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Eklat bei Staatsbesuch Als der Drache Feuer spie

1999 sorgten Pro-Tibet-Proteste in Bern für schlechte Laune bei Chinas Präsidenten. Doch einer rettete die Situation.

Legende: Video «Eklat bei Staatsbesuch in Bern (25.03.1999)» abspielen. Laufzeit 3:59 Minuten.
Vom 16.05.2013.

Es ist der 25. März 1999. Chinas Staatsoberhaupt Jiang Zemin wird in Bern erwartet. Die Schweiz ist Teil seiner Europareise, die weiter durch Italien und Österreich führt. Chinas Interesse gilt Wirtschaftskontakten. Die Erwartungen in Bern sind hoch. Jiang Zemin ein mächtiger Gast, den man nicht erzürnen will.

«Free Tibet!»

Doch genau das passiert: Vor dem Haupteingang des Bundeshaus versammeln sich Bundespräsidentin Ruth Dreifuss sowie ihre Bundesratskollegen und deren Gattinnen auf dem roten Teppich. Die Ehrenkompanie und die Militärkapelle stehen bereit. Jiang Zemin wird um 15 Uhr erwartet. Doch Chinas Staatsoberhaupt verspätet sich.

ruth Dreifuss (links), Adolf Ogi (3. von links), Arnold Koller (5. von links) und Kaspar Villiger (7. von links)
Legende: Warten auf den Staatspräsidenten: Im März 1999 lässt Jiang Zemin die Landesregierung warten. Keystone

Derweil am Randes des Bundesplatzes: Tibetische Fahnen wehen in der Luft. Plakate werden entrollt. Die Demonstranten skandieren «Free Tibet!».

Auch auf den Dächern tauchen weitere Tibet-Aktivisten auf. Trillerpfeifen schrillen, farbige Ballone steigen auf, daran Zettel, auf denen «Dialog» und «Tibet» steht. Die Polizei schreitet nicht ein.

Dann trifft das chinesische Staatsoberhaupt doch noch ein. Und rasch wird klar: Jiang Zemins Stimmung war auch schon besser. Die Ehrenkompanie und auch den Bundesrat beachtet er nicht. Lediglich Bundespräsidentin Ruth Dreifuss schüttelt er die Hand. Kurz, nur.

«Sie haben einen guten Freund verloren.»
Autor: Jian ZemingStaatspräsident Chinas (1993-2003)

Streitpunkt Menschenrechte

Auch danach, in der Wandelhalle, bleibt die Situation angespannt. Jian Zemin faucht Arnold Koller, den damaligen Justiz- und Polizeiminister, an: «So etwas habe ich noch nie gesehen – in keinem Land.»

Chinas Staatspräsident (links) und Bundespräsidentin Ruth Dreifuss in der Wandelhalle.
Legende: Der diplomatische Spiessrutenlauf geht in der Wandelhalle weiter. Keystone

Nach dem missglückten Empfang tritt Bundespräsidentin Dreifuss vor die Medien und hält ihre Begrüssungsrede. Ein wesentlicher Bestandteil: Das Thema Menschenrechte. Die gegenseitige Achtung der beiden Nationen erlaube es, «im beiderseitigen Dialog auch kritische Punkte offen und freimütig zur Sprache zu bringen.»

Das sieht Jiang Zemin offensichtlich anders. Schon bald schiebt er das vorbereitete Manuskript beiseite. Sichtlich wütend. «Sind Sie nicht in der Lage, dieses Land zu führen?» Ein Giftpfeil an die Adresse von Bundespräsidentin Dreifuss und die restliche Landesregierung.

Doch damit nicht genug. Zeming doppelt nach: «Sie haben einen guten Freund verloren.»

Der rettende Bergkristall

Dass der Besuch nicht abgebrochen wird, liegt weniger am Gast als an Ruth Dreifuss. Immer wieder schafft sie es, Jian Zeming zu beruhigen – wenn auch jeweils nur knapp.

Beim Staatsdinner am Abend droht die Situation erneut zu eskalieren. Denn Bundespräsidentin Dreifuss will erneut die Menschenrechtslage in China thematisieren. Zeming kocht, will den Tisch verlassen. Die Wogen glätten sich erst, als Adolf Ogi einen Bergkristall aus dem Hosensack zieht und ihn Zeming schenkt.

4 Kommentare

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  • Kommentar von Adrian Flükiger (Ädu)
    Das grosse Glück dieses Besuches war, dass Ruth Dreifuss Bundespräsidentin war. Wäre es einer dieser bürgerlichen Hitzköpfe gewesen, hätte man wohl "geräumt" - zum Glück müssen wir uns also auch im Nachhinein nicht über den Preis einer "Räumung" unterhalten, obschon man Demonstranten auf Dächern während eines solchen Besuches nicht dulden kann. Ebenso wenig wie 4 Jahre später die Wagenburg aus militärischen Mannschaftstransportern als Sichtschutz vor dem gemeinen Volk.
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  • Kommentar von michael sommer (pantokrator)
    Und warum genau war er jetzt erzürnt? Wegen der Demonstranten? Der Verspätung?
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    1. Antwort von Joel Busch (Joel)
      Ich würde meinen wohl wegen der Demonstranten und der Kritik an der Menschenrechtssituation in China. Ich weiss nicht wie das bei Staatsempfängen üblicherweise vor sich geht, aber es scheint mir auch etwas heftig zu Beginn schon mit Kritik in einer öffentlichen Rede aufzufahren.
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  • Kommentar von Hans Haller (panasawan)
    Die Europäer generell, und natürlich auch die Schweizer, müssen den speziellen Umgang mit Asiaten erst noch besser lernen müssen. Ansonsten sind eigentlich gut vermeidbare Missverständnisse und Konflikte eben doch unvermeidlich. Die Asiaten indessen sollten aber auch lernen die Sichtweise der Europäer, und der Schweizer, toleranter und nachsichtiger beurteilen.
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