Streit um Flüchtlingspolitik Australiens Flüchtlingspolitik: Die andere Seite der Medaille

Die konservativen Parteien in Europa fordern eine härtere Gangart in der Flüchtlingspolitik. Viele sehen in der Abschreckungspolitik Australiens die Lösung. Asylsuchende, die dort mit einem Boot die Küsten des Landes erreichen wollen, werden zur Umkehr gezwungen oder in Internierungslager gesperrt.

Im Hinterland der indonesischen Insel Java warten Flüchtlinge darauf aufzubrechen. Ihr Ziel: Australien. Ihre Chancen auf Erfolg: klein. Jetzt sitzen sie hier fest, ihre Kinder lernen Englisch in einer kleinen Schule. Die meisten stammen aus Afghanistan, sind Hazaras, eine muslimische Minderheit. Sie sind vor den Taliban geflohen.

Rasheed zum Beispiel. Er war Bäcker, dann kamen die Taliban. Er habe mit seinen Kindern fliehen müssen, weil er als Hazara nicht von einem Dorf ins andere reisen konnte, ohne Angst haben zu müssen, dass ihn die Taliban festhalten und hinrichten. Rasheed ist 45 Jahre alt. Doch er hat das Gesicht eines Siebzigjährigen. Augen ohne Hoffnung. Ein gebrochener Mann.

«  Wer versucht, auf illegale Weise mit dem Boot nach Australien zu kommen, wird es nie seine Heimat nennen können. »

Angus Campell
Chef der australischen Armee

Auf der anderen Seite des Meeres, in Australien, wartet man nicht auf ihn: «Wer versucht, auf illegale Weise mit dem Boot nach Australien zu kommen, wird es nie seine Heimat nennen können.» Davor warnt General Angus Campbell, Chef der australischen Armee, in einem Youtube-Video. Rasheed will deshalb legal nach Australien reisen. Er ist einer von tausenden Aslysuchenden, die in Indonesien auf einen offiziellen Asylentscheid durch die Vereinten Nationen warten.

Doch das Warten und die Unsicherheit über die eigene Zukunft zehrt an den Nerven. Immer wieder machen sich Flüchtlinge deshalb schon vor dem offiziellen Entscheid der UNO auf den Weg nach Australien. Sie bezahlen Menschenschlepper. Die schicken sie auf kaum seetüchtigen und überfüllten Fischerbooten aufs offene Meer. Doch seit gut drei Jahren haben die Boote praktisch keine Chance mehr, ihr Ziel zu erreichen. Die australische Marine fängt sie ab und zwingt sie zur Umkehr.

Geht das nicht, steckt Australien die Flüchtlinge in Internierungslager – auf unbestimmte Zeit. Australien verstösst mit dieser Politik zwar gegen internationale Abkommen. Sie sei aber nötig, um Menschen davon abzuhalten, ihr Leben zu riskieren, argumentiert die Regierung. Die Politik sei ein Erfolg, nur noch eine Handvoll Boote hätten es in australische Gewässer geschafft. Eine unabhängige Bestätigung gibt es nicht. Was sich auf dem Wasser abspielt, ist geheim.

Zum Nichtstun verdammt

Mohammed hat leicht asiatische Gesichtszüge, dunkle Haare und trägt ein hellblaues Hemd. Er sitzt auf einem Dach, hinter ihm sieht man schmucklose Häuschen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Mohammed will nach Australien. Jetzt aber muss er warten, auf unbestimmte Zeit. SRF

In Indonesien wiederum sind die Flüchtlinge zum Nichtstun verdammt. Als Asylsuchender dürfe man hier weder arbeiten, noch studieren, nicht einmal reisen, sagt Mohammed.

Der Mittdreissiger hilft in der Schule aus, die mit Hilfe der Schweizer Organisation Same Skies aufgebaut wurde.

Mohammed hatte in Kabul für westliche Organisationen gearbeitet. Die Taliban sahen in ihm einen Spion. Seinen dreijährigen Sohn kennt er nur von Fotos. Nun wartet er in Indonesien auf den Asylentscheid der UNO, vielleicht drei, vielleicht aber auch zehn Jahre. Niemand weiss es.

Mohammed tritt sicher auf. Doch auch er scheint seine Hoffnung zu verlieren. «Wenn ich auf der Fahrt übers Meer umkomme, so würde ich an einem Tag sterben, in einer Stunde. Hier aber, in Indonesien, sterben die Flüchtlinge jeden Tag ein wenig, in jedem Moment.»