Marine Le Pen im Portrait «Au nom du peuple» – im Namen des Volkes

«Marine – Présidente». Mit diesem Slogan tritt Marine Le Pen zu den Präsidentschaftswahlen an. Gerne präsentiert sie sich auch mit «Au nom du peuple». Dieser Ausdruck ist in den Augen vieler Franzosen nicht vermessen, rund ein Viertel fühlt sich inzwischen von ihr vertreten. Ein Portrait.

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Wahljahr in Frankreich

8:32 min, aus Rundschau vom 4.1.2017

Am Morgen im November erschüttert eine gewaltige Explosion das Haus der Familie Le Pen. Marine Le Pen ist acht Jahre alt. Eben gingen 20 Kilogramm Sprengstoff in die Luft. Die ganze Familie bleibt unversehrt, wie durch ein Wunder. Marine erinnert sich im Buch «A contre flots» – Gegen die Wogen: «Mir ist bewusst geworden, dass ich die Tochter eines Mannes bin, den man umbringen will.» Das war 1976.

Heute, 2016, zittert nicht mehr Marine Le Pen, es sind die andern. Noch vor ein paar Jahren war der Front National eine unwählbare Partei, eine Ansammlung von eingefleischten Nationalisten, angeführt von Jean-Marie Le Pen, rassistisch, antisemitisch, autoritär. Dann kam seine Tochter Marine, holte die Partei aus der Schmuddelecke: Der Front National ist heute die dritte Kraft im Land.

Dürfen wir vorstellen? Marine Le Pen, 48 Jahre alt, dreifache Mutter, zweifach geschieden, Anwältin, Vorsitzende des rechtsextremen Front National. Sie selbst definiert sich so: «Ich bin eine freie Frau, eine Mutter, eine Französin, und ich habe beschlossen, mich für mein Land zu engagieren.» Das schrieb sie im Februar 2015 auf ihrer Internetseite «carnets d’espérances» – Notizen der Hoffnung. Die Seite hatte sie damals ins Leben gerufen, zur Imagepflege.

«  Das Verhältnis zwischen Le Pen und den Journalisten ist von Misstrauen geprägt. »

Charles Liebherr
SRF-Korrespondent in Paris

Ein scharfes Bild von Marine Le Pen zu zeichnen ist nicht einfach. Sehr spärlich sind Interviews, in denen sie Persönliches Preis gibt. «Warum auch», sagt SRF-Korrespondent Charles Liebherr, «sie schützt sich wie alle anderen Politiker auch. Ausserdem ist das Verhältnis zwischen ihr und den Journalisten von Misstrauen geprägt.» Die Medien sind in ihren Augen Teil der etablierten Elite in Frankreich, welche sie gerne und häufig kritisiert.

Und doch lässt sich erahnen, was Marine Le Pen antreibt, wenn man Aussagen und Ereignisse zusammenträgt. Und die sind nicht ohne. Denn: Man wird nicht straflos als Le Pen geboren, der Name verpflichtet.

Marine ist die jüngste der drei Töchter von Jean-Marie Le Pen. Als sie zur Welt kommt, hat sich ihr Vater bereits der Politik verschrieben, ganz und gar. Nur an Parteiversammlungen habe sie die Möglichkeit gehabt, ihm nahe zu sein, hat sie einmal gesagt.

Der Vater bleibt für die drei Töchter fortan einer, den man beschützen muss. Einer, der Zielscheibe von Attacken ist, ständig. Ungerechtfertigte Attacken, in ihren Augen.

Marion Maréchal-Le Pen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Auch im Front National: Die Nichte von Jean-Marie, Marion Maréchal-Le Pen, Abgeordnete der Nationalversammlung. Keystone

Etwa, als die Mutter das Heim verlässt – «ohne ein Wort für die drei Töchter», schreibt der «Nouvel Observateur». Der alte Le Pen ist es denn auch, der die Töchter in die Politik einführt. Die Älteste Marie-Caroline, arbeitet in der Parteileitung mit. Die Zweite, Yann, kümmert sich um die Veranstaltungen des Front National. Marine will von alledem vorerst nichts wissen.

Sie studiert Jura, wird Anwältin, arbeitet bei einem Freund des Vaters in einer Kanzlei. Irgendwann dann lässt Marine sich doch in der Partei einspannen, 1998, als juristische Direktorin. Es sei schwierig gewesen, mit so einem Namen Kunden in der Kanzlei zu gewinnen, erklärt sie später ihr Umdenken.

Schwerer Einstieg

Nach und nach übernimmt sie Verantwortung in der Partei, der Papa lässt sie machen. Die Rollen sind aufgeteilt: Der alte Le Pen ist der Teufel, sie seine Anwältin. Er beschützt sie, sie beschützt ihn.

Nicht alle in der Partei goutieren Marine, vor allem die Alteingesessenen nicht. «Das einzig Positive an diesem Lausemädchen ist, dass sie keinen grösseren Unfall verursacht. Aber sie ist nicht das Hirn der Partei», sagt damals ein alter Front-National-Abgeordneter, Jean-Claude Martinez, dem «Observateur».

2011 wird Marine Le Pen zur Vorsitzenden des Front National gewählt. Dabei setzt sie sich gegen den langjährigen stellvertretenden Front-National-Vorsitzenden Bruno Gollnisch durch, der berüchtigt ist für seine antisemitischen Äusserungen.

Jetzt, als Vorsitzende ist die Zeit, in der sie Entscheidungen treffen muss, in der Partei, in der Familie. Sie habe das Problem aller arbeitenden Mütter: zu wenig Zeit, sagte sie einmal. Es gebe den Moment, in dem man sich entscheiden müsse. «Und ich habe mich für Frankreich entschieden.» – Sie, die als Kind unter der Abwesenheit des Vaters litt, tut es ihm gleich.

Die Entscheidungen

Für die Partei folgt die andere grosse Entscheidung: Marine riecht den süssen Duft der Macht. Sie will mehr, als nur in einer Aussenseiterpartei den Kläffer der Nation spielen. Sie öffnet die Partei, für Besserverdienende, für Akademiker.

Viele von den Alten verlassen die Partei. Und Vater Le Pen? Noch stellt sich Marine vor ihn. Doch wie einen Vater schützen, der sich mit antisemitischen und rassistischen Äusserungen ständig selbst ins Abseits stellt?

Einer, der auch zu den Neuen in der Partei gehört, ist Partei-Stratege Florian Philippot, heute Stellvertreter der Chefin. Er – vom alten Le Pen stets verachtet – repräsentiert wie kein zweiter den neuen Front National. Der Eliteschulabsolvent gilt als erster Einflüsterer von Marine Le Pen. Oft schickt sie ihn, wenn ein Fernsehtermin ansteht. In geschliffenen Sätzen sagt er, wie man der Globalisierung Einhalt gebieten will, wie in Frankreich wieder Ordnung einkehren soll. Der Front National professionalisiert sich, bestückt sich immer mehr mit Abgängern von Eliteschulen, hohen Beamten, die die Codes der Macht beherrschen.

Vater und Tochter, noch derselbe Kampf? Nicht ganz. Von der neuen Strategie seiner Tochter – der Entdiabolisierung – hält er nicht viel. «Einen freundlichen Front National, das interessiert keinen», sagte er einmal. Seine antisemitischen Äusserungen werden zur Hypothek für sie. Sie schliesst ihn schliesslich aus der Partei aus. Denjenigen, von dem sie einmal gesagt hat, er sei «der Mann ihres Lebens».

«  Direkt beleidigt hat Marine Le Pen Ausländer nie, soviel ich weiss. »

Charles Liebherr
SRF-Korrespondent in Paris

Ein Opfer mehr. Heute nun steht Marine Le Pen im Wahlkampf fürs Präsidentenamt, schon zum zweiten Mal. Und sie wird nicht müde gegenüber Journalisten zu betonen, sie sei keine Rassistin. «Direkt beleidigt hat sie Ausländer nie, soviel ich weiss», sagt SRF-Korrespondent Charles Liebherr. Gleichwohl, findet sie, die Solidarität oder die Grundrechte, die gelten nur für Franzosen selber, alle andern müssen selber sehen, wo sie bleiben. In diese Richtung geht ihr Wahlmanifest «Remettere la France en ordre».

Überhaupt kommt alles Schlechte von aussen. Die Europäische Kommission? Ein paar Selbstherrliche, gesteuert von Lobbyisten. Den Euro? Abschaffen. Freihandel? Ein Geben und Nehmen gibt’s nicht, höchstens ein Nehmen.

Einige ihrer Forderungen wurden von den Sozialisten vorweggenommen, etwa, als sie den Notstand im Land ausgerufen haben. Polizisten können bei blossem Verdacht Häuser durchsuchen, Menschen überwachen.

«  Ihr Wirtschafts-Programm ist schlicht nicht kompatibel mit einer globalisierten Wirtschaft im 21. Jahrhundert. Die Partei funktioniert deshalb nur in der Opposition »

Charles Liebherr
SRF-Korrespondent in Paris

Marine Le Pen im «Rundschau»-Gespräch

10 min, aus Rundschau vom 29.6.2016

Marine Le Pen als Präsidentin Frankreichs? «Sie wird aller Voraussicht nach in die Stichwahl kommen mit einem Wähleranteil zwischen 20 und 30 Prozent», sagt Liebherr. Dann wird’s allerdings schwierig für sie, «weil sich das rechte und das linke politische Lager bisher jeweils geschlossen gegen den Front National stellten, ihre Kandidaten in einer Stichwahl zurückzogen, um den Sieg der Frontisten zu verhindern.»

Sollte sie nicht gewählt werden, wäre das für Marine Le Pen und den Front National eigentlich ein Glücksfall. «Ihr Wirtschafts-Programm ist schlicht nicht kompatibel mit einer globalisierten Wirtschaft im 21. Jahrhundert. Die Partei funktioniert deshalb nur in der Opposition», sagt Liebherr.

Die Politikerin hat schon angekündigt, dass sie auch bei einer Niederlage weitermachen will. Ihr Erbe, der Name Le Pen verpflichtet. Allerdings – ihre drei Kinder heissen nicht mehr Le Pen. So will sie es selber, Marine Le Pen.