Das Auto mit den vier Erntehelfern stand bei einer Tankstelle, als es in Flammen aufging. Eine Überwachungskamera nahm die Szene auf: Zwei Männer legen das Feuer – und hindern vier Insassen daran, das brennende Auto zu verlassen.
Nur einem fünften, einem Pakistaner, gelingt es, sich zu befreien und zu fliehen. Er erklärt später gegenüber dem Fernsehsender Rai, wer das Auto angezündet hat: «Mafia, Mafia, Heroin, Kokain, Haschisch.»
Ein Agro-Mafia-System
Mit diesen einfachen Worten zeichnet der Überlebende das Bild dieses Verbrechens: Die Täter stammen gemäss seiner Aussage aus dem Umfeld des organisierten Verbrechens. Es geht auch um Drogen – und damit um Kalabriens mächtige Mafia, die 'Ndrangheta. Sie habe diese vier Erntehelfer auf dem Gewissen.
Die beiden Männer, die das Feuer legten, gingen der Polizei kurze Zeit später ins Netz. Sie stammen wie eines der vier Todesopfer aus Pakistan.
Man schaut lieber weg, weil viele in dem System profitieren.
Der Überlebende bezeichnet die beiden Täter als Bosse, in Italien nennt man sie «Caporali». Sie sind es, die die illegal arbeitenden Erntehelfer mit Kleinbussen auf die Felder fahren. Sie vermieten ihnen zu Wucherpreisen Schlafplätze. Sie sorgen auch dafür, dass ihre Landsleute bis zu zwölf Stunden am Tag schuften, oft unter brütender Sonne. Sie zahlen ihnen die Hungerlöhne aus.
Gegen diese Ausbeutung wehrten sich die vier Männer, so die Aussage des Überlebenden. Dafür wurden sie von ihren Vorgesetzten verbrannt.
Das alles für billiges Gemüse
Es ist ein extremer Fall. Viel häufiger ist die alltägliche Ausbeutung auf den Äckern und Feldern. Nachrichten darüber dringen immer wieder an die Öffentlichkeit und es stellt sich die Frage: Warum nur greifen die Behörden nicht durch?
Marco Omizzólo ist Sozialwissenschaftler in Rom. Er sagt: «Man schaut lieber weg, weil viele in dem System profitieren. Kleine Bosse, grosse Bosse oder die Grossverteiler profitieren.» Letztere können zum Beispiel ein Kilo Tomaten für weniger als zwei Euro anbieten.
Die direkten Vorgesetzten der Landarbeiter sind fast immer Landsleute, also Inder oder Pakistaner.
Doch letzten Endes profitieren die Konsumentinnen und Konsumenten – und das nicht nur in Italien. Sie kommen in den Genuss billiger Erdbeeren, Melonen oder Zucchetti.
Omizzólo machte diese Aussage vor zwei Jahren, Gültigkeit hat sie noch heute. Damals war ein indischer Erntehelfer bei einem Arbeitsunfall schwer verletzt worden. Weil er illegal arbeitete, brachte ihn sein Chef nicht ins Spital, was den Inder das Leben kostete.
Bosse mit Verbindungen zur Mafia
Hinter diesem System steckten italienische und ausländische Täter, sagt Omizzólo: «Die direkten Vorgesetzten der Landarbeiter sind fast immer Landsleute, also Inder oder Pakistaner, was mit der Sprache zu tun hat. Denn viele dieser Landarbeiter sprechen kaum Italienisch.»
Die ganz grossen Bosse aber, also jene, die den grossen Gewinn einstreichen, sind Italiener. Meist hätten sie Verbindungen zur Mafia: «Im Agro Pontino, dem grossen Gemüseanbaugebiet südlich von Rom, sind alle Mafiaclans präsent. Camorra, Casalesi, 'Ndrangheta.»
Es geht um ein Milliardenbusiness. Damit das Geschäft viel abwirft, braucht es Leute, die für ganz wenig Lohn jäten oder ernten. Wehren sie sich, dann droht ihnen Schlimmes. Wie den vier Männern im angezündeten Auto.
An Gesetzen mangelt es in Italien nicht. Diese Form von Ausbeutung steht unter Strafe. Nur: Es fehlt am Willen, diesem Paragrafen auch Nachachtung zu verschaffen.