Nicht erst seit der jüngsten Eskalation im Nahen Osten gilt das Verhältnis zwischen US-Präsident Donald Trump und Israels Premierminister Benjamin Netanjahu als angespannt. Stephan Bierling erklärt, welche Konsequenzen ein Zerwürfnis zwischen Trump und Netanjahu für die USA, Israel und den Nahen Osten hätte.
SRF News: Wie lässt sich das Verhältnis zwischen Donald Trump und Benjamin Netanjahu beschreiben?
Stephan Bierling: Das Verhältnis Netanjahu–Trump hat vor zehn Jahren als grosse Liebesaffäre angefangen und ist mittlerweile in einen Rosenkrieg ausgeartet. Als Trump zum ersten Mal Präsident wurde, ergab sich eine enge Interessenskoalition mit Netanjahu. Diese geht nun in die Brüche.
Das ist typisch Trump. Er sucht immer nach Schuldigen.
Zum einen ist in den USA die Bereitschaft, Israel zu unterstützen, zurückgegangen – sowohl bei den Demokraten als auch bei den Republikanern. Zum anderen spielt Trump im Iran-Krieg sein eigenes Spiel. Trump befürchtet, dass Netanjahu ihn in Dinge hineinzieht, in die er nicht mehr hineingezogen werden will. Natürlich bietet sich da der israelische Ministerpräsident auch als Sündenbock für alle Fehler an, die Trump in den letzten Monaten gemacht hat.
Trump oder Netanjahu: Wer profitierte mehr von wem?
Wie in jeder guten Beziehung haben beide voneinander profitiert. Trump und Netanjahu haben beide ein rechtspopulistisches Weltbild. Das hat Netanjahu sozusagen begründet in seiner langen Zeit als Ministerpräsident von Israel. Das war für Trump auch sehr attraktiv. Für die Israelis ist es von zentraler Bedeutung, dass die Supermacht USA möglichst hinter Israel steht. Das hat Trump Netanjahu versprochen und lange Zeit auch garantiert.
Jüngst hat Netanjahu Trump ignoriert: Israels Armee hat wieder Angriffe auf den Iran gestartet. Was bedeutet das?
Trump ist dabei, Netanjahu fallen zu lassen – und mehr noch: ihn öffentlich zu desavouieren. Trump hat ein privates Telefongespräch mit Netanjahu öffentlich gemacht. Darin hat er Netanjahu unflätig beschimpft und gesagt, dass Netanjahu nur deshalb nicht im Gefängnis sei, weil Trump ihn davor bewahrt habe. Trump war bereit, Israel als den alleinigen Verursacher dieses Fiaskos im Nahen Osten hinzustellen. Das ist typisch Trump: Er sucht immer nach Schuldigen.
Für Israel ist die Gefahr viel dramatischer.
Die Israelis ihrerseits haben Existenzängste. Diese sind durch den 7. Oktober 2023, den Massenmord der Hamas an israelischen Zivilisten, nochmal ins Unendliche gesteigert worden. Israel sieht sich immer in einem Endzeitkampf. Die Araber haben Israel seit 1948 mit einem Krieg nach dem anderen und durch Terrororganisationen mit Anschlägen überzogen. Für Israel ist die Gefahr viel dramatischer. Deshalb werden die Israelis nicht so leicht den schlanken Fuss machen können, wie Trump es ihnen im Moment nahelegt.
Was würde ein Zerwürfnis zwischen Trump und Netanjahu bedeuten?
Auf den ersten Blick ist es für die US-Amerikaner keine grosse Schwächung. Sie haben andere Optionen in der Region: Die USA arbeiten sehr eng mit den Vereinigten Arabischen Emiraten zusammen, auch militärisch. Aber langfristig wäre es natürlich eine Schwächung.
Für die Israelis wäre es eine Katastrophe, denn dem amerikanischen Schutz verdanken sie quasi ihr Überleben seit 1968. Wenn dieser nicht mehr da ist, würde Israel alleine in einer doch sehr feindlichen Region stehen. Das wäre ein katastrophales Vermächtnis von Netanjahu, der sich immer an die US-Amerikaner und vor allem an Trump rangewanzt hat und nun vor einem Scherbenhaufen seiner Politik steht.
Das Gespräch führte Vanessa Ledergerber.