Es ist fünf Uhr in der Früh und bis auf ein paar vereinzelte Joggerinnen schläft St. Gallen noch, als Trisha zusammen mit ihrer Schwester Shannon ins Auto steigt, um nach Lindau in eine Klinik zu fahren. Die 24-jährige Detailhandelsfachfrau ist freudig, aufgeregt. Denn in wenigen Stunden ist es soweit, sie wird sterilisiert.
Nach Deutschland fährt sie für den Eingriff, weil sie dort durch den Verein «selbstbestimmt steril» schneller eine Ärztin gefunden hat, die sie operiert: «Ich wollte mir den Prozess in der Schweiz nicht antun», erklärt sie. «Man hört und liest immer wieder, wie langwierig und anstrengend es sein kann.»
Das zeigt auch die Recherche von SRF. Gespräche mit 15 Betroffenen und mehreren Gynäkologinnen, Umfragen, Berichte aus Online-Foren und Rückmeldungen von Deutschschweizer Spitälern ergeben ein klares Bild: Wer sich als junge, kinderlose Frau in der Schweiz sterilisieren lassen will, hat es schwer.
Ablehnung durch Ärzte
«Meine Gynäkologin hat mir gesagt, ich werde in der ganzen Schweiz keine einzige Person finden, die den Eingriff macht», erzählt Melanie. Sie sitzt vor ihrer Ärztin und hört, dass ihr eigener Körper offenbar nicht ihre Entscheidung ist. Die 33-Jährige heisst in Wirklichkeit anders, möchte aber wie die meisten anderen lieber nicht erkannt werden. Die Gründe sind mehr oder weniger dieselben: Angst vor der Reaktion im persönlichen und beruflichen Umfeld.
Melanie hat es irgendwann durch Kontakte doch noch geschafft, dass jemand sie sterilisiert. «Wenn du weisst, dass du sicher keine Kinder willst, ist die Verhütung mit Kondom einfach zu unsicher, und die Pille habe ich nie vertragen», erzählt die 33-Jährige, die selbst im Gesundheitswesen arbeitet. «Ich verstehe nicht, wieso man das Risiko einer ungewollten Schwangerschaft und somit einer möglichen Abtreibung eingeht, indem man jemandem die Sterilisation verweigert.»
Erst als ich abtreiben musste, durfte ich mich sterilisieren lassen.
Es sind Aussagen, die in den Gesprächen immer wieder fallen. Laut Gesetz darf man sich in der Schweiz ab 18 Jahren sterilisieren lassen. Die Impact-Recherche zeigt aber, dass es in der Praxis oft anders aussieht, wenn eine junge, kinderlose Frau diesen Eingriff machen lassen will.
Bei Alina (Name geändert) funktionierte es ausgerechnet dann, als sie ungewollt schwanger wurde und sich für eine Abtreibung entschied: «Seit ich 18 bin, weiss ich, dass ich keine Kinder möchte. Sterilisieren lassen durfte ich mich aber nie. Jetzt plötzlich darf ich», erzählt die 32-Jährige. Zum Zeitpunkt des Gesprächs ist sie noch schwanger und klingt verzweifelt: «Genau diese Situation wollte ich immer verhindern. Ich war nicht fahrlässig, das Kondom ist gerissen.»
In der Vergangenheit habe man Alina immer wieder gesagt, sie sei zu jung für den Eingriff. Diese Erfahrung teilen viele der Frauen aus den Recherchen. Oder sie hörten: «Warten Sie, bis Sie den Richtigen gefunden haben – dann kommt der Kinderwunsch schon.» Auch mögliche Reue wurde immer wieder als Argument genannt.
Ängste der Ärzte
Woher kommt diese Zurückhaltung? In mehreren Gesprächen mit Gynäkologinnen hat sich ein Muster abgezeichnet: Angst. Angst davor, etwas falsch zu machen. Dass man der Person etwas verbauen könnte. Gewisse Ärzte führen den Eingriff darum nur mit einem psychologischen Gutachten durch.
Gegenüber psychologischen Gutachten ist Dr. Edeltraud Zink, Oberärztin aus Lindau, sehr skeptisch. Sie führt Sterilisationen auch bei jungen Frauen durch, steht im Verzeichnis des Vereins «selbstbestimmt steril» und operiert auch Trisha. Eine weitere Frau aus den Gesprächen mit SRF lässt sich ebenfalls von ihr operieren, nachdem sie eigenen Angaben zufolge zwölf Jahre lang in der Schweiz abgelehnt worden war.
«Ich halte psychologische Gutachten für Unsinn und eine Bevormundung der Frauen. Wir holen auch keine Gutachten ein, um zu prüfen, ob jemand fähig ist, Kinder aufzuziehen», sagt die 67-jährige Gynäkologin, und fügt an: «Obwohl bis zu 20 Prozent der Eltern es bereuen, Kinder zu haben.»
Ähnlich hoch ist die Reuerate nach einer Sterilisation, zumindest laut einer Studie aus den USA von 1999. Doch die 20 Prozent, die ihre Sterilisation bereuen, sind nicht die Kinderlosen. Es sind jene, die den Eingriff nach einer Geburt, etwa beim Kaiserschnitt, durchführen liessen. Bei kinderlosen Frauen liegt die Rate bei sechs Prozent. Ob eine so alte Studie als Grundlage taugt, ist fragwürdig. Sie wird in der Praxis aber bis heute zitiert.
Wir müssen akzeptieren, dass Frauen selbstbestimmte Entscheidungen treffen
Wahrscheinlich, weil es kaum aussagekräftigere Daten gibt. Der in der Schweiz neu gegründete Verein «bewusst steril» hat darum letztes Jahr eine nicht repräsentative Umfrage im deutschsprachigen Raum durchgeführt. 80 Prozent der Befragten waren unter 35 und fast alle kinderlos. Die Ergebnisse decken sich mit der Recherche: Knapp jede Zweite erlebte Bevormundung aufgrund ihres Alters, fast der Hälfte wurde eine Sterilisation zunächst verweigert. Rund 30 Prozent fühlten sich in ihrem Vorhaben unterstützt.
Edeltraud Zink kann nachvollziehen, dass Ärzte Hemmungen haben. Sie findet aber: «Wenn ich das Gefühl habe, ich weiss besser als meine Patientin, was gut für sie ist, begegne ich ihr nicht auf Augenhöhe. Wir müssen akzeptieren, dass sich das Frauenbild ändert und Frauen selbstbestimmt Entscheidungen treffen können.»
Die Erklärungspflicht, der sich Frauen ohne Kinderwunsch ausgesetzt sehen, zeigt sich nicht nur in der Arztpraxis. Auf Social Media und in Kommentarspalten wird die Debatte ums Kinderkriegen emotional geführt: Auf der einen Seite jene, die das kinderfreie Leben zelebrieren. Auf der anderen jene, die im Nachwuchs den eigentlichen Sinn sehen. Immer wieder taucht dabei dasselbe Wort auf: egoistisch.
Geburtenrate auf historischem Tiefstand
Der Vorwurf fällt besonders laut, wenn über sinkende Geburtenraten diskutiert wird. Laut Bundesamt für Statistik gab es 2025 in der Schweiz erstmals leicht mehr alte als junge Menschen. Was dabei seltener zu hören ist: dass viele Frauen in den Kommentaren nicht grundsätzlich gegen Kinder sind, sondern bessere Bedingungen fordern, um sie aufziehen zu können.
Ob die Hürden bei der Sterilisation mit diesem gesellschaftlichen Druck zusammenhängen, lässt sich nicht abschliessend belegen. Was sich belegen lässt: Frauen, die keine Kinder wollen, stossen im Schweizer Gesundheitssystem auf Widerstände, auch dort, wo das Gesetz keine vorsieht.
Einige der Frauen aus den Recherche-Gesprächen haben irgendwann aufgegeben mit ihrer Sterilisation. Die meisten haben aber, wie Trisha, einen Weg gefunden, auch wenn er oft sehr langwierig war.