.
Simeas Adoptiveltern sind überzeugt, dass bei ihrer Adoption alles mit rechten Dingen zuging. Sie hätten rund 7000 Franken bezahlt und über fünf Jahre auf ein Kind gewartet. Simea habe von anderen adoptierten Personen gehört, deren Eltern über 30'000 Franken bezahlt haben sollen.
Simea und ihre Adoptiveltern sind sich in dieser Frage einig: Ein Verbot wäre für sie der falsche Weg. «Kinder, die keine Familie haben, verdienen ein gutes Zuhause», meint Simeas Adoptivmutter.
Illegale Adoptionen habe es gegeben und seien sehr problematisch. Aber die Antwort darauf könne nicht sein, internationale Adoptionen ganz abzuschaffen. «Es muss besser kontrolliert werden, es ganz zu verbieten, fände ich schade», sagt Simea.
Die Hoffnung stirbt zuletzt
Als Simea von der Dokumentenverwechslung erfuhr, wurde sie auch darüber informiert, dass das Heim nun ihre richtigen Eltern gefunden habe. Simea erinnert sich: «Ich konnte es nicht glauben und war kritisch. Das hat mich nochmals total aufgewühlt.» Trotzdem habe sie wieder Hoffnung gehabt, dass dies nun ihre leibliche Familie sein könnte.
Ich sah ihr die Scham an, ihr Kind weggegeben zu haben.
Simea entschied sich, ein zweites Mal nach Indien zu reisen. An die erste Begegnung mit dieser Familie könne sie sich noch gut erinnern. Den Blick der Mutter, sagt sie, werde sie nie vergessen: «Ich sah ihr die Scham an, ihr Kind weggegeben zu haben.»
An das erste Treffen mit dieser Familie ging sie rational heran. Mithilfe von Dolmetscherinnen stellte sie alle Fragen, die sie hatte: Warum sie weggegeben wurde. Wie die Mutter sich dabei gefühlt hatte. Ob sie in all den Jahren an sie gedacht hatte. Am Ende der Reise gelang es ihr, die Familie von einem DNA-Test zu überzeugen.
Positiv und trotzdem skeptisch
Die Ergebnisse kamen erst nach ihrer Rückkehr in die Schweiz und waren positiv. Simea traute ihren Augen nicht. Der Gedanke, dass der Test gefälscht sein könnte, liess sie nicht los. Vielleicht hatte die Familie bezahlt, damit er ein positives Ergebnis zeigte? Nach allem, was sie durchgemacht hatte, war sie skeptisch. Erst nach einem Monat begann sie, langsam zu glauben, dass es wahr sein könnte.
Seither ist Simea mit der Familie per Videoanruf in Kontakt. Die Sprachbarriere macht es schwierig. Manchmal braucht Simea eine Dolmetscherin, manchmal versuchen sie es auf Englisch. «Ob ich mich zu meinen leiblichen Eltern verbunden fühle, ist schwierig zu sagen, weil es doch fremde Menschen sind», sagt Simea.
Sie wünsche sich jedoch, sie wieder besuchen zu können. Seit dem positiven DNA-Test hat Simea die Familie nicht wiedergesehen.
Die Frage, die bleibt
Eine Frage lässt Simea nicht los: Wie kann eine Mutter ihr Kind weggeben? Gegenüber Sara Hasler, einer adoptierten jungen Frau aus Äthiopien, öffnet sie sich und spricht aus, was sie sonst kaum in Worte fasst: «Manchmal denke ich, es wäre besser gewesen, in den Armen meiner Mutter zu sterben, statt durch diesen Schmerz zu gehen.»
Ein Satz, den sich Sara selbst nie traute, laut auszusprechen. Simea fügt an: «Ich weiss, es klingt hart, aber ich bin ehrlich.» Dann kommen ihr die Tränen.