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International «Ausserordentliche Serie von Angriffen auf Spitäler»

Nach dem Luftangriff auf ein Spital im syrischen Aleppo weisen die Kriegsparteien jegliche Verantwortung zurück. Laut Experten gehören solche Schläge mittlerweile zur Kriegstaktik. Eine ungewöhnliche Serie von Angriffen auf Spitäler beobachtet auch Bruno Jochum von Médecins sans Frontières Schweiz.

Blick von aussen auf das fast ganz zerstörte Spital.
Legende: Am Donnerstag wurde das Al-Quds-Spital in Aleppo angegriffen. Mindestens 30 Menschen starben laut Rettungshelfern. Reuters
MSF-Generaldirektor Bruno Jochum
Legende: Bruno Jochum, Generaldirektor von Médecins sans frontières Schweiz. Keystone / Archiv

Beim Angriff auf das Spital in Aleppo sind in der Nacht auf Donnerstag laut Médecins Sans Frontières‎ (MSF) mindestens 14 Menschen ums Leben gekommen. Fragen an Bruno Jochum, Generaldirektor von MSF Schweiz. Die Organisation unterstützt das betroffene Spital seit vier Jahren.

SRF News: Wurde das Spital in Aleppo gezielt angegriffen?

Bruno Jochum: Das Spital wurde bei einem Luftangriff getroffen und komplett zerstört. Wir können nicht beurteilen, ob es Absicht war, aber Luftschläge sind normalerweise präzis, und in den letzten Jahren sind in Syrien Dutzende von Spitälern angegriffen worden. Es scheint ein absichtliches Muster zu geben.

Vor allem in Syrien oder auch sonst wo?

In Syrien ist die Lage besonders schlimm. MSF unterstützt in Syrien ungefähr 150 Spitäler und Gesundheitszentren. Von 70 medizinischen Einrichtungen, die wir unterstützen, wurden letztes Jahr deren 63 angegriffen. 12 wurden komplett zerstört. Seit Januar ist nun bereits das 7. oder 8. MSF-Spital von Bomben getroffen worden.

Mit tödlichen Folgen?

Oft mit tödlichen Folgen. Im laufenden Jahr sind in den von uns unterstützten Spitälern bereits 42 Mitarbeiter umgekommen – der jüngste Angriff von Aleppo noch nicht mitgezählt.

Haben die gezielten Angriffe zugenommen?

Im Oktober wurde in Kundus im Norden von Afghanistan ein Spital von MSF bombardiert. Auch in Jemen wurden mehrere Spitäler von Luftschlägen getroffen. Schreckliche Vorfälle gab es aber auch im Südsudan, wo mehrere Spitäler zerstört und Patienten in ihren Betten getötet wurden. Wir können nicht Jahrzehnte zurückverfolgen, wie sich die Zahl solcher Angriffe entwickelt hat. Aber wir können sagen, dass es jetzt eine ausserordentliche Serie von Angriffen gibt. Und das ist absolut skandalös.

Ist das Kriegstaktik?

In vielen Zusammenhängen sind die Angriffe sicher zur Kriegstaktik geworden, damit Menschen keine medizinische Versorgung mehr bekommen. In Syrien etwa passiert es, dass in umkämpften Gebieten medizinische Hilfsgüter aus den Konvois genommen werden. Wir beobachten auch, dass Länder oder Konfliktparteien Verwundeten jegliche medizinische Hilfe verweigern

Was kann gegen solche Angriffe getan werden?

Ein Arzt macht keinen Unterschied, egal zu welcher Kriegspartei oder Gruppe ein Patient gehört. Dieser fundamentale Grundsatz wird derzeit in Frage gestellt. Wir müssen erreichen, dass sich Länder und Konfliktparteien wieder an den Grundsatz halten: Der Arzt Deines Feindes ist nicht Dein Feind. Auch ist es notwendig, dass solche Angriffe öffentlich bekannt und von unabhängigen Instanzen untersucht werden.

Die UNO verurteilt solche Angriffe jeweils scharf. Reicht das?

Nächste Woche wird der UNO-Sicherheitsrat hoffentlich eine Resolution zu diesem Thema verabschieden. Wir hoffen, dass die Mitglieder die Chancen nutzen und eine Botschaft aussenden, was in Kriegen erträglich und was nicht erträglich ist: Eine solche Resolution ist ein Mittel, um mit den verschiedenen Konfliktparteien zu verhandeln und darum wichtig. Aber wir müssen auch die Öffentlichkeit mobilisieren und so Druck auf Regierungen und Staaten machen. Im Sinne, dass ein bestimmtes Benehmen im Krieg einfach nicht tolerierbar ist und dass es für medizinische Helfer legitim ist, ihre Arbeit zu machen, ohne dass sie zum Ziel werden.

Das Interview führte Simone Weber.

6 Kommentare

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  • Kommentar von Fadri Pitsch (FP)
    Wie lange schaut die Welt noch zu? Es ist ein Albtraum. Shame on you Assad. Meine Gedanken die ich nicht denken will, sind trotzdem immer wieder präsent wenn ich an die Ziegen.....hüter Denke. Unerträglich wie viel Leid diese zwei Egomanen den Menschen in dieser Regionen zumuten. Schande.
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    1. Antwort von Cherubina Müller (Republic of Lakotah)
      Wie erklären Sie Ihren Freispruch für die islamistischen Rebellen in Syrien einer sunnitischen, armenischen, christlichen, drusischen, schiitischen oder kurdischen Familie, welche durch diese islamistische Revolution und ihre Rädelsführer unsägliches Leid erdulden müssen ? Eine Schande wie man ein blühendes säkulares Land aus religiösem Fanatismus zerstören kann, Schande den Regierungen, Organisationen und Menschen welche dies unterstützen.
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  • Kommentar von Peter Mueller (Elbrus)
    Bruno Jochum erzählt die Unwahrheit. Richtig ist, dass Medicine Sans Frontiere "Terrororganisationen" wie die AL-Nusra Font unterstützt. Der Terminus "Einrichtungen sind "IS Spitäler" in Garagen und ähnliche Unterstände. Medicine Sans Frontiere hat keinen einzigen korrekt akkreditierten Mitarbeiter in Syrien. Die Stiftungsaufsicht soll Medicine Sans Frontiere endlich die Gemeinnützigkeit entziehen. Für Terrorunterstützer kann es keine Steuerbefreiung geben.
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    1. Antwort von Fadri Pitsch (FP)
      @ Jochum Bruno Müller: Meine Frage an Sie lautet: Waren Sie in Syrien oder glauben Sie den Medien und Fox News alles etwas naiv. Vorsicht mit solchen Anschuldigungen. Es geht um Menschen. Danke
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    2. Antwort von Cherubina Müller (Republic of Lakotah)
      Ich bin auch immer wieder erstaunt wieviele Menschen das Leid der Syrer einteilen, in das was ihrer politischen Einstellung entspricht und unkritisch alles glauben was ihnen von politisch befangenen Organisationen präsentiert wird; Tatsache ist, wie neuerdings auch die US - Regierung zugibt, die Rebellen in der Stadt Aleppo sind fast auschliesslich Dschihadisten der Nusra, 20.4.2016, YT: U S Department says Nusra (al-Qaeda) primarily holds rebel-held Aleppo
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    3. Antwort von Christa Wüstner (Saleve2)
      Herr Müller haben Sie eine Quelle oder einen Beweis für Ihre Behauptung, dass kein einziger Mitarbeiter in Syrien akkrediert ist.? Ich habe selbst einen Verwandten, der in Abständen seine Mitarbeit als Arzt zur Verfügung stellt. Dieser Sache möchte ich nachgehen, und da wären Quellen sehr wichtig. Auch unterstütze ich selbst diese Organisation. Dies würde ich, sollte es der Wahrheit entsprechen einstellen. Ich glaube es nicht.
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