Zum ersten Mal seit der Waffenruhe haben sich der Iran und Israel wieder direkt mit Raketen beschossen. Für den Nahost-Experten Cyrus Schayegh ist klar: Der Iran agiert aus einer Position der Stärke und schafft damit eine neue strategische Realität.
SRF News: Wieso hat der Iran Israel angegriffen?
Cyrus Schayegh: Der Iran ist sehr zuversichtlich und hat das Gefühl, den 40-tägigen Krieg strategisch gewonnen zu haben. Die Kriegsziele Israels und der USA wurden verfehlt. Der Iran fühlt sich nicht nur stark, sondern sieht jetzt den Zeitpunkt, diese strategische Stärke weiter auszubauen und abzusichern.
Es ist das erste Mal in der Geschichte dieses Konflikts, dass der Iran Israel bombardiert, um einen israelischen Angriff auf ein drittes Land zu vergelten.
Der Iran greift Israel als Vergeltung für einen Angriff im Libanon an. Was ist das für ein Signal?
Damit wird eine neue rote Linie gezogen. Die Iraner sagen: Wenn ihr, Israel, ab jetzt Beirut angreift, dann greifen wir israelische Ziele an. Der Angriff dient auch dazu, die militärische Niederlage Israels zu unterstreichen. Ein Kriegsziel Israels war, das iranische Raketenprogramm zu zerstören. Indem der Iran nun Raketen auf Israel schiesst, beweist er, dass seine Arsenale immer noch funktionieren.
Sie sprechen von einem neuen «Gleichgewicht des Schreckens». Was heisst das konkret?
Das heisst konkret, dass eine Automatisierung in Kraft tritt. Der Iran signalisiert: Wenn Israel mit amerikanischer Duldung Beirut angreift, greifen wir mehr oder weniger automatisch Israel an. Das war vorher so nicht der Fall. Es ist das erste Mal in der Geschichte dieses Konflikts, dass der Iran Israel bombardiert, um einen israelischen Angriff auf ein drittes Land zu vergelten.
Kaum greift Israel die Hisbollah an, reagiert der Iran. Welche Rolle spielt die Terrormiliz?
Die Hisbollah ist trotz erlittener Niederlagen immer noch die wichtigste alliierte Miliz des Irans in der Region. Sie hat Militärfachleute in Israel damit erstaunt, dass sie wieder in der Lage ist, Israel militärisch die Stirn zu bieten. Nachdem die Israelis die Hisbollah 2024 schwer geschädigt hatten, dachten sie, die Gefahr sei eingedämmt. Dem ist aber nicht so. Die Hisbollah ist für Israel wieder eine direkte Bedrohung geworden.
Überschätzt sich der Iran mit dieser Eskalation nicht selbst?
Das ist möglich. Der Iran hat den 40-tägigen Krieg militärisch-strategisch zwar sehr gut überstanden, aber ökonomisch hat das Land wahnsinnigen Schaden genommen. Das wird oft unterschätzt und könnte zu grossen Langzeitproblemen führen.
Es ist möglich, dass die instabile Situation permanent wird.
Ein Abkommen scheint mal näher, dann wieder ferner. Wo stehen wir jetzt in diesem Konflikt?
Wir sind in einem Schwebezustand, einem Limbo. Die iranische Führung fühlt sich stark und hat das Gefühl, dass sie länger auf einen für sie vorteilhaften Waffenstillstand warten kann als ihre Gegner. Das bedeutet, es ist absolut möglich, dass die unklare und instabile Situation, wie sie jetzt besteht, permanent wird. Man muss das als eine realistische Option akzeptieren.
Das Gespräch führte David Karasek.