Ausländische Kämpfer unterstützen die Peschmerga gegen den IS

Unterwegs mit Peschmerga-Kämpfern an der südlichsten Front bei Kirkuk im Nordirak. Aber es sind keine Kurden, die hier gegen die Terror-Miliz Islamischer Staat kämpfen – es sind alles Ausländer: Schweden, Kanadier, Spanier und viele Franzosen. Pascal Weber und Diego Wettstein haben sie begleitet.

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Ausländer unterstützen die Peschmerga

5:00 min, aus 10vor10 vom 31.5.2016

Im Nordirak, südlich von Kirkuk, an der südlichsten Front, verteidigen Peschmerga-Kämpfer kurdisches Stammland gegen den Islamischen Staat (IS). Hinter der Frontlinie liegt «IS-Land», erklärt Thierry und spricht dabei vom «Daesh», das arabische Schimpfwort für den IS.

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Peschmerga

Eine schwer bewaffnete Gruppe Peschmerga-Kämpferinnen in Uniform.

Zu den Peschmerga-Truppen gehören viele Frauen. reuters

Auf Kurdisch bedeutet Peschmerga «nach vorn» und «Tod». Es sind bewaffnete Militäreinheiten in den kurdischen Autonomie-Gebieten im Nordirak. Aber auch in der Türkei und in Syrien kämpfen sie gegen den IS und verteidigen das kurdische Stammland für einen zukünftigen unabhängigen Staat Kurdistan. Die Peschmerga wurden von der US-Armee ausgebildet.

Der Franzose im Kampfanzug mit sportlicher Sonnenbrille, spricht Englisch mit hörbarem französischem Akzent. Er ist nicht der einzige Europäer hier im Kurdengebiet. Sie hätten hier gemeinsam früher einige Befestigungen aufgebaut – die letzte Frontlinie der Peschmerga zum IS.

Derzeit ist es ruhig an diesem Frontabschnitt. Darum haben sie die Reporter von «10vor10» mitgenommen und führen sie zu einer ihrer befestigten Stellungen.

Heloisa glaubt an das Gute

Von der Ladefläche eines nachfolgenden Pick-Up-Fahrzeugs springt eine Frau. Eine Scharfschützin, ganz offensichtlich, mit ihrer schweren, langläufigen Waffe. Auch sie ist Ausländerin.

Das war an dieser Frontlinie nicht zu erwarten. Die Kämpferin stellt sich als Heloisa vor: «Wir alle, die wir ans Gute glauben, müssen doch unsere kurdischen Brüder und Schwestern im Kampf gegen den IS unterstützen!»

Heloisa ist Brasilianerin und ausgebildete Ärztin. Eine 40-jährige brasilianische Medizinerin, die als Scharfschützin auf der Seite der kurdischen Peschmerga gegen den IS kämpft und kein Blatt vor den Mund nimmt:

«  Wir hier sind alles professionelle, legale Terroristen-Killer! Armeen wie die kurdischen Peschmerga brauchen gute Scharfschützen, die den Befehl zu Töten befolgen! »

Wie oft sie diesem Befehl bisher Folge geleistet hat, verrät Heloisa nicht. Ein Lächeln umspielt ihre Lippen: «Nun, wann immer es nötig ist, tun wir unseren Job.»

Ein Mann mit T-Shirt und Sturmgewehr auf einem Beobachtungsposten. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Toni aus Schweden sieht seine Mission im Kampf gegen den IS. Diego Wettstein tpc SRF

Toni kennt kein Pardon

Auf dem Dach des Peschmerga-Aussenpostens steht ein weiterer Kämpfer. Der Mann mit dem Seehundschnauz und dem Gehörschutz erinnert an einen Wikinger.

Er stützt mit seinen mächtigen Unterarmen eine schwere Waffe auf Sandsäcken ab und zeigt Richtung 11 Uhr: «Da reflektiert etwas. Wir haben hier etwa 20 Dörfer zu räumen. Du kannst selber rechnen: Da sind etwa 100 bis 200 IS-Terroristen. Das wird ein harter Tag.» Der Mann wie ein Wikinger heisst Toni – tatsächlich, er ist Schwede. Er hat kein Lächeln im Gesicht, für ihn ist das hier blutiger Ernst.

Ein Mann im Kampfanzug mit Sturmgewehr legt bei einem Fenster an. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Thierry war Fallschirmspringer und Scharfschütze in der französischen Armee. Diego Wettstein tpc SRF

Thierry kennt den Krieg

Die Ausländer im Kurdengebiet haben alle militärische Erfahrung. Thierry war 10 Jahre lang in der französischen Armee und war Fallschirmspringer und Scharfschütze. Er kämpfte in Afrika und im Nahen Osten.

Seit zwei Jahren reist er immer wieder ins irakische Kurdistan und wird hier zum Peschmerga, ein Kurden-Kämpfer: «Ich war Ausbildner bei der französischen Armee und war überall im Einsatz, auch in Übersee-Regionen. Solche Erfahrung brauchen die Leute hier.»

Es gehe ihm auch um die moralische Unterstützung. Er wolle ihnen zeigen, dass es auch Gute gebe bei ihm in Frankreich, und nicht nur französische oder europäische Bösewichte, die zum IS überlaufen, erklärt Thierry. Die ausländischen Peschmerga-Kämpfer hier sind alles Freiwillige. Sold erhalten sie keinen. In dieser Einheit kämpfen 15 von ihnen.

Der Drei-Sterne-General in Uniform an seinem Schreibtisch. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Peschmerga-Kommandant, General Araz Abdullahm. Diego Wettstein tpc SRF

General Abdullah ist sehr zufrieden

Zurück im Hauptquartier zeigt sich der Kommandant dieser Peschmerga-Einheit, General Araz Abdullah, überzeugt von seinen Kämpfern aus dem Westen:

«Wir haben eine hohe Achtung vor diesen Ausländern, die kommen, um zu kämpfen. Wir wissen, dass sie viel aufgeben und dass sie ein angenehmes und sicheres Leben eintauschen gegen ganz viel Unsicherheit.»

Eine Frau mit Kopftuch und Sonnenbrille mit einem Gewehr im Gespräch mit SRF. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Heloisa aus Brasilianerin sieht sich als «professionelle, legale Terroristen-Killerin». Diego Wettstein tpc SRF

Mit sich selbst im Reinen

So wie Heloisa, die Ärztin und Scharfschützin aus Brasilien. Ihr einziges Privileg im Nordirak ist ein eigenes Zimmer. Hier habe sie ihr Bett. «Glaub' mir: Ich bin jede Nacht mit mir komplett im Reinen. Verglichen mit der Front ist das hier ein 5-Sterne-Hotel.»

Und dann offenbart Heloisa den wahren Grund, weshalb sie dieses Leben bei den Peschmerga gewählt hat: «Ich habe meine gesamte Familie verloren als ich 9 Jahre alt war. Ich bin die einzige, die damals einen schweren Autounfall überlebt hat.»

Es gebe auf der Welt zwei Arten von Menschen: schwache und starke Menschen. «Wenn Du einen solchen Schicksalsschlag erlebt hast, dann wählen die schwachen Menschen den falschen Weg im Leben, und die starken wählen den richtigen Weg.»

Heloisa ist, wie alle ausländischen Peschmerga hier, überzeugt, den richtigen Weg gewählt zu haben.