«Afrikaner dienten als Kanonenfutter»

Frankreich erinnert mit einer Gedenkfeier in Toulon an die Landung der alliierten Truppen in der Provence vor 70 Jahren. Neben Präsident François Hollande werden auch die Staatschefs zahlreicher afrikanischer Staaten anwesend sein. Mit gutem Grund.

Ein Mann steht zwischen Reihen von Grabsteinen in einer wüstenartigen Landschaft. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Ein Soldatenfriedhof aus dem 2. Weltkrieg in Nordafrika. Reuters/Symbolbild

SRF: Was war die Aufgabe der Soldaten aus den Kolonien im 2. Weltkrieg?

Karl Rössel: In vielen Fällen waren sie das Kanonenfutter. Sie wurden sehr hastig und oft mit Zwang rekrutiert. Französische Offiziere fuhren mit einem Militärarzt in die Dörfer der Kolonien. Die Dorf-Chefs mussten die jungen Leute antreten lassen. Nach einem kurzen Check durch den Arzt wurden sie auf Lastwagen verladen und per Schiff nach Europa gebracht. Oft konnten sie sich nicht einmal mehr von ihren Familien verabschieden.

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Zur Person

Karl Rössel befasst sich seit 1996 mit Recherchen über «Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg». Die Ergebnisse veröffentlichte der deutsche Journalist 2005 im Buch «Unsere Opfer zählen nicht» und 2008 in Form von Unterrichtsmaterial.

Nach nur ein paar Tagen Ausbildung standen die afrikanischen Soldaten bereits an der Front. Sie wurden schlechter bezahlt, schlechter untergebracht und schlechter verpflegt als ihre europäischen Kollegen – ging es hingegen darum, deutsche Stellungen einzunehmen, mussten sie in der ersten Reihe kämpfen.

Was haben sich denn die Kolonien von einem Einsatz ihrer Soldaten auf der Seite der Alliierten erhofft?

Sie forderten von den Alliierten, dass ihnen – wenn sie für die Befreiung Europas ihr Leben einsetzen – im Gegenzug nach dem Ende des 2. Weltkrieges auch Freiheit und Unabhängigkeit gewährt wird. Erfüllt wurde dieser Wunsch allerdings nicht. Bereits während des 1. Weltkriegs hatten Hundertausende afrikanische Soldaten an der Seite der Kolonialmächte gekämpft und sich erhofft, danach mit den Franzosen gleichgestellt zu werden. Vergebens.

Weshalb ist bis heute praktisch nichts bekannt über die Leistung und das Leiden der afrikanischen Soldaten im Dienste der Kolonialmächte?

Die Kolonialmächte hatten kein besonderes Interesse daran, die Geschichte der afrikanischen Soldaten zu erzählen. Denn ansonsten hätten sie die ehemaligen Soldaten aus Afrika gleich behandeln müssen wie die europäischen: gleicher Lohn und gleiche Rente. Das trifft für die allerwenigsten Fälle zu. Grossbritannien bezahlte grundsätzlich keine Pensionen an Soldaten aus den Kolonien. Und Frankreich bezahlte von Anfang an viel kleinere Pensionen an afrikanische Soldaten. Es gab keine Witwenrenten und kaum Invalidenrenten.

Als die afrikanischen Länder schliesslich unabhängig wurden, fror ausgerechnet der damalige Präsident Frankreichs, Charles de Gaulle, alle Renten der afrikanischen Veteranen ein. Die Länder seien nun unabhängig, und deshalb seien die eigenen Regierungen für die Versorgung der ehemaligen Soldaten verantwortlich, argumentierte er.

Heute Freitag sind auch afrikanische Staatschefs an der Gedenkfeier in Toulon eingeladen. Beruhigen Frankreich und die Alliierten so ihr schlechtes Gewissen?

Als wir vor 15 Jahren mit unseren Recherchen anfingen, sagte mir ein Veteran in der malischen Hauptstadt Bamako, dass Frankreich sich so lange weigern wird, gleiche Renten für afrikanische Soldaten aus dem 2. Weltkrieg zu bezahlen, bis keiner mehr da ist. Es hat tatsächlich sowohl in Frankreich als auch in Grossbritannien 50 bis 60 Jahre gedauert, bis überhaupt zum ersten Mal Afrikaner zu den Gedenkfeiern für das Ende des 2. Weltkriegs eingeladen wurden.

«  Die Einladung afrikanischer Staatschef für die Gedenkfeier in Toulon ist eine späte Schau, die Frankreich wenig kostet. »

Karl Rössel
Journalist

In den 1990er Jahren klagten über 100 senegalesische Veteranen vor sämtlichen französischen Instanzen für Gleichbehandlung. Der Oberste französische Gerichtshof, das Europäische Gericht und die Menschenrechtskommission der UNO in Genf gaben ihnen Recht. Doch die französische Regierung weigerte sich dennoch, ihnen die gleiche Pension zu bezahlen.

Wenn nun heute Freitag ein paar afrikanische Staatschefs an der Gedenkfeier in Toulon teilnehmen, dann ist das eine späte Schau, die Frankreich wenig kostet. Es ist keine Anerkennung.

Das Gespräch führte Eliane Leiser.