Anschläge von Paris und Brüssel: Wie gross ist die Terrorzelle?

«Wer tut so etwas?», fragt man sich nach Attentaten wie jenem von Brüssel. Dank den Fahndungserfolgen der letzten Tage ist manches klarer geworden. Doch einige unangenehme Fragen sind noch nicht beantwortet.

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Polizei sucht Mittäter

1:27 min, aus Tagesschau am Mittag vom 24.3.2016

Bei den Anschlägen von Brüssel am Dienstag waren vier oder fünf Täter am Werk, von denen drei inzwischen identifiziert sind. Sie wuchsen alle in Brüssel auf, ihre Eltern kommen aus dem Maghreb, keiner war älter als dreissig Jahre alt. Während Jahren fielen sie nicht durch besonders tiefe Gläubigkeit auf, sondern durch ihre Neigung zu kleineren und grösseren Delikten.

Kleinkriminelle Ganoven

Ihre Gedanken verhedderten sich nicht in Koransuren, sondern in Plänen für Raubüberfälle und Autodiebstähle. Und noch eines haben ihre Biografien gemeinsam: Alle waren sie eine Weile als Krieger in Syrien. Das sind ähnliche Biografien, wie sie viele der Männer vorweisen, die im November in Paris 130 Menschen umbrachten.

Ein weiteres wichtiges Ergebnis der bisherigen Ermittlungen ist, dass sich die Attentäter von Paris und Brüssel kannten. Einer der Täter von Paris, der jetzt in Belgien im Gefängnis sitzt, versteckte sich eine Weile in einer Wohnung, die wiederum von einem Brüsseler Täter gemietet worden war. Ausserdem sprengte sich der Mann, der wohl die Sprengstoffgürtel baute, die in Paris explodierten, am Dienstag auf dem Flughafen Brüssel selber in die Luft.

Ein Polizist steht mit Hund im Vordergrund, auf der Strasse im Hintergrund Polizei- und Rettungsfahrzeuge. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Razzia in Molenbeek: Die Spuren der Täter von Paris und Brüssel führen in das Brüsseler Problemquartier. Imago

Wie gross war die Terrorzelle?

Das alles sind starke Indizien dafür, dass in Paris und Brüssel ein und dieselbe Terrorzelle am Werk war. Wie gross die Gruppe ist, lässt sich nicht sagen. Mindestens ein Täter, vielleicht auch mehrere, sind noch auf der Flucht. Ausserdem kann man nicht ausschliessen, dass es weitere Komplizen gibt.

Vor allem aber gibt es in Europa und insbesondere in Belgien noch viele junge Männer mit ähnlichen Biografien wie die der bereits identifizierten Täter von Brüssel. Es könnten also neue Zellen entstehen, zumal man noch nicht wirklich weiss, wann, wo und wie genau aus jugendlichen Kleinkriminellen radikale Selbstmordattentäter werden.

Freunde für Radikalisierung verantwortlich

Erst wenige Experten haben sich bis jetzt mit dieser Frage befasst. Etwa ein Forscher der Uni Oxford. Er kam zum Schluss, dass nicht der Glaube die jungen Männer radikalisiert, sondern Freunde und Kollegen. Verantwortlich machte er auch den Umstand, dass der sogenannte Islamische Staat weiss, wie man frustrierte Jugendliche anspricht. Der Glaube wäre demnach nur das Schmiermittel auf den letzten Metern zur verzweifelten Tat.

Täterprofil wird immer klarer

2:39 min, aus Rendez-vous vom 24.03.2016

Die Ermittlungen der belgischen Behörden deuten auch immer stärker darauf hin, dass sich die Mitglieder dieser Zelle nach den Anschlägen von Paris während Monaten in Brüssel versteckt halten konnten. Und das, obwohl man sie zum Teil intensiv suchte. Da kommen noch weitere unangenehme Fragen auf die Behörden zu – aber auch auf das Umfeld der Täter, ihre Bekannten und Verwandten.