Erdbeben in Amatrice Betroffene könnten zum zweiten Mal obdachlos werden

Das Erdbeben im italienischen Amatrice nahm Hunderten Menschen das Dach über dem Kopf. Nun droht den Geschädigten, aus den Hotels verbannt zu werden.

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Wohin mit den Erdbebenopfern von Amatrice?

Das Ereignis: Im August 2016 bebte in Amatrice die Erde – mit verheerenden Folgen: Das Erdbeben mit der Stärke 6,2 und drei weitere Erschütterungen legte das historische Zentrum der italienischen Stadt in Schutt.

Die Betroffenen im Exil: Seither fanden hunderte Einwohner in Hotels an der Adria-Küste Unterschlupf. Doch der Bevölkerung droht, ihre temporäre Bleibe zu verlieren – denn die Sommersaison steht vor der Türe. Deshalb müssen die Menschen die Hotels demnächst verlassen.

Bei den betroffenen Menschen, die in der Ferienhochburg San Bernadette del Toronto in Hotels ausharren, sorgt dieser Umstand für Unmut – zumal die italienische Regierung in Rom in den vergangenen Monaten grosse Versprechungen gemacht hatte: So würden bis Ostern alle ein Häuschen aus Fertigbauteilen beziehen können.

«  Das ist ein typischer Fehler der italienischen Politiker: Sie machen Versprechungen, um Beifall zu bekommen. Dann folgen aber keine Taten. »

Gian-Batista Agnelli

Bis heute wurden lediglich 24 dieser Häuser vergeben – mittels Losentscheid. «Das ist ein typischer Fehler der italienischen Politiker. Sie machen Versprechungen, um Beifall zu bekommen. Dann folgen aber keine Taten», sagt Gian-Batista Agnelli. Die Situation sei seltsam. Die Betroffenen lebten laut Agnelli in der Schwebe. Das mache viele verrückt.

Der Alltag im Hotel? Das Leben im Hotel ist tatsächlich eintönig. Die Männer spielen Karten, die Frauen sitzen gemeinsam im Garten. Ornella, die ihren Nachnamen nicht nennen möchte, ist Ende Fünfzig und kann es kaum erwarten, wieder selbst zu kochen.

Amatrice: Der Weg zur Normalität dauert noch lange

Das Essen im Hotel sei zwar sehr gut, aber sie brauche eine Beschäftigung. Früher habe sie denn auch immer für Kinder und Enkelkinder mitgekocht. «Was machen wir hier den ganzen Tag? Wir räumen das Zimmer auf, dann machen wir einen Spaziergang, trinken was, sitzen im Pinienwäldchen und kaufen etwas ein». Sie passe derzeit auf ihre Enkelkinder auf. Ihr Sohn fahre oft nach Amatrice zurück, um dort zu arbeiten – wenn es denn Arbeit gebe.

Was geschieht während der Sommersaison? Ornellas frühere Nachbarin Anna Dadamo nickt zustimmend. Sie beobachtet mit Sorge wie sich der beliebte Badeort von Tag zu Tag mit Feriengästen füllt – und diese würden deutlich mehr für ein Zimmer bezahlen.

Die Regierung kommt derzeit für die Hotel-Kosten der gestrandeten Bürger von Amatrice auf. Der Staat bezahlt den Hoteliers 36 Euro pro Person für die Übernachtung und Vollpension.

«  Wohin gehen wir, wenn die Häuschen nicht rechtzeitig fertig werden? Das Erdbeben hat uns alles genommen. »

Anna Dadamo
Einwohnerin von Amatrice

Wie verhalten sich die Hoteliers? In der Tat verlieren die Hoteliers langsam die Geduld. Viele haben bereits Reservationen für die Sommermonate angenommen – dazu gehört auch Hotelier Nicola Monzoni. Ab dem 10. Juni sei sein Haus belegt. «Ich habe Gäste, die im Mai kommen wollten. Ich habe sie aber darum gebeten, bis Juni zu warten. Das ist bereits ein verspäteter Start in die Saison». Für ihn sei das aber eine Herzensangelegenheit gewesen. «Als Kind bin ich oft mit meinen Grosseltern in Amatrice gewesen», sagt Monzoni.

Wie geht der Wiederaufbau voran? Auf den Baustellen des zerstörten Stadtkerns von Amatrice wird derweil gearbeitet. Die Fertighäuser sehen alle gleich aus: Dünne Wände in Orange. Braune Türen. Eine kleine Veranda.

In Gruppen von 15, 24 oder 36 stehen diese in der Nähe der einstigen Siedlungen. Gemeindepräsident Sergio Perozzi bestand auf dieser Strategie. «Hätten wir alle Bewohner der verschiedenen Ortsteile auf zwei grosse Flächen untergebracht, wären sie entwurzelt worden und hätten ihre Identität verloren. Jetzt können alle den Wiederaufbau mitverfolgen und überwachen.»

«  Hätten wir eine Notverordnung durchgesetzt, wären wir jetzt drei Mal weiter mit den Aufräumarbeiten. »

Sergio Perozzi
Gemeindepräsident von Amatrice

Von Wiederaufbau ist jedoch nicht viel zu sehen. Die italienische Bürokratie sei Schuld daran, sagt Perozzi. «Hätten wir eine Notverordnung durchgesetzt, wären wir jetzt dreimal weiter mit den Aufräumarbeiten».