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Benzin-Knappheit in Russland Der Ukraine-Krieg ist bei der russischen Bevölkerung angekommen

Seit Wochen beschiesst die Ukraine beinahe täglich russische Ölraffinerien: Auch am Donnerstag wurde Ölinfrastruktur in mindestens drei russischen Regionen von ukrainischen Drohnen getroffen. Russlands wichtigste Ressource kann deswegen vielerorts nicht mehr verarbeitet werden – das Benzin wird im ganzen Land knapp.

Gefühlt steht ganz Russland Schlange: Fast überall im Land muss man vor den Tankstellen anstehen, teilweise stundenlang, um strikt rationierte Mengen Benzin zu erhalten. Manchmal kochen Frust und Ungeduld über, zwischen den Wartenden kommt es zu Handgreiflichkeiten. In Teilen des Landes bleiben Ladenregale leer, weil Waren nicht geliefert werden. Airlines streichen wegen Kerosinmangel Flüge. Viele Russinnen und Russen müssen ihre Sommerferien umplanen oder ausfallen lassen.

Das schlägt aufs Gemüt. Der Treibstoffmangel, die kränkelnde Wirtschaft und die ausufernde Zensur des Internets haben 2026 bislang zu einem schwierigen Jahr für die russische Bevölkerung gemacht.

Es geht um Schmerzgrenzen

In diesem Konflikt geht es zunehmend um Schmerzgrenzen: Seit Jahren schon zerbombt Russland jeden Winter die Heizungsinfrastruktur der Ukraine, um die Leute mithilfe der Kälte in die Knie zu zwingen. Die Ukraine beschiesst russische Ölanlagen vor allem mit der Absicht, Moskaus Kriegswirtschaft unter Druck zu setzen. Aber der Kreml beschützt die Rüstungsindustrie, wo immer es geht – und lässt dafür sein Volk leiden.

Die riesigen Kriegsausgaben haben ein Loch in die regionalen Budgets gerissen – also wird bei Schulen und beim Strassenbau gespart. Russlands Umorientierung nach China bedroht ganze Wirtschaftszweige, etwa der ehemals auf Europa ausgerichtete Kohle- und Holzsektor, in dem jetzt reihenweise Unternehmen schliessen. Das Schicksal der Regionen, die von diesen Branchen abhängig sind, ist dem Kreml weniger wichtig, als ein weiteres Dorf im Donbass einzunehmen.

Das Regime macht kein Hehl daraus, dass es Opferbereitschaft erwartet: «Wer Putin unterstützt, wird diese Last auf sich nehmen», sagte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow vor einem Jahr über eine Steuererhöhung, die unterdessen vielen KMUs den Garaus gemacht hat. Putin selbst referiert lieber über den Frontverlauf, als Lösungen für die Benzinkrise zu präsentieren.

Putins wichtigste Waffe

Putins wichtigste Waffe war nie sein Atomarsenal, sondern seine Immunität vor politischen Konsequenzen. Die berühmte «Leidensfähigkeit» des russischen Volkes hat weniger mit angeborener Hartnäckigkeit zu tun als mit Propaganda und Repression. Der Kreml bringt den Leuten seit Jahrzehnten bei, sie hätten kein Mitsprachrecht.

In diesem fünften Kriegsjahr läuft aber so viel schief, dass auch in der Machtelite Missmut zu spüren ist. Die Kreml-Funktionäre leben zwar noch bequem. Aber es ist ihre Aufgabe, im September wieder die Massen für Putins Partei an die Urne zu locken. Selbst ein Glanzresultat ist wenig wert, wenn es offenkundig erfunden ist und auf einer tiefen Wahlbeteiligung beruht.

Die Strippenzieher und Propagandisten im Kreml kommen also ins Schwitzen. Aber wenn sie ihre Arbeit richtig machen und im Herbst eine weitere Bestätigung für Putins Politik liefern, fühlt sich dieser wieder gestärkt. Es gehen Gerüchte um, dass er dann eine neue Mobilmachung für den Krieg ausrufen könnte. Schliesslich hätte das russische Volk dann wieder seine Opferbereitschaft bewiesen.

Calum MacKenzie

Russland-Korrespondent

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Calum MacKenzie ist Russland-Korrespondent von Radio SRF. Er hat in Bern, Zürich und Moskau Osteuropa-Studien studiert.

Echo der Zeit, 9.7.2026, 18 Uhr;liea

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