Ägyptens Freude und Zweifel an der jüngsten «Revolution»

Seit wenigen Tagen ist Ägyptens Übergangsregierung im Amt – bei anhaltenden Protesten der Muslimbrüder. In der übrigen Bevölkerung weicht dagegen die Angst. Mit General Al-Sisi gibt es einen neuen Helden. Aus der Demokratie-Bewegung sind nur vereinzelt kritische Stimmen zu hören.

Mursi-Gegnerinnen an einer Kundgebung auf dem Tahrir-Platz am 12. Juli 2013 Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Hoffnung auf Sicherheit und Stabilität: Frauen an einer Kundgebung auf dem Tahrir-Platz eine Woche nach Mursis Sturz. Keystone

Seit knapp zwei Tagen hat Ägypten eine Übergangsregierung, in der sich die Armee grossen Einfluss verschafft hat. Zurück an der Macht sind auch Figuren des alten Mubarak-Regimes. Die neuerliche dramatische Kehrtwende im Land weckt neben Hoffnungen vereinzelt auch Zweifel.

In einem sind sich die Millionen aber einig, die vor gut zwei Wochen gegen den islamistischen Präsidenten Mohammed Mursi demonstriert hatten: Das war kein Putsch, sondern eine «Revolution».

Vom «Alptraum erlöst»

Die Armee habe das Volk nur unterstützt, betont etwa die 20-jährige Riham in Kairo. Muslimbrüder seien Terroristen. Das sehe sie täglich im Fernsehen. Jetzt werde aber alles gut, das ägyptische Volk stehe hinter der Armee.

Für die pensionierte Fernsehmoderatorin Laila Moussa ist klar, dass die Armee handeln musste, als Muslimbrüder vor gut zwei Wochen mit Gewalt auf das Ultimatum an Mursi reagierten. «Die Generäle haben Ägypten vom islamistischen Alptraum erlöst», erklärt die 75-jährige Tochter einer Deutschen.

Hoffen auf Normalität

Nach Einschätzung des 30-jährigen Touristenführers Ahmed haben die Wut über die Stromausfälle und der Benzinmangel das Volk auf die Strasse getrieben. Nun sei auch die Polizei plötzlich wieder präsent, die nach dem Sturz von Mubarak ihre Aufgaben kaum mehr wahrgenommen habe, freut sich Ahmed: «Jetzt will sie der Bevölkerung dienen.»

Aktivist Hazem traut der Ruhe nicht

Polizei, Armee und Bevölkerung plötzlich eine grosse Familie? Demokratie-Aktivist Hazem hat diese überraschende Allianz jüngst selber erlebt. Bei den Zusammenstössen mit Islamisten kämpften Uniformierte plötzlich Schulter an Schulter mit den Demonstranten vom Tahrir-Platz.

Hazem glaubt allerdings nicht an einen Gesinnungswandel der Polizei, die in den letzten Jahren immer wieder brutal gegen die Demokratiebewegung vorgegangen war. Er erkennt vielmehr einen Plan, mit dem Armee und Mubarak-Vertraute ihre Macht zurückerobern wollen.

Selbst die Stromunterbrüche und der Benzinmangel seien gezielt herbeigeführt worden, um sich jetzt als Retter ins Szene zu setzen. «Plötzlich sitzen alle im gleichen Boot. Wer heute die Armee kritisiert, hat gleich auch die Bevölkerung gegen sich», berichtet Ahmed.

Muslimbrüder planen neue Massenproteste

Die Lage im Land bleibt auf jeden Fall angespannt. Insbesondere auf der Sinai-Halbinsel reisst die Gewalt gegen Sicherheitskräfte nicht ab. Drei Polizisten wurden bei nächtlichen Angriffen getötet. Noch am frühen Donnerstagmorgen beteiligten sich Tausende von Islamisten an Kundgebungen in mehreren Städten. Für Freitag bereitet die Muslimbruderschaft weitere Massenproteste vor.

brut;basn

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