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Afrika–jenseits der Klischees Afrikaner in China – geliebt und gehasst

Täglich reisen Tausende von Afrika nach China, um sich dort mit günstiger Handelsware einzudecken, die sie in der Heimat weiter verkaufen. In chinesischen Städten wie Guangzhou haben sich afrikanische Exilgemeinden etabliert. Diese sind zunehmend mit Rassismus konfrontiert.

Das «Xiaobei-Quartier», nur gut einen Kilometer vom Zentralbahnhof der südchinesischen Metropole Guangzhou entfernt. Gäbe es die chinesischen Strassenschilder in den verwinkelten Gassen nicht, würde man sich eher auf einem afrikanischen Basar wähnen.

Mit Ausnahme einiger chinesischer Ladenbesitzer und Marktverkäufer sind nur Schwarze zu sehen. Französisch, Englisch, Suaheli, Arabisch, Berbère wird gesprochen, ein babylonisches Sprachengewirr.

Das Xiaobei-Quartier ist ein besonderes Phänomen in China, sagt der Stadtplanungsprofessor Li Zhigang von der Sun-Ya-tsen-Universität. Er beschäftigt sich seit Jahren damit: «Wir schätzen, dass sich hier stets zwischen 150'000 und 200'000 Afrikaner aufhalten.» In der Regel kämen diese mit einen Monat gültigen Visa hierher, um billige chinesische Konsumgüter einzukaufen, die sie dann in ihrer Heimat mit Gewinn weiterverkauften, sagt Li.

«Die Chinesen sind Rassisten»

Eine solche Kauffrau ist Emilie aus Gabun: «Wir kaufen Kosmetikartikel und Haarteile, Zöpfe und auch ganze Perücken», sagte Emilie. Sie komme bereits seit fünf Jahren hierher und bleibe jeweils einen Monat lang. Danach brauche sie zuhause in Gabun drei bis vier Monate, um ihre Ware zu verkaufen, dann reise sie erneut hierher.

Das alles sei nicht einfach, sagt Emilie. Zuerst schon nur das Visum, dafür wolle die chinesische Botschaft in Gabun jeweils ein ganzes Dossier von Dokumenten, und dann koste das alles auch viel Geld. Aber es gibt noch etwas anderes, das Emilie zu schaffen macht.

«Die Chinesen sind Rassisten. Die Händler hier, die akzeptieren uns, weil wir von ihnen kaufen. Aber auf der Strasse, im Bus, schon nur wenn man als Afrikaner ein Taxi aufzuhalten versucht, das ist dann ganz anders, sehr unangenehm», sagt sie.

«Chinesen halten sich demonstrativ die Nase zu»

Buchstäblich eine Schuhnummer grösser als die Kleinhändlerin aus Gabun ist ein Mann mit präzis rasiertem kleinem Schnäuzchen aus Senegal. Er will anonym bleiben, erzählt aber bereitwillig: «Ich kaufe vor allem Schuhe, die ich dann nach Afrika schicke zum Verkaufen.»

Schnell hat der Händler erlickt, dass es das Beste wäre, in China zu bleiben – um direkt bei den Fabriken zu kaufen, gute Preise herauszuschlagen, die Qualität der Schuhe kontrollieren zu können. Er hat keine Niederlassungsbewilligung und muss in regelmässigen Abständen ausreisen, bekommt dann aber jeweils ein 6-Monate- oder gar ein 1-Jahres-Visum.

Über den Umgang mit den Behörden hier kann er sich nicht beklagen. Trotzdem ist der Schuh-Grosshändler nicht glücklich. Er ereifert sich: «Wie ist es möglich, dass im 21. Jahrhundert, wenn ich in den Bus einsteige, ein Chinese sich demonstrativ die Nase zuhält und spuckt. Das stört mich, das stört mich sehr.»

Umfrage: Was halten Chinesen von Afrikanern?

Für Professor Li von der Sun-Ya-tsen-Universität, der sich seit Jahren mit den Afrikanern in Guangzhou beschäftigt, ist der Vorwurf des Rassimus nicht neu. Er hat 2008 eine grossangelegte Umfragestudie veröffentlicht zu den Ansichten in der Bevölkerung über die Afrikaner.

Die Ansichten der Leute über die Afrikaner hängen von zwei Faktoren ab: Wie viele Kontakte sie persönlich mit Afrikanern haben und von ihrem eigenen Bildungsstand. Je näher sie Afrikaner kennen und je besser sie selber ausgebildet sind, desto toleranter sind sie gegenüber Afrikanern.

Das Problem sei, dass viele Bewohner von Guangzhou keine direkte Geschäftsbeziehungen mit Afrikanern hätten, diese aber im Strassenbild unübersehbar geworden seien, analysiert der Professor.

Anzahl unkontrolliert gewachsen

Die meisten Afrikaner verliessen Guangzhou zwar nach ihrer Einkaufstour wieder. Aber nicht wenige blieben eben auch nach Ablauf ihres Visums hier, die Anzahl der Schwarzen im Xiaobei-Quartier sei mittlerweile unkontrollierbar gross geworden.

Für die Stadtregierung sei das ein Riesenproblem, sagt Professor Li. Denn in der Volksrepublik China gebe es bisher noch nicht einmal ein Gesetz zur Regelung von Immigration. So reagierten die Behörden nur mit improvisierten Methoden – sprich mit sporadischen Polizei-Razzien, bei denen dann regelmässig ein paar Dutzend Afrikaner ausgeschafft würden.

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10 Kommentare

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  • Kommentar von Armin Hug, Kreuzlingen
    Ich habe 4 Jahre in einem westafrikanischen Land gelebt und musste feststellen, dass dort der Rassismus gegenüber den Weissen weit verbreitet ist. Noch heute besteht die Meinung, die Schuld für ihr Elend sei den Kolonialherren anzulasten und wenn die Gelegenheit besteht, einen Weissen dafür zahlen zu lassen, sei dies gerechtfertigt. Ich würde dieses Phenomen gerne einmal wissenschaftlich untersucht wissen, doch ein solchen Vorhaben fände mangels politischer Korrektheit kaum Unterstützung.
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    1. Antwort von andreas furrer, prilly
      @ armin hug: und wenn sie jetzt das wort weiss oder kolonialherr durch migrant oder ausländer ersetzen? woher der deutschenhass, oder woher der deutschschweizerhass (hier z.b. in der romandie, wo ich als deutschschweizer seit über zehn jahren lebe)? wem nützt dieser ganze hass (der offenbar in uns schlummert und nur darauf wartet losgelassen zu werden)?
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  • Kommentar von Lukas Brauchbar, Accra/Ghana
    Genau diese Einkaeufe - und somit Importe in Afrika - haben mittlerweile praktisch alle Anstrengungen, dass Afrika seine eigenen Industrien zur Herstellung von Komsumguetern bildet, zunichte gemacht.
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    1. Antwort von Armin Hug, Kreuzlingen
      richtig - das ist aber nur die eine Seite der Medallie: durch die extrem günstigen Konsumprodukte konnte die Lebensqualität einer breiten Schicht der Bevölkerung massgeblich verbessert werden (Taschenradios für einen Dollar, Plastikeimer, kopierte oder refurbished Mobiltelefone etc.).
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  • Kommentar von Ernst Jacob, Moeriken
    Während wir immer noch in nostalgischen Emotionen schweben, und Afrikaner als die immeer lächelnden und beim Zwänzer-Einwurf kopfnickenden kleinen Menschlein betrachten, die so dringendst unserer Hilfe und Aufmerksamkeit bedürften, um nicht in der grossen Wüste Afrika zu verhungern, kaufen sie andernorts wie die Wilden, um ihr Land mit all dem zu versorgen, was sich gut und wertsteigernd verkaufen lässt. Afrika ist längst erwachsen geworden, wir aber werden doch nur noch infantiler, wir Guten.
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    1. Antwort von J.Sand, Zürich
      Ja, E.Jakob, und erwähnenswert, dass es damals die mit dem nickenden Mohr waren, die das kitschige Bild vom unschuldigen, kindlich-hilflosen Afrikaner schufen und heute linke Atheisten die es aufrechterhalten. Die Absicht ist dieselbe, nur die Dimension eine andere: früher viele Räppler, heute viele Milliarden Franken.
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    2. Antwort von andreas furrer, prilly
      @ ernst jacob: schauen sie sich die geschichte des atlantischen sklavenhandels an oder die ausbeutung der afrikanischen bodenschätze und ihre nostalgie wird verschwinden. knallhartes business, früher wie heute, und nicht zuletzt in der schweiz.
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    3. Antwort von J.Sand, Zürich
      A.Furrer, Ihre Sichtweise ist hochromantisch. Sie benutzen ein linkes Geschichtsbild von sehr rustikalem Zuschnitt zur Sublimierung Ihrer selbst. Das so oft gebrauchte WIR oder DIE SCHWEIZ meint IHR ANDEREN im Gegensatz zu MIR.
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    4. Antwort von andreas furrer, prilly
      @ j.sand: von wem und welcher schweiz sprechen sie? jener der basler mission oder der ubs? jener der hochsubventionslandwirtschaft und steuerbegünstigung? was wäre denn ein differenziertes geschichtsbild? eines das von all dem nicht spricht? wer profitierte denn am meisten bis dato? (und es geht ja immer wieder um die abzocker in dieser debatte).
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    5. Antwort von Armin Hug, Kreuzlingen
      Ich teile Ihre Einschätzung. Selbst einige wenige kritische Afrikaner erkennen den Schaden in unserer Entwicklungshilfe doch leider sind unsere Entwicklungshilfeindustrie (DEZA) und die korrupten Regierungseliten in Afrika aus Eigennutz an einer Weiterführung des bisherigen Systems interessiert.
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