Aung San Suu Kyi balanciert zwischen Ideal und Politik

Aung San Suu Kyi kämpft für die Öffnung ihres Landes: Bis jetzt mit Erfolg. In Burma verändert sich vieles zum Besseren. Doch hat es auch Bestand? Spätestens 2015 kommt die Probe.

Die Militär-Junta hängt ihre Uniformen an den Nagel, zieht sich Anzüge über und verkündet die Öffnung des Landes. «Ein genialer Schachzug, denn die Militärs sind noch immer an der Macht – werden aber nicht mehr als Diktatoren verachtet, sondern als Reformer gelobt», sagt SRF-Asienkorrespondentin Barbara Lüthi. Das ist drei Jahre her. Seither ist Aung San Suu Kyi vom Hausarrest befreit.

Öffnung und Massaker

Das Land wandelt sich – nach 50 Jahren Militärdiktatur. Der Kampf von Aung San Suu Kyi hat sich gelohnt. Die Bürger haben Rechte, sie können reisen und die Partei der Freiheitskämpferin ist legal. Damit ändert sich auch die Rolle von Aung San Suu Kyi. Sie ist jetzt Politikerin, «und sie muss mit politischem Kalkül auf die Wahlen von 2015 schauen», sagt Asienexperte Peter Achten. «Das kratzt etwas am Lack der unerschrockenen Freiheitskämpferin.»

Aung San Suu Kyi in einer Menschenmenge. Sie nimmt Blumen eines Anhängers entgegen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Aung San Suu Kyi beim 25-jährigen Jubiläum ihrer Partei, der National League for Democracy (NLD). Keystone

Das Dilemma des Rollenwechsels Aung San Suu Kyis zeigt sich aktuell an der Gewalt gegen eine muslimische Minderheit. «Ultra-Militante buddhistische Mönche hetzen gegen Muslime», sagt Barbara Lüthi. Es gab dabei schon Tote. Neben den religiösen Differenzen sei Neid ein Grund für die Gewalt. «Die Muslime sind oft die besseren Geschäftsleute.» Beim wirtschaftlichen Aufschwung in Burma kommt ihnen das zugute. «So profitieren sie meist mehr als die Buddhisten.» Bis jetzt hat auch Suu Kyi die Gewalt nicht entschieden verurteilt. Sie weiss, «dass sie den Sieg ihrer Partei 2015 gefährdet, wenn sie sich entschieden auf die Seite der Muslime schlägt», sagt Achten.

Nagelprobe für die Demokratie

Die Nationale Liga für Demokratie (NLD), die Partei von Aung San Suu Kyi, hält 41 der insgesamt über 600 Sitze im burmesischen Parlament. Diese hat sie bei den Nachwahlen 2012 gewonnen. Damals standen 45 Sitze zur Neubesetzung. Bei den Wahlen in zwei Jahren hat die NLD gute Chancen auf die Mehrheit im Parlament. Die Wahl wird zeigen, ob den Ex-Diktatoren des Militärs die Demokratie auch bei einer Niederlage noch genehm ist.

Suu Kyi darf nicht regieren

Im 2011, ein Jahr nach der Öffnung «hätte die Junta alles rückgängig machen können», sagt Asienexperte Peter Achten. «Sie könnte das heute noch immer, allerdings nicht ohne Volksaufstand.» Kann die NLD die Wahlen 2015 gewinnen, wäre Suu Kyi Kronfavoritin für das Amt der Präsidentin.

Doch das verbietet ihr die Verfassung Burmas. Aung San Suu Kyi war mit einem Engländer verheiratet – und wer das oberste Amt des Landes will, darf keine ausländischen Verwandten haben. Um das zu ändern, braucht es eine Zweidrittels-Mehrheit. Was selbst bei einem Sieg der NLD nicht leicht sein wird. «Ich hoffe, sie wird nicht Präsidentin von Burma», sagt Peter Achten. «Ihrem Nimbus als unerschrockene Freiheitskämpferin würde das Amt schaden.»

Rede von Aung San Suu Kyi zum Erhalt des Sacharov-Preises

21 min, vom 22.10.2013

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