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International Bad Aibling: Fahrdienstleiter legt Geständnis ab

12 Tote und 89 Verletzte: Das Zugunglück von Bad Aibling vom 9. Februar ist eines der schwersten in der deutschen Nachkriegsgeschichte. Der angeklagte Fahrdienstleiter hat zum Prozessauftakt schwere Fehler eingeräumt.

Legende: Video Zugunglück Bad Aibling: Prozess gestartet abspielen. Laufzeit 00:49 Minuten.
Aus Tagesschau am Mittag vom 10.11.2016.

Im Deutschland ist heute der Prozess um die Verantwortung für das Zugunglück vom 9. Februar gestartet. Zu Beginn legte der angeklagte Fahrdienstleiter ein Geständnis ab.

Kartenausschnitt.
Legende: Das Unglück passierte in Bad Aibling, rund 50 Kilometer südlich von München. SRF

Er habe ein Sondersignal gegeben, das er nicht hätte geben dürfen, und einen Notruf falsch abgesetzt, liess der angeklagte Fahrdienstleiter über seine Anwältin mitteilen. In einer persönlichen Erklärung richtete sich der 40-Jährige vor dem Landgericht Traunstein an die Angehörigen der Toten: «Ich weiss, dass ich da am 9. Februar mir grosse Schuld aufgeladen habe», sagte er.

Seinen Fehler könne er nicht mehr rückgängig machen. «Ich möchte Ihnen sagen, dass ich in Gedanken bei Ihnen bin.» Weiter wollte er sich nicht zum Tag der Katastrophe äussern – auch nicht zum Vorwurf der Staatsanwaltschaft, er sei durch ein Handyspiel abgelenkt gewesen. Nach Angaben seiner Verteidiger umfasst das Geständnis aber auch die Handynutzung.

Bis kurz vor dem Frontalzusammenstoss soll er ein Spiel auf seinem Smartphone gespielt haben.

Gleich mehrere folgenschwere Fehler

Der Oberstaatsanwalt las die umfangreiche Ansammlung von Fehlentscheidungen des 40-Jährigen vor, der demnach falsche Durchfahrtsignale setzte, mit dem Finger auf dem Fahrplan verrutschte, eine Entscheidung schlicht vergass, ein Sondersignal fehlerhaft setzte und am Ende beim zeitlich noch rechtzeitigen Absetzen eines Notrufs die falsche Taste drückte.

Am 9. Februar 2016 stiessen zwei Regionalzüge zwischen den Bahnhöfen Kolbermoor und Bad Aibling (Oberbayern) frontal zusammen. Nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft hatte der Fahrdienstleiter die beiden Züge gleichzeitig auf die eingleisige Strecke geschickt. Technische Vorrichtungen, die das eigentlich verhindern, blockierte er.

Als der Mann den verhängnisvollen Irrtum bemerkte, beging er laut Anklage einen weiteren Fehler: Er wollte die Lokführer noch warnen, erwischte aber den falschen Knopf, so dass der Alarm nicht in den Zügen ankam. Beim Unglück starben 12 Menschen, 89 wurden verletzt. Im Prozess wurde ausserdem bekannt, dass eine technische Vorrichtung, die das Unglück möglicherweise hätte verhindern können, im Stellwerk von Bad Aibling fehlte.

Für den Prozess sind sieben Verhandlungstage vorgesehen. Das Urteil soll am 5. Dezember verkündet werden. Die Höchststrafe für fahrlässige Tötung beträgt fünf Jahre.

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5 Kommentare

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  • Kommentar von Rolf Bolliger (robo)
    Als ehemaliger Eisenbahner ist mir ein solches Verhalten eines Mitarbeiters im "Fahrdienst-Bereich" einfach unverständlich! Vorallem bei signaltechnischen Problemen oder Störungen (so wie es offenbar auf dem Arbeitsplatz des Angeklagten vorlag!), ist volle Konzentration erforderlich! Dabei noch auf einem iPhon herum zu döggelen ist zwar (leider) "Alltag", aber sicher nicht in einer solchen Situation! 3, 5 oder 10 Jahre Haft macht kein Toter wieder lebendig oder Verletzte voll gesund!
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  • Kommentar von Fabienne Soguel (Triggerin)
    Mir ist unverständlich wie es zu einer solchen Serie von Fehlhandlungen kommen kann. Wenn man bei einer solchen Aufgabe aufgrund von Ablenkung einen Fehler macht, versucht man sich dann nicht sofort voll zu konzentrieren, den Fehler zu berichtigen und alles richtig zu machen? Oder steckt da vielleicht noch mehr dahinter?
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  • Kommentar von Jean-Philippe Ducrey (Jean-Philippe Ducrey)
    Vielleicht kurz ein Kommentar dazu, wie es zu diesem Geständnis kam: Richter (und Staatsanwalt; in Bayern nicht getrennt): 15 Jahre wenn Sie kein Geständnis ablegen. 5 Jahre mit Geständnis. Der Bahndienstleiter legt ein Geständnis ab erhält 5 Jahre, geht nach gut 3 Jahren nach Hause, macht ein Wiederaufnahmeverfahren aufgrund des sog. taktischen Geständnisses. Justiz und fair? Nein. Die Justiz ist ein türkischer Bazar, wer besser bietet, gewinnt.
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    1. Antwort von Andy Schmid (andy)
      Was soll dieses Geschwafel. Wenn die gesetzlich festgelegte Höchststrafe 5 Jahre beträgt, dann gibt es auch keine Verurteilung zu 15 Jahren. Allerdings kenne ich Länder, die "grosszügige" Honorierungen für Geständnisse geben - nur sind dort die Höchststrafen ganz hoch angesetzt, gibt dann auch die Möglichkeit für mehrfachen "Rabatt".
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    2. Antwort von Jean-Philippe Ducrey (Jean-Philippe Ducrey)
      @Schmid: Ohne Geständnis wird's keine fahrlässige Tötung, sondern eine bewusst in Kauf genommene, evtl. sogar bewusst herbeigeführte (also Mord). Und wenn es noch dumm geht, wird noch die "besonders schwere Art" dazukommen (bedeutet also quasi Sicherungsverwahrung). So einfach ist das. Don't mess up with Bayern....
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