Seit dem 1. Juli ist im Zivilgesetzbuch verankert, dass Eltern ihre Kinder ohne Gewalt zu erziehen haben. Körperliche Bestrafungen und andere erniedrigende Behandlungen sind explizit verboten. Was bedeutet das genau? Elternkursleiterin und Beraterin Sibylle Arnold erklärt.
SRF News: In welche Situationen kommen Eltern besonders oft an ihre Grenzen?
Sibylle Arnold: Oftmals ist es Zeitdruck: Wenn das Kind zum Beispiel pünktlich in die Kita gebracht werden muss, weil die Eltern anschliessend zur Arbeit müssen oder abends, wenn Kinder und Eltern müde sind.
Das sagen Passantinnen und Passanten:
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Ist gewaltfreie Erziehung in jeder Situation möglich?
Man muss ganz klar unterscheiden, ob es darum geht, das Kind zu schützen. Wenn etwa mein dreijähriges Kind Anstalten macht, auf die Strasse zu rennen, und ich es fest am Arm packe, gibt es vielleicht ein Hämatom und ich habe körperliche Gewalt angewendet – jedoch, um mein Kind zu schützen, damit es nicht überfahren wird. Dieser Schutz geht ganz klar vor.
Es ist wichtig, dass ich meinem Kind einen Schritt voraus bin.
Ein klassisches Beispiel ist auch das Zähneputzen am Abend: Die Kinder sollten ins Bett und die Zähne putzen, damit keine Karies entsteht, aber das Kind will nicht. Da ist Kreativität im weitesten Sinn gefragt und dass mein Kind kooperiert. Kleine Kinder kooperieren öfter, wenn sie einbezogen werden und sie mitbestimmen dürfen. Ich kann mein Kind fragen: «Willst du vor oder nach dem Pyjamaanziehen die Zähne putzen?» Oder ich lenke mein Kind ab, indem ich ein Lied vorsinge oder eine Geschichte erzähle. Wichtig ist auch die Vorbildfunktion, dass mein Kind sieht, dass auch ich als Mutter meine Zähne putze.
Eine Situation, die wahrscheinlich viele kennen: Es will einfach nicht klappen mit dem Zähneputzen, die Geduld ist am Ende und man steckt dem Kind die Zahnbürste in den Mund. Gilt das auch als Gewalt?
Grundsätzlich geht es um den Schutz des Kindes. Aber wenn das Kind schreit, weil ich es unter den Arm geklemmt und die Zahnbürste in den Mund gesteckt habe, übergehe ich Grenzen. Es ist wichtig, dass ich meinem Kind einen Schritt voraus bin, dass wir die Zähne vielleicht eben nicht erst abends putzen, wenn alle zu müde sind, sondern direkt nach dem Essen. Dass ich da vorausdenke oder halt auch mal die Zähne ungeputzt lasse. Wenn das Ausnahmen sind und nicht die Regel im Alltag, ist das auch ein Weg.
Eine vertrauensvolle Beziehung zu unseren Kindern ist der Grundstein für die psychische Gesundheit unserer Kinder.
Was entgegnen Sie, wenn jemand sagt, dass den Kindern damals ein Klaps nicht geschadet habe?
Es ist eine häufige Rechtfertigung, dass man als Elternteil selbst eben auch nur ein Mensch ist, wenn einem die Hand ausrutscht. Ich sage dann: «Ja, wir haben das auch überlebt. Aber die Beziehung zu den Eltern nimmt meistens Schaden. Das ist das, was wir als Eltern ja nicht wollen.» Wir wünschen uns eine gute und vertrauensvolle Beziehung zu unseren Kindern und wissen heute auch aus der Resilienzforschung, dass das der Grundstein ist für die psychische Gesundheit unserer Kinder.
Sie haben selbst zwei Kinder. Sind Sie da manchmal auch an Ihre Grenzen gestossen?
Ja, des Öfteren. Es ist mir wichtig, möglichst viele Eltern zu erreichen, damit sie all die Tools, die ich in den Kursen vermittle, früher bekommen, als ich damals.
Das Gespräch führte Dominik Rolli.