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International Ab auf die Insel: Andrang in Neuseeland nach Brexit und Trump

Neuseeland erlebt eine neue Popularität: Seit dem Brexit-Entscheid und vor allem seit der Wahl Trumps zum US-Präsident stellt die Einwanderungsbehörde einen Ansturm auf ihre Website fest. Doch ganz so einfach ist es für Hinz und Kunz nicht, eine Aufenthaltserlaubnis zu erhalten

Symbolbild: Neuseeländische Flagge flattert an einem Fahnenmast.
Legende: Neuseeland – beliebt bei Touristen und Einwanderern. Getty Images

Nach der Wahl Donald Trumps spielen viele Amerikanerinnen und Amerikaner mit dem Gedanken, auszuwandern. Zuoberst auf den Wunschländern steht Kanada. Doch auch Neuseeland scheint gefragt zu sein: Die Website der neuseeländischen Immigrationsbehörde verzeichnet seit seiner Wahl Zehntausende Anfragen aus den USA.

Doch: Wer nicht reich ist, muss zumindest über gewisse Eigenschaften und Qualitäten verfügen, um in Neuseeland leben zu dürfen, wie SRF-Korrespondent Urs Wälterlin weiss.

SRF: Wie reagiert man in Neuseeland auf die massive Zunahme von Visa-Anfragen aus den USA? Muss bei der Immigrationsbehörde nun Tag und Nacht gearbeitet werden?

Urs Wälterlin: Vorerst hat die neuseeländische Immigrationsbehörde noch wenig zu tun. Es handelt sich bei den Anfragen bislang vor allem um Interessensbekundungen von US-Bürgern an einem längeren Aufenthalt in Neuseeland. So haben in den ersten 24 Stunden nach Trumps Wahl über 56'000 Amerikaner die Website der neuseeländischen Immigrationsbehörde besucht. Das sind 25 Mal so viele wie an einem normalen Tag.

Bereits nach dem Brexit gab es viele Anfragen, damals aus Grossbritannien. Wie viele Briten sind seither nach Neuseeland eingewandert?

Das geht nicht so schnell. Der Immigrationsprozess dauert Monate, manchmal sogar Jahre. Ausserdem ist er ziemlich kompliziert. Ob man überhaupt eine Chance auf eine Aufenthaltsbewilligung hat, kann man in einem Online-Selbsttest auf der Website der Immigrationsbehörde, Link öffnet in einem neuen Fenster herausfinden. Wer dabei nicht mindestens 100 Punkte erreicht, ist bereits aus dem Rennen. So trennt der Test den Spreu vom Weizen.

Neuseeland ist ein traditionelles Einwanderungsland. Gibt es überhaupt noch genügend Platz und Jobs für Immigranten?

Die Konjunktur läuft seit Jahren sehr gut, entsprechend werden Einwanderer gebraucht, um offene Stellen zu besetzen. Immigranten schaffen ihrerseits auch neue Arbeitsplätze, weil mehr Menschen mehr Bedürfnisse generieren: Alle wollen einkaufen, die Kinder zur Schule schicken, autofahren, irgendwo wohnen. Neue Leute bringen also neue Chancen für das Land. Ausserdem gründen Einwanderer – und Flüchtlinge – in Neuseeland gerne eigene Geschäfte, was meist wiederum neue Arbeitsplätze für weitere Personen bedeutet.

Wie kann man seine Chancen erhöhen, tatsächlich ein Langzeit-Visum für Neuseeland zu bekommen?

Es gibt verschiedene, unterschiedlich gewichtete Kriterien: Wer etwa einen gesuchten Beruf und darin langjährige Erfahrung hat, bekommt im Online-Test eine hohe Punktzahl. Die Liste mit den erwünschten Berufen wird laufend aktualisiert und auf der Immigrations-Website veröffentlicht. Derzeit sind besonders Handwerker wie Maurer, Schreiner und Sanitär-Installateure gefragt. Dies nicht zuletzt, weil die Erde in Neuseeland immer wieder bebt und Fachleute für den Wiederaufbau gebraucht werden. Auch wer bereit ist, ausserhalb der grossen Städte zu leben, hat grössere Chancen auf ein Visum. Eine Rolle spielt auch das Alter: Eine Bewerbung für ein Einwanderungsvisum nach Neuseeland ist nur bis zum Alter von 56 Jahren möglich.

Viele Superreiche kaufen sich ganze Farmen für Dutzende von Millionen Franken – als ‹Safe Zone› am Ende der Welt, falls in ihrer Heimat einmal alles zusammenbrechen sollte.

In den letzten Jahren sind viele Reiche nach Neuseeland ausgewandert. Spürt man das?

Und wie! Die Immobilien in Auckland gehören inzwischen zu den teuersten der Welt. Nicht zuletzt aus China ist in den letzten Jahren sehr viel Kapital nach Neuseeland geflossen, das meist in Luxuswohnungen investiert wurde. Hinzu kommt die Kategorie der «Superreichen»: Sie kaufen sich in Neuseeland ganze Farmen für Dutzende von Millionen Franken – und nutzen das Anwesen dann ab und zu als Feriendomizil. In Wahrheit wollen sie vor allem eine Rückzugszone am Ende der Welt, eine so genannte Safe Zone für den Fall, dass in ihrer Heimat einmal alles zusammenbrechen sollte. Sehr stark sind in dieser Kategorie übrigens die US-Amerikaner vertreten.

Macht man sich in Neuseeland nach der Wahl Trumps nun auf einen zusätzlichen Anstieg der Einwanderung von Amerikanern gefasst?

Da braucht es keine speziellen Vorbereitungen. Einwanderer sind in Neuseeland grundsätzlich willkommen, so lange sie die richtige Einstellung mitbringen: Nämlich, beim Aufbau des Landes mitzuhelfen und die neuseeländischen Werte zu leben. Einer dieser Werte ist, dass die 4,5 Millionen Neuseeländer – Menschen aus allen Ecken der Welt – völlig problemlos zusammenleben. Der Erfolg der Multikulturalität ist etwas, worauf die Neuseeländer zu Recht sehr stolz sind.

Das Gespräch führte Roger Aebli.

Urs Wälterlin

Urs Wälterlin

Der gebürtige Basler Urs Wälterlin lebt seit 1992 in der Nähe der australischen Hauptstadt Canberra. Er berichtet von dort für SRF über Australien, Neuseeland und Ozeanien.

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11 Kommentare

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  • Kommentar von Christian Szabo (C. Szabo)
    Eliten und Innovative haben oft einen Plan B, wenn das bestehende System in Gefahr ist. Normalbürger haben dann das Vergnügen, das Chaos ertragen zu dürfen. Viele hochrangige Nazis haben sich auf eine Zeit nach dem Scheitern des 3. Reiches vorbereitet. Lateinamerika war damals eine beliebte Fluchtregion. Mit ihren Fähigkeiten zur Unterdrückung und Folterung waren sie dort hoch willkommen. Bis zu letzt wurden sie durch "Kameraden" in Deutschland und andere Kräfte geschützt.
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  • Kommentar von Kurt Meier (Kurt3)
    Das wundert mich schon , dass Briten nach Befreiung aus der bösen EU gar nicht mehr in GB leben möchten . Die in Portugal lebenden britischen Juden bemühen sich um die portugiesische Staatsbürgerschaft . US Bürger flüchten nach Kanada . Es kommt noch soweit , dass Trump froh sein wird , um die Illegalen , um all die Infrastruktur , wie Strassen , Brücken usw. zu realisieren . Natürlich nur , wenn nach den Steuersenkungen noch Geld da ist . ( Achtung , dieser Kommentar enhält Spuren von Satire)
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    1. Antwort von Hans Haller (panasawan)
      K.Meier: Zur Not könnte er ja auch auf Nigerianer zurückgreifen.... (smile) !
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  • Kommentar von Werner Boesiger (P.Werner Boesiger)
    Waere Frau Clinton gewaehlt worden, wer weiss, vielleicht haette es noch mehr Auswandererinteresse gegeben. Hauptsache, dass doch nur jeden Tag negative Schlagzeilen diesem Donald etwas zusetzen, auf dass die Suppe nicht kalt werde.
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