Augenzeugenberichte aus Nizza: «Hinter mir sind alle umgefallen»

Eine Journalistin des Südwestdeutschen Rundfunks SWR war gestern Abend zufällig in Nizza. Sie schilderte gegenüber dem SWR, wie sie den Anschlag erlebte. Hier ihr Bericht und die Schilderungen weiterer Augenzeugen der Horrornacht.

Rettungskräfte transportieren eine verletzte Person auf einer Bahre. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Beim Attentat starben mindestens 84 Menschen, Dutzende weitere wurden teils schwer verletzt. Keystone

«Das fing erst einmal schön an, ein wunderschönes Feuerwerk», sagt Janine Konopka. Sie ist Journalistin des Südwestdeutschen Rundfunks. Konopka war gestern Abend zufällig zusammen mit ihrer Mutter vor Ort.

«Genau in dem Moment dachte ich, was ist das für ein Sog? Ich habe nur Leute schreien hören und sah diesen riesigen LKW», erzählt sie. Das Fahrzeug müsse wirklich in einem Affenzahn auf sie zugereist sein. «Ich habe meine Mutter auf die Seite geschubst und hinter mir sind sämtliche Leute und Kinder umgefallen, die waren dann alle unter diesem LKW. Es war furchtbar», sagt die Journalistin.

«Alle schrien und weinten»

Ein weiterer Augenzeuge schildert seine Eindrücke in der «Tagesschau Spezial»: «Es herrschte ein riesiges Gedränge, Panik in der Menge. Wir sahen nicht, was passierte. Aber die Menschen rannten wie verrückt. Alle schrien und weinten. Niemand kann das verstehen. Man hörte den Lärm des Motors des Lastwagens, ein Knall oder Schüsse, Menschen, die umfielen.»

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Ein Augenzeuge berichtet

0:27 min, vom 15.7.2016

«Ein weisser Lastwagen fuhr an uns vorbei»

Auch der deutsche Journalist Richard Gutjahr hat den Anschlag in Nizza am Donnerstagabend aus nächster Nähe erlebt. In der «Tagesschau Spezial» schilderte er, was er sah: «Auf der Promenade hinter mir gab es ein grosses Feuerwerk am Nationalfeiertag. Die Stimmung war ausgelassen und fröhlich. Die Menschen haben das Feuerwerk angeschaut», sagt Gutjahr. Kurz danach, als die Lichter wieder angingen und die Leute auf die Strasse strömten, sei plötzlich plötzlich ein weisser Lastwagen ohne Kennzeichen an ihnen vorbeigefahren.

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Augenzeuge Richard Gutjahr aus Nizza

4:04 min, vom 15.7.2016

«Der Lastwagen nahm Fahrt auf und raste in die Menschenmenge. Es lagen sehr, sehr viele Körper auf dem Boden. Nachdem der Wagen zum Stillstand kam, gab es einen Schusswechsel», sagt Gutjahr. Er könne nicht sagen, wer da auf wen geschossen habe.

«Jedenfalls dauerte das Ganze 10, 20 Sekunden. Aus den Foyers der Hotels hörte ich Schreie. Menschen waren fassungslos und haben versucht mit Verwandten in Kontakt zu treten. Ich habe auch sehr viele Verletzte, die dort Erste Hilfe erhielten gesehen», sagt Gutjahr.

«Dann hörten wir Schüsse»

SRF-Augenzeuge Ilir Morina ist derzeit in Nizza in den Ferien. Er schreibt: Er sei selber dem Lastwagen knapp entkommen. Denn kurz zuvor hätten er und seine Freunde entschieden in eine Bar zu gehen. «Dann hörten wir die Schüsse. Neben uns die Polizei. Wir sahen Rauch aufsteigen.» Morina schreibt weiter von der Hilfsbereitschaft in Nizza: «Wie die meisten haben wir nach einer chaotischen Flucht einen Platz bei einer Einwohnerin gefunden und dort übernachtet.»

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SRF-Augenzeuge filmt Panik in Nizza

0:09 min, vom 15.7.2016

«Ich war wie gelähmt»

Ein Journalist der Zeitung «Nice Matin» wollte sich gerade auf den Heimweg machen, als er plötzlich Lärm und Schreie hörte. «Mein erster Gedanke war: Ein Verrückter wollte sein kleines Feuerwerk zünden und hatte es nicht unter Kontrolle», schildert Damien Allemand die Ereignisse. «Einen Sekundenbruchteil später kam ein riesiger weisser Lastwagen mit irrer Geschwindigkeit auf die Menschen zu und lenkte hin und her, um ein Maximum an Menschen umzufahren.»

Der Lastwagen sei einige Meter an ihm vorbeigefahren, aber er habe das Geschehen anfangs nicht einordnen können. «Ich habe Menschen wie Bowlingkegel durch die Luft fliegen sehen, als er vorbeifuhr. Lärm und Schreie gehört, die ich niemals vergessen werde. Ich war wie gelähmt.» Erst als er verstanden habe, was vor sich ging, sei er mit anderen Menschen davongelaufen und habe sich in Sicherheit gebracht.

«Es sind überall Tote»

Dann habe er aber wissen wollen, was passiert sei, und sei auf dem Mittelstreifen der Uferpromenade zum Lastwagen zurückgelaufen. Ein Mann habe ihm zugeflüstert: «Es sind überall Tote.» Strandpächter hätten die Verletzten mit Wasser versorgt und die Leichen mit Handtüchern bedeckt. Auf einmal sei erneut Panik ausgebrochen, als Menschen riefen: «Er kommt wieder! Er kommt wieder!» Doch da habe der von Kugeln durchsiebte Lastwagen seine Fahrt schon beendet gehabt.

«Ich habe meinen Motorroller geholt, um so weit wie möglich aus dieser Hölle zu entkommen», berichtet Allemand. Erst beim Hochfahren der Promenade habe er das Ausmass des Dramas erkannt. Tote und Verletzten hätten auf dem Bürgersteig verstreut gelegen. «Dieser Abend war der Horror.»