Der Fall um Patrick Fischer zieht weitere Kreise: Auch das Internationale Olympische Komitee (IOC) hat sich bei der Schweiz gemeldet. Swiss-Olympic-Direktor Roger Schnegg bestätigt im «Club» entsprechende Kontakte. Im Interview spricht Schnegg erstmals ausführlich über die Risiken, die der Trainer der Schweizer Eishockey-Nati einging, als er 2022 mit gefälschtem Covid-Zertifikat an die Olympischen Spiele in China reiste.
SRF Club: Sie haben am vergangenen Dienstag schnell auf den Fall Fischer reagiert und von Überraschung und Irritation gesprochen.
Roger Schnegg: Wir waren enttäuscht. Patrick Fischer hat wie alle Delegationsmitglieder [an den olympischen Spielen] die Teilnahmebedingungen unterschrieben. Er hat bestätigt, dass er die Einreisebedingungen und Ethikstatuten einhält.
Das hat er nicht gemacht. Die Folgen, wenn das aufgeflogen wäre, waren nicht abschätzbar. Er wäre ganz sicher nicht an der Bande gestanden. Wie weit Team und Delegation sanktioniert oder ausgeschlossen worden wären, ist Spekulation. Aber so strikt wie die Massnahmen in China damals waren, würde ich das nicht ausschliessen.
Das war nicht einfach ein Gentleman-Vergehen.
Haben Sie Druck auf den Schweizer Hockeyverband ausgeübt, dass man Fischer entlässt?
Überhaupt nicht. Wir haben keinen Druck ausgeübt. Wir können aber den Entscheid nachvollziehen und unterstützen ihn. Einen solchen Vertrauensbruch zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer in anderen Branchen wie bei einer Bank würde man im «Club» nicht diskutieren, sondern es wäre ganz klar: Diese Person ist nicht tragbar.
Überspitzt man den Vorfall nicht etwas?
Nein, das war nicht einfach ein Gentleman-Vergehen. Gerade Fischer, der sehr stark für seine Werte eingetreten ist, ist für sich selbst, aber auch für das Team und die ganze Schweizer Delegation ein grosses Risiko eingegangen. Das ist schon gewichtig, insbesondere bei so einem öffentlichen Sympathieträger.
Sie haben eine Meldung bei Swiss Sport Integrity verfasst.
Genau. Dies ist eine Meldestelle im Schweizer Sport. An die muss man sich wenden, wenn man Kenntnis von einem Vorfall hat, der nicht den Ethikstatuten entspricht. Dort hat es mehrere Meldungen gegeben, wir haben auch eine gemacht. Vermutlich werden sie dort eine Untersuchung einleiten.
Inwiefern hatten Sie Kontakt zum Internationalen Olympischen Komitee und den chinesischen Behörden?
Das IOC hat uns angefragt, ich habe vom Verantwortlichen ein Telefon gekriegt. Er wollte sich informieren, was hier abgeht. Sie haben von uns erwartet, dass wir uns darum kümmern, dass diese Sache entsprechend seriös angeschaut wird. Sie haben uns aber keine Forderungen gestellt. Aus China sind keine Reaktionen gekommen.
Für den Sport wäre es nicht gut, wenn man ein solches Fehlverhalten gutheisst?
Absolut. Der Sport hat in der Gesellschaft enorme Bedeutung bekommen. Wir merken bei Swiss Olympic: Vor zehn Jahren ging es wirklich fast nur um Leistungssport. Unterdessen hat der Sport, gerade im Ethikbereich, enorm an Bedeutung gewonnen. Umso wichtiger sind diese Vorbildfunktionen.
Das Gespräch führte Peter Düggeli.