Das steckt hinter der Fake-Krankheit: Machen Medfluencer Werbung für eine ausgedachte Krankheit, wenn das Geld stimmt? Das wollte der deutsche Youtuber Marvin Wildhage wissen und stellte eine Falle: Mit einer erfundenen Pharmafirma und einer angeblichen Krankheit lockte der 30-Jährige Medfluencer an. Die Medfluencerin Alina Walbrun fiel darauf herein. Dabei hat Wildhage in seinem Experiment einige Hinweise geliefert, die hätten stutzig machen können: Die erfundene Krankheit heisst «Post-viral nasal hypersensitivity», ein Symptom davon: das Anschwellen – also das Vergrössern – der Nase. Das ausgedachte Pharmaunternehmen wird von einer Dr. Sofia Beatrice Gepetto geleitet. Ein Meister Gepetto war der Schöpfer von Pinocchio. Die Holzfigur, die notorisch lügt und dabei eine lange Nase bekommt. Mit einer kurzen Recherche hätte klar werden können, was hinter der vermeintlichen Krankheit steckt.
So wird mit Medfluencing Geld verdient: Medfluencerinnen und Medfluencer versuchen, über Social Media medizinisches Wissen verständlich zu vermitteln. «Das sei vielleicht der positive Anteil», findet Mario Fasshauer. Er ist Geschäftsführer der Patientenstelle Zürich. Der Verein ist eine Anlaufstelle für Gesundheitsfragen. Es könnten aber auch finanzielle Interessen dahinterstecken, weil die Reichweite genutzt werden könne, um für Produkte oder Praktiken zu werben. Im Video von Youtuber Wildhage wird kritisiert, dass es wirtschaftliches Ziel sei, Ängste anzusprechen und die Leute so überhaupt erst in die Praxen zu treiben, wo dann das entsprechende Medikament verschrieben werden könne.
Darum kann es schwerfallen, von solchen Tipps wegzuscrollen: Auch wenn es einfach klingt, ein Video wegzuwischen, sei – insbesondere wenn man selbst von einem gesundheitlichen Problem betroffen sei – oft nicht realistisch oder möglich, sagt Fasshauer. Dennoch sei es hilfreich, sich anhand konkreter Fragen einen Überblick darüber zu verschaffen, was tatsächlich passiert: Mit einer gewissen kritischen Distanz und der Überprüfung durch eine Fachperson könne relativ schnell eine gewisse Medienkompetenz erlangt werden, um diese Dinge gut beurteilen zu können.
Wann medizinische Tipps im Netz zum Risiko werden: Nur, weil Kittel und Stethoskop zu sehen sind, muss keine Ärztin und kein Arzt dahinterstecken. Es können Studierende sein auf dem Weg zum Doktortitel oder Medizinerinnen, die sich als Ärztinnen ausgeben: Es sei der klassische Kitteleffekt, sagt Mario Fasshauer: Ein Kittel suggeriere, dass die Person kompetent sei und ein ärztlicher Beruf dahinterstecke. Was danach passiert, kennt Fasshauer aus seinem Alltag: «Das sind Situationen, in denen Menschen uns davon berichten, dass gewisse Behandlungen nicht angeschlagen haben. Sie vermuten, dass es zu Fehlern gekommen sei, und beauftragen uns damit, dies zu untersuchen. Beim genaueren Hinsehen müssen wir feststellen, dass die Grundlage dieser Therapie oder dieser Behandlung ganz offensichtlich einem Irrglauben aufgesetzt ist.»
Bund soll Medfluencerinnen und Medfluencer regulieren: Die Baselbieter SP-Nationalrätin Miriam Locher fordert den Bundesrat auf, aktiv zu werden. Unter anderem solle geprüft werden, welche Massnahmen die Behörden ergreifen, um gegen irreführende oder unzulässige Gesundheitsversprechen durch Influencerinnen und Influencer vorzugehen, steht in Lochers Interpellation.