Unesco-Entscheid empört Israel Abrahams Grab ist palästinensisches Weltkulturerbe

Die Unesco hat die Altstadt von Hebron auf Antrag der Palästinenser zum Weltkulturerbe erklärt. Wie viel Politik steckt hinter dem dem Entscheid über kulturelles Erbe in einem Brennpunkt im Nahen Osten? Eine Einschätzung von Journalistin Gisela Dachs.

Um die Stadt im Westjordanland streiten sich Israel und die Palästinenser schon lange. Vor allem um die sogenannten Patriarchengräber, die sowohl für Juden, Christen und Muslime heilig sind. Nun hat die Unesco die Altstadt von Hebron im Westjordanland zum palästinensischen Weltkulturerbe erklärt.

Die Palästinenser jubeln, Israel tobt. Der israelische Premier Benjamin Netanjahu will deshalb die Mitgliedsbeiträge an die UNO um fast eine Million Franken kürzen.

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Gisela Dachs

Porträt einer Frau

Gisela Dachs zvg

Die gebürtige Deutsche studierte Literaturwissenschaften und Philosophie. Sie arbeitet als Journalistin und Publizistin und berichtet für verschiedene Medien aus dem Nahen Osten. Sie lebt seit fast 20 Jahren mit ihrer Familie in Israel.

Gisela Dachs: In diesem Antrag der Palästinenser, dem durch die Unesco stattgegeben wurde, ist die Rede von Hebron als einer islamischen Stadt. Nun geht es vor allem um das Grabmal der Patriarchen, indem nach biblischer Überlieferung Isaak und Abraham begraben sind. Abraham wird sowohl im Judentum wie auch im Christentum und im Islam als Stammvater verehrt. Das heisst, wenn Abrahams Grab als palästinensisches Weltkulturerbe alleine bezeichnet wird, wird damit diese alte jüdische Geschichte dort negiert.

Ein weiteres Argument für die Unesco war es, zu sagen, dass die Gräber schutzbedürftig seien. Beide Argumente weist Israel vehement zurück. In Israel sagt man, beide Punkte seien im Grunde ein palästinensisches Narrativ, das auf einer Negierung des jüdischen Narrativs basiert.

Israel stört sich also vor allem daran, dass die Patriarchengräber palästinensisches Weltkulturerbe sind – nicht, dass sie generell Weltkulturerbe sind?

Genau darum geht es: Um eine Politisierung dieser Nomination. Die Palästinenser hatten im letzten Moment einen Notfall-Antrag gestellt und diesen ausgenutzt, um ihr diplomatisches Bestreben im Rahmen der Unesco voranzubringen. Damit spielt sich der israelische-palästinensische Konflikt auf diesem Territorium aus.

Sie sprechen von einer Politisierung. In erster Linie geht es der Unesco aber doch um Kultur?

Das ist die ursprüngliche Idee. Allerdings haben beispielsweise beim Unesco-Komitee von den 21 Ländern viele problematische Beziehungen zu Israel. Es gibt also automatische Mehrheiten für die Palästinenser. So etwas lässt sich in dem Sinne für andere Zwecke gut ausnutzen. Aber wenn jetzt Weltkulturerbe nach politischen Konflikten mitdefiniert wird, verheisst das nichts Gutes.

«  In Israel sagt man, wird Abrahams Grab zu palästinensischem Weltkulturerbe, wird die jüdische Geschichte negiert. »

Hebron ist seit 1981 eine zweigeteilte Stadt. Ein Teil wird von der palästinensischen Autonomiebehörde kontrolliert, der andere von Israel. Konkret leben 800 jüdische Siedler inmitten zirka 50‘000 Palästinensern. Hat dies nun einen Einfluss auf das Zusammenleben der Menschen, dass Hebron jetzt als palästinensisches Weltkulturerbe gilt?

Hebron ist ein aussergewöhnlich schlimmer Brennpunkt im Westjordanland, weil da auf sehr kleinem Raum eine kleine, starke Mehrheit von jüdischen Siedlern mitten in der Stadt sitzt. Die Palästinenser sagen, durch den Unsesco-Entscheid steht nun dieses Weltkulturerbe unter Schutz. Ich glaube nicht, dass es keine grossen Auswirkungen auf den Alltag der Menschen haben wird. Es sind ohnehin bereits Beobachtertruppen stationiert, die ein bisschen als Puffer funktionieren. Ich denke, es ist vor allem eine politische Massnahme der Palästinenser gewesen, ihre Ziele auf diesem diplomatischen Parkett voranzutreiben.

Israels Premier Netanjahu will nun die Gelder an die UNO kürzen. Kommt diese Reaktion bei der israelischen Bevölkerung gut an?

Bei den Israelis ist es so, dass der ganze Konflikt so wahrgenommen wird, dass man sagt, letztendlich will die andere Seite die jüdische Existenz, die jüdische Identität Israels nicht anerkennen. Man will zwar ein Ende der Besatzung. Es ist aber nicht sicher, ob man Israel als jüdischen Staat hier haben will. So etwas haut natürlich genau in diese Kerbe hinein – zu sagen: Das palästinensische Narrativ findet anstatt des jüdischen statt. Anstelle einer Koexistenz, das beides sein könnte. In dem Sinne unterstützt die Situation eher die Linie von Netanjahu.

Was heisst das nun für die Friedensverhandlungen? Giesst die Unesco mit ihrem Hebron-Entscheid zusätzlich Öl ins Feuer?

Ich würde sagen, der Entscheid unterstützt im Augenblick die Palästinenser auf ihrem Weg zu sagen, wir wollen nach legalen Methoden Druck auf Israel ausüben, Israel weiter in internationalen Organisationen unter Druck zu setzen. Ob dies einer Konfliktlösung eher hilft als Verhandlungen, ist eine grosse Frage. Letztendlich wird sich ein Konflikt nur durch politische Verhandlungen und durch eine Einigung beider Seiten lösen lassen. Die momentane palästinensische Strategie ist auch, Israel stärker unter Druck zu setzen, um es möglicherweise so an den Verhandlungstisch zu bringen. Oder auch nicht.

Das Gespräch führte Tina Herren.