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Antiquariat in Johannesburg Der Mann zwischen zwei Millionen Büchern

Südafrikas grösste Stadt ist voller Gegensätze – und Überraschungen: Besuch im grössten Antiquariat der Südhalbkugel.

Presslufthammer, Minibusse, Gedränge. Das alte Geschäftszentrum von Johannesburg ist laut und voll. Lange wurde Touristinnen und Touristen davon abgeraten: zu kriminell, zu dreckig, hiess es in den Reiseführern.

Doch wer das gelbliche Backsteinhaus an der Commissioner Street betritt, ist mit einem Mal woanders. Hinter einer Sicherheitstür, ein paar Stufen hoch, wird es still. Es riecht nach Papier und Staub. Und überall, wo man hinblickt: Bücher.

«Der Platz war immer knapp»

«Wir haben sie nie gezählt», sagt Jonathan Klass. «Wir schätzen, dass es zwischen einer und zwei Millionen sind.» Es soll das grösste Antiquariat der südlichen Halbkugel sein.

Ein mehrstöckiges Gebäude an einer Strassenecke unter blauem Himmel.
Legende: Acht Stockwerke, bis zu zwei Millionen Bücher: Das Antiquariat «Collector’s Treasury» in Johannesburg. SRF / Fabian Urech

Klass hat den Laden 1974 mit seinem Bruder eröffnet – zu einer Zeit, als Südafrika noch ein anderes Land war. Die Familie sammelte Bücher. Irgendwann dachten sie sich: Warum das viele Zeug nicht verkaufen? «Niemand glaubte, dass wir länger als einen Monat überleben würden.»

Heute, ein halbes Jahrhundert später, füllt das Antiquariat acht Stockwerke. «Der Platz war von Anfang an knapp», sagt Klass, «und er bleibt es bis heute.» Die Regale reichen bis zur Decke, davor stapeln sich die Bücher. Nur ein schmaler Durchgang bleibt, um den Buchdschungel zu erkunden.

Blick in einen mit Büchern gefüllten Raum mit dicht gestapelten Regalen.
Legende: Manchmal, sagt Buchhändler Klass, dauere es ein paar Tage, bis er wisse, ob er ein bestimmtes Buch besitze. SRF / Fabian Urech

Zusammengetragen hat Klass die Bände über die Jahrzehnte, Stück für Stück. «Würde ich jedes Buch kaufen, das man mir anbietet, wäre ich bankrott», sagt er.

Ort der Kontraste

Beim Rundgang bleibt Klass in einem der Räume stehen. «Ein ganzes Regal über Johannesburg», meint er. Der Buchhändler weiss besser als andere, wie viel es über diese Stadt zu erzählen gibt. Als das Antiquariat öffnete, war dies noch das Geschäftszentrum der Grossstadt, mit Banken, Anwaltskanzleien, teuren Läden. «Der Ort glich einem kleinen London oder einem kleinen New York», sagt er. Inzwischen sind viele Geschäfte weggezogen.

Was damals auch anders war: Es herrschte Apartheid – eine Ordnung, die festlegte, wer wohin durfte. Doch das Zentrum begann sich früher zu durchmischen als andere Viertel. «Früher war die Stadt westlicher, heute ist sie afrikanischer», sagt Klass. «Johannesburg afrikanisiert sich, und das ist nur natürlich.»

Städtischer Platz mit moderner Kunstskulptur, hohen Gebäuden und Wolken am Himmel.
Legende: Hier nette Cafés und Fastfood-Lokale, eine Strasse weiter Zerfall: Das Zentrum Johannesburgs bleibt ein Ort der riesigen Kontraste. SRF / Fabian Urech

Dass das einst schicke Zentrum nach dem Ende der Rassentrennung in den 1990er- und 2000er-Jahren in Teilen zu einem Ort der Banden und der Kriminalität wurde, beschönigt Klass nicht. Doch er blickt lieber auf das Positive: «Menschen, die während der Apartheid keine Freiheit kannten, kommen herein und sind glücklich, wenn sie all die Bücher sehen.»

Dennoch bleibt das alte Zentrum bis heute ein Ort der Kontraste: in der einen Strasse hippe Cafés, Supermärkte und Kleidershops, eine Gasse weiter besetzte Häuser und Zerfall.

«Bausteine des Wissens»

Im Antiquariat aber verschwinden diese Gegensätze für eine Weile. Klass steigt die Treppe hinunter, in seinen Lieblingsraum. Auch er ist übervoll – mit Büchern aus dem 17., 18. und 19. Jahrhundert. «Ich mag die Kunstfertigkeit», sagt er. «Die Art, wie sie gebunden sind, wie sie aussehen.»

Ein älterer Mann in einer Bibliothek sucht ein Buch aus einem Regal.
Legende: Die ältesten Bücher sind seine liebsten: Antiquar Klass. SRF / Fabian Urech

Hat er bei diesem Sortiment überhaupt noch den Überblick? Manchmal, sagt Klass, dauere es ein paar Tage, bis er wisse, ob er ein bestimmtes Buch besitze. Doch diese Suche sei der einzige Weg – und oft lohne sie sich. «Bücher sind für mich die Bausteine des Wissens.»

Da hat er recht, denkt man beim Hinausgehen. Gerade hier, im alten Zentrum von Johannesburg, wo sich so vieles verändert hat, ist ein solches Archiv des Wissens besonders wertvoll.

Echo der Zeit, 29.6.2026, 18 Uhr

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