«Ahrar al-Scham kämpft für ein anderes islamistisches Syrien»

Eine der führenden islamistischen Gruppierungen in Syrien, Ahrar al-Scham, hat bei einem Anschlag schwerste Verluste erlitten. Urheber war möglicherweise der «Islamische Staat IS». SRF-Nahostkorrespondent Philipp Scholkmann beleuchtet die Hintergründe des «dschihadistischen Bruderkriegs».

Kämpfer der Ahrar al-Scham-Brigade nach erfolgreicher Ausbildung (November) 2013 Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: «In der ersten Phase des Aufstands galt Ahrar al-Scham als der schlagkräftigste Zusammenschluss von Rebellen.» Reuters

Bei einem verheerenden Bombenanschlag im Nordwesten Syriens ist eine der mächtigsten Rebellengruppen im Syrien-Konflikt massiv geschwächt worden: Die islamistische Ahrar al-Scham soll neben ihrem Anführer weitere Führungsmitglieder verloren haben; insgesamt starben bis zu 40 Kämpfer.

Die Attacke wirft ein Schlaglicht auf das undurchsichtige Geflecht von konkurrierenden Widerstandsgruppen im schwelenden Bürgerkrieg – der immer stärker von der Terrormiliz «Islamischer Staat» (IS) geprägt wird.

SRF: Was weiss man heute über die Umstände dieses Anschlags?

Philip Scholkmann, Nahostkorrespondent: Wenig Gesichertes. Es war eine Explosion – ob eine Autobombe oder ein Sprengsatz im Gebäude selbst, darüber gehen die Darstellungen auseinander. In einem Communiqué bestätigte die Bewegung den Tod ihres Anführers und einer Anzahl weiterer Führungsleute. Manche Berichte sprechen tatsächlich von bis zu 40 Toten während dieser Versammlung. Wer dahinter steckt, ist offen. Beschuldigt werden das Assad-Regime oder die berüchtigte Terrormiliz IS.

Was ist über diese Gruppierung, die Ahrar al-Scham, genau bekannt?

Sie ist eine radikale islamistische Rebellengruppe, ein Zusammenschluss von sogenannt salafistischen Islamisten, die für einen Scharia-Staat in Syrien kämpfen. Der Begriff «Hardliner» wäre treffend. Aktiv sind sie vor allem im Nordwesten von Syrien, in der Region um Idlib. Hier haben sie ihre Wurzeln, hier kam es auch zum Anschlag.

In der ersten Phase des Aufstands gegen Assad galt Ahrar al-Scham als der schlagkräftigste Zusammenschluss von Rebellen in Syrien mit vielleicht 20'000 bis 30‘000 Kämpfern. Die Gruppierung galt auch als sehr diszipliniert. Wo sie heute steht, ist schwierig einzuschätzen. Besonders auch nach diesem Anschlag, der möglicherweise die ganze Führungsspitze getroffen hat.

«  Ahrar al-Scham strebt nicht die Führerschaft über ein neues, grenzüberschreitendes Reich aller Muslime an. Sie kämpft für Syrien, für ein anderes islamistisches Syrien. »

Philipp Scholkmann
SRF-Nahostkorrespondent

Ahrar al-Scham kämpfte bisher mit anderen islamistischen Gruppierungen zusammen gegen das Assad-Regime. Seit einiger Zeit ist jetzt die sehr radikale Organisation IS auf den Plan getreten, die möglicherweise auch hinter diesem Anschlag steckt. Wie war bislang das Verhältnis von Ahrar al-Scham zum Islamischen Staat?

Ideologisch haben sie den Kampf für einen sogenannten Gottesstaat gemeinsam – wenn auch jener von Ahrar al-Scham etwas weniger kompromisslos und menschenverachtend sein dürfte. Die Gruppierung steht auch der Idee eines Kalifats im Hier und Jetzt feindlich gegenüber, wie es der IS ausgerufen hat. Sie strebt also nicht die Führerschaft über ein neues, grenzüberschreitendes Reich aller Muslime an. Sie kämpft für Syrien, für ein anderes islamistisches Syrien.

Damit steht sie der anderen grossen Rebellenbewegungen im Lager der Dschihadisten näher, der Dschabhat al-Nusra, der «offiziellen» Al-Kaida. Mit dieser hat sie häufig Bündnisse geschlossen – und auch mehrfach gegen den IS gekämpft in den Bruderkriegen der Dschihadisten, die es in Syrien gab und gibt.

«  Einige der ‹moderateren› Rebellen waren angewidert von den Greueltaten der Terrormiliz IS – und gleichzeitig begeistert von deren Schlagkraft.  »

Philipp Scholkmann
SRF-Nahostkorrespondent

Heute Abend will Barack Obama seine Strategie gegen den IS vorstellen. Käme da auch Ahrar al-Scham in Frage?

Im Prinzip natürlich nicht mit dieser Ideologie. Aber man hatte zuletzt fast den Eindruck, Ahrar al-Scham wolle sich als Partner anbieten, die Bewegung hat den Ton gemässigt. Es gab auch Berichte, dass sie die Nähe zu moderateren Rebellenverbänden suchte. Also zu den Kräften, die die USA so herbeisehnen – als Speerspitze gegen das Regime Assad einerseits, aber auch gegen die Terrormiliz IS.

Ahrar al-Scham glaubte vielleicht, mit dieser Neupositionierung eine zweite Chance zu erhalten. Aber im ideologischen Kern bleiben die Kämpfer, trotz aller Rhetorik, militante Salafisten, die dem sunnitischen Scharia-Staat verpflichtet sind.

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Philipp Scholkmann

Portrait von Philipp Scholkmann

Scholkmann ist Nahost-Korrespondent bei SRF. Er hat in Basel und Paris Geschichte und Philosophie studiert. Vor seiner Tätigkeit im Nahen Osten war er Korrespondent in Paris und Moderator bei «Echo der Zeit».

Nun haben wir den IS, wir haben Ahrar al-Scham, wir haben Dschabhat al-Nusra. Allesamt dschihadistische Kämpfer, die die Schlachtfelder in Syrien zur Zeit dominieren. Welche Position nehmen da die «moderaten» Rebellen ein?

Sie haben es immer schwieriger, werden überrollt von den Extremen. Im Raum Damaskus gab es lokal sogar einige Waffenstillstandsabkommen, weil diese moderaten Rebellen zu schwach waren, um den Kampf weiter zu führen. Manche wirken resigniert, andere eher in einer Warteposition. Sie hoffen auf mehr Geld und Waffen. Letztere wären dann vielleicht bereit, sich gegen den IS zu erheben.

Aber es gibt auch die Hin- und Hergerissenen. Ich habe vor kurzem mit einigen sogenannt «moderateren» Rebellen gesprochen. Diese waren zwar angewidert von den Greueltaten der Terrormiliz IS. Gleichzeitig waren sie aber begeistert von deren Schlagkraft, weil sie der Rebellion gegen Assad ganz neuen Schub gäbe. Dies verdeutlicht letztlich auch, wie schwer der Kampf im Terrain gegen die Terrormiliz IS werden wird.