Alte AKW sorgen für neue Spannung

Der Zustand belgischer Atomkraftwerke sorgt in Nachbarländern für Unruhe. Jetzt muss erneut ein Reaktor vom Netz genommen werden – nur vier Tage nach seiner Wiederinbetriebnahme. In Japan wurde unterdessen erstmals eine Krebserkrankung als Folge des Fukushima-Atomunglücks offiziell anerkannt.

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Bildlegende: Die alten Reaktor-Anlagen im belgischen Doel sorgen auch in Nachbarländern für Hochspannung. Keystone

Der Zustand belgischer Atomkraftwerke wird auch in Deutschland mit Sorge gesehen. Jetzt muss erneut ein Reaktor vom Netz genommen werden – nur vier Tage nach seiner Wiederinbetriebnahme.

Leck entdeckt

Nur kurze Zeit nach dem Wiederhochfahren ist der umstrittene belgische Atomreaktor Doel 3 also erneut vom Netz genommen worden. Der Schritt sei notwendig gewesen, um eine Reparatur im konventionellen Teil der Anlage zu ermöglichen, sagte eine Sprecherin des Betreibers Electrabel. Dort habe man an einer Heisswasserleitung eines Generators ein Leck entdeckt.

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Krebs durch Fukushima

Japan hat erstmals anerkannt, dass ein Angestellter des AKW Fukushima wegen der Strahlung nach der Havarie von 2011 an Krebs erkrankte. Nun soll er eine Entschädigung erhalten. Dieser Fall erfülle die gegebenen Kriterien, konstatierte das Gesundheitsministerium. Der heute 41-Jährige half an der Abdichtung der Reaktorruinen, berichtet oekonews.at.

Für die Sicherheit der Anlage und die Umwelt stelle der Defekt keinerlei Gefahr dar, betonte die Sprecherin. Der Druckwasserreaktor musste ihren Angaben zufolge nicht heruntergefahren werden. Es werde erwartet, dass er in einigen Tagen wieder ans Netz gehen könne. Im konventionellen, nicht-nuklearen Teil des Atomkraftwerks befindet sich nach Angaben des Betreibers Electrabel unter anderem die Turbinenanlage mit dem Generator. Der dort von dem Leck betroffene Wasserkreislauf enthalte keine radioaktiven Stoffe, sagte die Sprecherin.

Sicherheitsbedenken

Das bei Antwerpen gelegene Kraftwerk Doel 3 war zuletzt wegen Sicherheitsbedenken mehr als eineinhalb Jahre abgeschaltet gewesen, nachdem Haarrisse am Reaktorbehälter entdeckt waren worden.

Nach einer Überprüfung teilte die Atomaufsichtsbehörde AFCN jüngst aber mit, dass das Problem keine Gefahr für die Sicherheit des Reaktors darstelle. Er wurde erst am 21. Dezember wieder hochgefahren.

Laufzeitverlängerung in letzter Minute

Kurz vor dem Zwischenfall am Reaktor Doel 3 hatte der Betreiber Electrabel an Heiligabend den Reaktor Doel 2 wieder in Betrieb genommen. Die Atomaufsicht hatte zuvor eine Verlängerung der Laufzeit des Reaktors bis 2025 gebilligt. Ursprünglich sollte er im laufenden Jahr komplett stillgelegt werden. Die Reaktoren Doel 1 und Doel 2 gingen bereits 1975 ans Netz und sind die ältesten in Belgien. Doel 1 soll am Sonntagabend wieder hochgefahren werden.

Belgien hat an den Standorten Doel und Tihange insgesamt sieben Atomreaktoren. In Tihange soll am Samstag der Reaktorblock 1 wieder hochgefahren werden. Er war vor einer Woche nach einem Feuer im nicht-nuklearen Bereich der Anlage automatisch heruntergefahren worden.

Doel und Beznau von gleicher Bauart

Doel 3 ist von gleicher Bauart wie das AKW Beznau. Bei diesem war im Oktober bekannt geworden, dass es gemäss dem vorläufigen Untersuchungsbericht des Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorats (ENSI) 925 Stellen mit Materialfehlern hat. Demnach sind die Materialfehler im Reaktordruckbehälter durchschnittlich 7,5 mal 7,5 Millimeter gross.

In den Dokumenten vergleicht das ENSI die Materialfehler in Beznau und Doel 3 miteinander. So wurden in Doel 12'000 schadhafte Stellen gefunden. Deren Durchmesser ist doppelt so gross wie in Beznau.

Gespräch mit belgischer Atomaufsicht

Das belgische AKW Tihange liegt nur etwa 70 Kilometer von Aachen in Nordrhein-Westfalen entfernt. Von den Kraftwerken in Doel sind es etwa 150 Kilometer bis zur belgisch-deutschen Grenze.

Vor diesem Hintergrund wird der Betrieb von Doel 3 und des baugleichen Reaktors Tihange 2 deshalb von deutschen Umweltschützern, aber auch von der Bundesregierung in Berlin sehr kritisch gesehen. «Wir sind besorgt, ob die erforderliche Reaktorsicherheit dieser Anlagen in vollem Umfang gewährleistet ist», schrieb Deutschlands Umweltministerin Barbara Hendricks erst am Heiligabend auf ihrer Facebook-Seite.

Nach Angaben von Hendricks wird Deutschland seine Bedenken Anfang Januar auch bei einem Gespräch mit der belgischen Atomaufsicht äussern.

«Russisches Roulette für Millionen Menschen»

Zugleich machte die Politikerin klar, dass die deutsche Regierung keine Möglichkeiten habe, den Weiterbetrieb ausländischer Reaktoren zu verhindern. «Es liegt nicht in der Gewalt der Bundesregierung, Atomkraftwerke in anderen Ländern abschalten zu lassen. So wie Deutschland sich nicht vorschreiben lässt, Atomkraftwerke zu betreiben, so können wir anderen nicht vorschreiben, wie sie ihren Energiebedarf decken.» Das liege in der souveränen Entscheidung jedes Landes.

Der deutsche Grünen-Politiker Oliver Krischer forderte Hendricks am Freitag dennoch auf, «ohne Wenn und Aber auf eine Abschaltung von Tihange und Doel zu dringen». Der Weiterbetrieb der Atomkraftwerke sei «russisches Roulette für Millionen Menschen in Belgien, den Niederlanden und Deutschland», kommentierte der stellvertretende Grünen-Fraktionsvorsitzende im Deutschen Bundestag.