Hitze bedeutet Stress für den Körper. Er arbeite hart, um die Körperkerntemperatur stabil bei etwa 37 Grad zu halten, sagt Umweltmedizinerin Claudia Traidl-Hoffmann. «Wenn jetzt die Aussentemperatur steigt, startet der Körper mit Ausgleichsmechanismen.» Die Blutgefässe in der Haut erweitern sich, um mehr Wärme an die Umgebung abzugeben, das Herz schlägt schneller und der Blutdruck kann steigen, um die Durchblutung aufrechtzuerhalten, und wir beginnen zu schwitzen.
Werden diese Mechanismen durch anhaltende Hitze, hohe Luftfeuchtigkeit oder körperliche Belastung überfordert, stösst der Körper an seine Grenzen. Dann sei irgendwann der Kompensationsmechanismus ausgereizt. «Am Ende kann der Hitzeschock eintreten. Bedeutet: Es kann zu Bewusstlosigkeit kommen.»
Und das kann sehr gefährlich werden: «Man erreicht einen Kipppunkt, und diesen merkt man manchmal gar nicht selbst.» So erlebe Claudia Traidl-Hoffmann Patientinnen und Patienten, die morgens gesund sind und am Abend mit Multiorganversagen im Spital liegen.
Hitze-Hass
«Die Hitze kann auch die mentale Gesundheit stark beeinträchtigen.» So schüttet der Körper die Stresshormone Cortisol und Adrenalin aus. Auch das Hormon Vasopressin ist erhöht, um Wasser in den Nieren zurückzuhalten. Nebeneffekt: Wir werden aggressiver – anderen gegenüber, aber auch uns selbst. Mit drastischen Folgen: «Wir sehen, dass die Suizidrate bei erhöhten Temperaturen steigt.» Und auch die Zahl der Gewalttaten nimmt laut Studien an Hitzetagen zu.
Es sei auch der Frust über die Ineffizienz, was unzufrieden machen kann und damit aggressiv. Und das schade auch der Wirtschaft.
In Deutschland zum Beispiel koste jeder Hitzetag die deutsche Wirtschaft 430 Millionen Euro wegen Effizienzverlust, so Traidl-Hoffmann.
Herunterkühlen
Die klassischen Tipps gegen Hitze kennen wir mittlerweile zur Genüge: viel trinken, lüften, kühle Räume aufsuchen. Manche machen gar ihre Kleider nass vor dem Anziehen oder benetzen sich hie und da mit Wasser aus der Sprühflasche. Auf eine ähnliche Strategie setzt auch die Expertin: «Das Einzige, was mich bei dieser Hitze in der Klinik am Arbeiten hält, ist Kühlkleidung», sagt Traidl-Hoffmann. Also Kleider, die durch Verdunstung den Körper kühlen. «Es gibt Gamaschen für die Unterschenkel und die Arme oder auch Kühlwesten – sieht ein bisschen aus wie eine schusssichere Weste.»
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Bild 1 von 2. Kühlwesten kommen bisher vor allem im Sport zum Einsatz – hier beim Schweizer Mountainbiker Nino Schurter am Cross-Country-Rennen 2023. Bildquelle: Keystone/Gian Ehrenzeller.
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Bild 2 von 2. Mitten in der Juni-Hitzewelle 2026: Der deutsche Leichtathlet Leo Neugebauer präsentiert seine Kühlkleidung einem Konkurrenten. Bildquelle: DPA/Anke Waelischmiller.
Ausserdem sollen Menschen mit Herz- oder Lungenkrankheiten schon im Winter an den Sommer denken und mit der Ärztin oder dem Arzt die Medikamente für den Sommer anpassen, so Claudia Traidl-Hoffmann. Ganz grundsätzlich sei Prävention wichtig. Dazu gehört auch: Einen kühlen Kopf bewahren.
Und cool bleiben
Zum Beispiel mit mentalem Training. Das heisst, sich nicht an Alltäglichem zu nerven. «Wir sprechen da vom Resilienz-Fass. Wenn ich mit einem wenig gefüllten Resilienz-Fass in diese heissen Tage gehe, kann es weniger schnell überlaufen – wenn es schon fast voll ist, braucht’s nicht mehr viel.» Dafür müsse man Vorsorge betreiben: Gesund essen, nicht rauchen und keinen Alkohol trinken.
Unser Tipp: Nimm es gelassen oder eben «äs Glace». Das, was es am Sommer zu geniessen gibt, soll ausgekostet werden. Lange Abende draussen, Früchte und Gemüse in aller Vielfalt und unbeschwerte Tage in der Badi. Denn der Winter und die damit verbundenen Strapazen machen dann schnell genug auch wieder hässig.