«Das ist Mr. Stephen Myers.» Mary Liz Stewart, eine ehemalige Lehrerin, zeigt auf das Foto des einstigen Hausherrn. Es steht im Salon eines alten, roten Ziegelhauses in Albany, der Hauptstadt des Bundesstaates New York. Würdevoll blickt ein älterer Mann in die Kamera.
Myers, als Sklave geboren, erlangte 1818 seine Freiheit – und wurde zu einem prominenten und gut vernetzten Abolitionisten, zu einem Aktivisten gegen die Sklaverei. Mit seiner Frau Harriet half er in diesem Haus geflohenen Sklaven auf ihrem Weg in die Freiheit.
Albany, am Hudson River, auf dem Weg nach Kanada, war eine wichtige und gut organisierte Station der «Underground Railroad». Über dieses Netzwerk aus Fluchtrouten und Unterschlüpfen wurden entflohene Sklaven aus dem Süden in den Norden der USA und nach Kanada geschleust.
Die Fliehenden mussten wegen eines Bundesgesetzes von 1850 auch hier fürchten, wieder den Sklavenhaltern ausgeliefert zu werden, obwohl die Sklaverei im Bundesstaat New York schon abgeschafft worden war.
Ein verlottertes Haus mit einer überraschenden Geschichte
Das Haus ist eine historische Stätte, aber das «Underground Railroad Education Center» ist auch eine Art Museum. Mary Liz und Paul Stewart erwarben das verlotterte Haus vor über zwanzig Jahren. Ausser dem Ehepaar Stewart kannte niemand die Bedeutung des Gebäudes.
«Als ich als Junge mit meinem Fahrrad durch Albany fuhr, hatte ich keine Ahnung von der reichen Geschichte über die Sklaverei und die Migration der Afroamerikaner, die sich hier verbirgt», sagt Shawn Hamlin. Der Architekt hat ein Besucher- und Informationszentrum entworfen, welches das historische Gebäude ergänzt.
Der Neubau soll auch als eine Art Katastrophenschutz- und Gemeinschaftszentrum dienen – in Arbor Hill, in einem mehrheitlich von Afroamerikanern bewohnten Quartier. Die Regierung von Joe Biden sprach dafür Bundesgelder: 3.6 Millionen US-Dollar von der Umweltschutzbehörde EPA sowie 250'000 Dollar an Fördergeldern. Beides wurde von der Regierung Donald Trumps gestrichen.
Der unerwünschte Teil der Vergangenheit
Unter Trump soll die Bundesverwaltung von allem gesäubert werden, was nach Diversität, nach Programmen zur Inklusion und Gleichstellung von Minderheiten aussieht. Zu Beginn von Trumps Amtszeit wurden bereits bewilligte Gelder für viele Hunderte Projekte gestrichen. Viele davon drehten sich um die Geschichte und die Kultur von Minderheiten.
Auch mit Blick auf das 250-jährige Jubiläum der USA, am 4. Juli, möchte die Regierung offenbar die Schattenseiten der US-Geschichte ausblenden, etwa die Sklaverei und den Rassismus. «Wir fokussieren auf Schwarze Geschichte, Kunst und Kultur, auf die Sklaverei», sagte Mary Liz Stewart. «Wir sprechen nicht lobend über den Zustand der Nation.» Das habe sie vermutlich in einen Konflikt mit der Regierung gebracht.
Kampf um Bundesgelder
Mary Liz Stewart glaubt, ihr Projekt werde sich positiv auswirken in einem Stadtteil, der betroffen sei von struktureller, städtebaulicher Diskriminierung und finanzieller Vernachlässigung. «Diese Gemeinde war einst lebendig, wurde aber hart getroffen von den Nachwirkungen der Sklaverei.» Im Mai stellte ein Bundesgericht fest, dass die Streichung von Bundesgeldern in über 1400 Fällen verfassungswidrig war. Auch das Ehepaar Stewart klagte und hofft, wenigstens die 250'000 Dollar an Fördergeldern doch noch zu bekommen.