Flüchtlinge an Ungarns Grenze «Als sie die Hunde auf uns hetzten, haben sie gelacht»

Männer errichten einen hohen Maschendrahtzaun. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Zäune entlang der serbischen Grenze werden in Ungarn momentan zuhauf errichtet. Keystone

Jabar ist ein sportlicher junger Mann, der nicht so schnell aufgibt. Er strahlt Optimismus aus, trotz allem, was er erlebt hat. Seit acht Monaten steckt er in Serbien fest. Sechsmal hat er in dieser Zeit versucht, die grüne Grenze nach Ungarn zu überqueren.

Schwere Bisswunden

Schon beim ersten Mal hat er die Brutalität ungarischer Grenzwächter erfahren. «Die haben es richtig genossen, als sie die drei Hunde auf uns hetzten. Wir waren 15 Flüchtlinge und haben sie angefleht, das nicht zu tun. Einige von uns haben geweint. Die Grenzwächter haben nur gelacht und alles auf Video aufgenommen», erzählt Jabar in der Beratungsstelle für Asylbewerber im Zentrum Belgrads.

Beim zweiten Mal sei es noch schlimmer gewesen. «Einige meiner Freunde wurden richtig verprügelt und die Hunde trugen diesmal keine Maulkörbe. Meine Freunde hatten an Armen und Beinen schwere Verletzungen», sagt Jabar.

Er stammt aus Afghanistan und ist einer von mehreren hundert jungen Männern, die seit Monaten in den leerstehenden Hallen beim Belgrader Bahnhof hausen – in prekären hygienischen Verhältnissen. Jedes mal ist er wieder hierher zurückgekehrt, wenn ihn die ungarischen Grenzwächter aus ihrem Land geworfen haben.

Als er einmal ein paar Kilometer ins Innere Ungarns gelangt war, wurde seine Gruppe in der Nacht von einem Helikopter aus mit Scheinwerfern erspäht. Aber auch da: «Wenn du den ungarischen Grenzwächtern sagst, dass du einen Asylantrag stellen willst, hören die gar nicht zu. Sie schlagen dich einfach und stellen dich wieder zurück über die Grenze», sagt Jabar.

«  Einmal als sie uns aufgegriffen haben, haben sie uns mit einem Spray besprüht, der die Haut verätzt. »

Khaled
Flüchtling aus Afghanistan

Khaled stammt auch aus Afghanistan. Er hat im Flüchtlingslager Krnjaca bei Belgrad einen Platz erhalten. Von hier aus hat er in den letzten zehn Monaten fünf mal versucht, nach Ungarn zu gelangen. Auch er geriet an gewalttätige ungarische Grenzwächter. «Die behandeln uns wie Tiere», sagt Khaled und zeigt eine Narbe am Arm. Er sei geschlagen und gegen den Stacheldrahtzahn gestossen worden.

Eine Strasse. Rechts und links davon ein hoher Zaun. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Ungarn hofft auf den zweiten errichteten Zaun, um Flüchtlinge am Eindringen ins Land zu hindern. Reuters

«Einmal als sie uns aufgegriffen haben, haben sie uns mit einem Spray besprüht, der die Haut verätzt», erzählt Khaled. Im Flüchtlingslager Krnjaca betreiben Ärzte ein kleines Gesundheitszentrum. Doktor Miljana Bogosavljevic hat drei Flüchtlinge behandelt, die von der ungarischen Grenze zurückkamen.

«Der eine Flüchtling hatte einen Bluterguss am ganzen Unterschenkel. Der andere hatte eine offene Wunde am Kopf. Wir brachten ihn ins Spital in die Neurochirurgie, dort musste man eine Computer-Tomographie machen», erzählt die Ärztin. Der dritte habe eine Verbrennung am ganzen Fuss gehabt, von einer Chemikalie, vermutlich einer Säure.

«  Flüchtlinge, die schon vom Krieg zuhause traumatisiert sind, erleben hier extreme Grausamkeiten. »

Andrea Contenta
Ärzte ohne Grenzen

In der Nähe des Bahnhofs in Belgrad betreibt das Hilfswerk «Ärzte ohne Grenzen» eine Anlaufstelle für Flüchtlinge. Andrea Contenta aus Italien leitet die Einrichtung. In den letzten 12 Monaten habe «Ärzte ohne Grenzen» über hundert Fälle mit Verletzungen registriert, die von einem Arzt behandelt werden mussten. «Vor allem im Lauf der Wintermonate hat die Gewalt an der ungarischen Grenze zugenommen», sagt Contenta. «Flüchtlinge, die schon vom Krieg zuhause traumatisiert sind, erleben hier extreme Grausamkeiten.»

«Leute mussten sich nackt ausziehen und im Schnee während Stunden stramm stehen», sagt Contenta. Einige seien nackt in der Kälte auch mit Wasser übergossen worden. Die Frage ist, ob Ungarn die Gewalt gezielt zur Abschreckung einsetzt. Jabar jedenfalls gibt auf und will es an der ungarischen Grenze nicht noch mal versuchen. «Es gibt zu viel Gewalt», sagt Jabar. Schon eher will er jetzt versuchen, über Kroatien und Slowenien weiter zu kommen.