Am 6. Februar 2026 misst die Aare bei Zuchwil 5.4 Grad. Kalt genug, um einen Menschen rasch an die Grenze zu bringen. Zekiya Blum ist am Ufer auf ihrem üblichen Spaziergang unterwegs.
Dann hört sie Geräusche. Erst vermutet sie Tierlaute – plötzlich erkennt sie Hilferufe. Im Fluss treibt eine Frau, entkräftet und in unmittelbarer Lebensgefahr.
Ich wusste: Wenn ich nicht gehe, geht niemand rein.
Am gegenüberliegenden Ufer versuchen bereits andere, auf die Situation aufmerksam zu machen, erinnert sich Blum: «Ich habe Personen auf der anderen Seite gesehen, die haben bereits geschrien. Aber niemand ging rein. Und auf meiner Seite war auch schon jemand da, konnte aber auch nicht reingehen. Und ich wusste: Wenn ich nicht gehe, geht niemand rein.»
In eiskaltem Fliesswasser kann ein unbedachter Rettungsversuch auch für einen selbst eine grosse Gefahr bedeuten. Blum prüft in Sekundenbruchteilen die Situation – und weiss vor allem eines: Sie ist eine gute Schwimmerin und kennt die Aare seit Kindesbeinen.
Der Sprung ins kalte Wasser
Weil die Strömung an diesem Morgen weniger stark ist, traut sie sich die Rettung zu. Über die Wassertemperatur denkt sie nicht nach. «Da macht man sich keine Gedanken. Man handelt einfach», sagt Blum.
Die Frau treibt regungslos auf dem Rücken, etwa auf halber Strecke zwischen den Ufern. Zekiya Blum ist keine ausgebildete Rettungsschwimmerin. Trotzdem zögert sie nicht und schwimmt auf die Verunglückte zu.
Wasserrettungen gelten als besonders gefährlich. Menschen in Not reagieren oft panisch, klammern sich an ihre Retterinnen oder Retter und bringen diese damit ebenfalls in Gefahr. Als Blum die Frau erreicht, ist diese jedoch stark unterkühlt und entkräftet. Sie bewegt sich kaum.
Blum gelingt es, die Frau mit einer Hand festzuhalten und mit der anderen zurück ans Ufer zu schwimmen. Dort eilen ihr zwei Passantinnen zu Hilfe. Gemeinsam ziehen sie die Verunglückte aus dem Wasser, bringen sie in die stabile Seitenlage, entfernen Teile der nassen Kleidung und versuchen, sie warmzuhalten. Der Rettungsdienst ist bereits unterwegs.
Solange Blum schwimmt, zieht und hilft, bleibt kaum Raum für Gedanken. Erst als Polizei, Sanität und weitere Einsatzkräfte eintreffen, wird ihr bewusst, was geschehen ist. «Da dachte ich: Oh mein Gott, ich war ja ganz allein mit dieser Frau im Wasser», erinnert sie sich. «Erst dann habe ich realisiert, was eigentlich passiert war.»
Ich fühle mich nicht als Heldin.
Als Heldin sieht sie sich nicht. «Für mich war es selbstverständlich. Mit dem Wissen und den Fähigkeiten, die ich habe, musste ich einfach handeln.»
Ein Puzzleteil fehlt ihr bis heute: Sie weiss nicht, wie es der Frau geht. Aus Datenschutzgründen erhält sie keine Auskunft über Identität oder Gesundheitszustand. «Das ist das eine Stück, das mir noch fehlt», sagt Blum.
Von Bettlach ins Bundeshaus
Die Anerkennung folgt rasch. Noch am selben Nachmittag meldet sich der Polizeikommandant bei ihr, um ihre Daten aufzunehmen. Wenig später erhält sie einen Dankesbrief und einen Kuchen von der Polizei. Am Morgen des 5. Juni wird sie mit 27 anderen Heldinnen und Helden des Alltags im Bundeshaus von der Carnegie-Stiftung für Lebensretterinnen und Lebensretter für ihren Mut ausgezeichnet.
Gesucht hat Zekiya Blum diese Aufmerksamkeit nie. Was ihr von jenem Morgen geblieben ist, sei vor allem eines: «ein warmes Gefühl im Herz». Das Wissen, im entscheidenden Moment nicht weggeschaut und damit einem Menschen das Leben gerettet zu haben.