Bluttat in Frankreich: Ein Täter stand unter Aufsicht der Justiz

Bei einer Geiselnahme in einer Kirche in der Normandie haben zwei Männer einen Priester getötet. Die Angreifer wurden erschossen. Gegen einen der Täter lief laut Pariser Staatsanwaltschaft ein Verfahren wegen Terrorverdachts – er trug eine elektronische Fussfessel.

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Entsetzen nach Anschlag auf Kirche in Frankreich

2:11 min, aus Tagesschau vom 26.7.2016

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Geiselnahme ereignete sich während der Morgenmesse
  • Der 85-jährige Priester wurde ermordet, eine weitere Geisel schwer verletzt
  • Die beiden Angreifer wurden erschossen
  • Gegen einen der Täter wurde wegen Terrorverdachts ermittelt, er trug eine Fussfessel
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Bildlegende: Die Geiselnahme fand in der Nähe von Rouen statt. SRF

Zwei mit Messern bewaffnete Angreifer sind im nordfranzösischen Saint-Etienne-du-Rouvray während der Morgenmesse in die Kirche eingedrungen und haben fünf Personen als Geiseln genommen – den Priester, zwei Nonnen und zwei Kirchgänger. Eine Nonne konnte offenbar flüchten und die Polizei informieren.

Den 85-jährigen Priester fanden die Einsatzkräfte später tot in der Kirche. Er sei regelrecht hingerichtet worden, berichtete eine der Nonnen. Eine weitere Geisel wurde schwer verletzt. Die beiden Angreifer wurden von Spezialeinheiten erschossen, als sie mit ihren Geiseln das Gotteshaus verlassen wollten.

Täter wollte zweimal nach Syrien reisen

Wie die Behörden am Abend bekannt gaben, stand einer der zwei Männer in einem laufenden Ermittlungsverfahren wegen Terrorverdachtes. Der 19-Jährige war unter Aufsicht der Justiz und trug eine elektronische Fussfessel. Er habe 2015 zweimal versucht, nach Syrien zu reisen, sagte der Pariser Staatsanwalt François Molins. Einmal sei er in Deutschland, einmal in der Türkei gestoppt und festgenommen worden. In Frankreich wurde daraufhin ein Anklageverfahren eröffnet und Untersuchungshaft angeordnet.

Im März dieses Jahres wurde er aus der Untersuchungshaft entlassen und unter Hausarrest gestellt. Laut Molins hatte er aber die Erlaubnis, unter der Woche vormittags und am Wochenende nachmittags das Haus zu verlassen. Der von der Polizei erschossene Angreifer wurde anhand seiner Fingerabdrücke eindeutig identifiziert.

Vor seiner Überstellung nach Frankreich soll der Mann nach Informationen der «Tribune de Genève» am 14. Mai 2015 bei seiner Ankunft in Genf verhaftet worden. Die Türkei hatte ihn nach Genf zurückgeschickt, weil sein Flug von dort ausgegangen war. Er verbrachte demnach einige Tage im Gefängnis Champ-Dollon.
Das Bundesamt für Justiz in Bern bestätigte gegenüber der sda zwar die Festnahme eines Franzosen in Genf und dessen Überstellung in sein Heimatland, aber nicht dessen Identität.

16-Jähriger in Haft genommen

Wer der zweite Attentäter von Saint-Etienne-du-Rouvray war, ist bislang noch unklar. Die Identifizierung sei noch nicht abgeschlossen, sagte der Pariser Staatsanwalt Molins. Nach Angaben der Ermittler trugen beide Männer Sprengstoffattrappen, Messer und eine Pistole bei sich. Beim Verlassen der Kirche hätten sie sich mit dem Ruf «Allahu akbar» («Gott ist gross») auf die Sicherheitskräfte gestürzt, so der Staatsanwalt weiter.

Im Zuge der Ermittlungen wurde inzwischen auch noch ein in Algerien geborener 16-Jähriger inhaftiert. Ob er beim Anschlag eine Rolle spielte, ist allerdings noch unklar.

«Zusammenarbeit der Sicherheitskräfte verbessern»

2:32 min, aus Tagesschau vom 26.7.2016

Hollande: «Eine verabscheuungswürdige Tat»

Der IS reklamierte die Bluttat nach wenigen Stunden für sich, wie die Terrormiliz über ihre Propaganda-Agentur mitteilen liess. Klar ist auch: Kirchen gelten schon länger als potenzielle Ziele für Anschläge. Mittlerweile hat die Anti-Terror-Abteilung der Pariser Staatsanwaltschaft die Ermittlungen übernommen.

Staatspräsident François Hollande und Innenminister Bernard Cazeneuve trafen am Mittag vor Ort ein. Hollande sprach von einem «verabscheuungswürdigen terroristischen Anschlag». Eine Kirche anzugreifen, einen Priester zu töten, das sei «eine Schändung der Republik». Auch Ministerpräsident Manuel Valls sprach von einem Angriff auf ganz Frankreich und alle Katholiken. «Wir stehen zusammen», erklärte er.

Reagiert hat auch der Vatikan. Papst Franziskus verurteilte die Bluttat als «sinnlose Gewalt». Die Geiselnahme sei eine «neue schreckliche Nachricht». Vor 12 Tagen waren in Nizza bei einem islamistischen Anschlag 84 Menschen getötet worden. Ein Attentäter hatte am französischen Nationalfeiertag einen Lastwagen in die Menschenmenge auf der Promenade des Anglais gelenkt. Auch in diesem Fall beanspruchte der IS die Tat wenig später für sich.

Einschätzungen des Terrorismus-Experten Markus Kaim

 «Es ist schwer zu beurteilen, ob wir es bei dem Anschlag gegen eine Kirche mit einer neuen Stufe des Terrors zu tun haben. Wir wissen derzeit noch nicht, ob es sich um einen Anschlag handelt, der vom IS in Auftrag gegeben und vorbereitet wurde – oder ob es sich um einen Anschlag handelte, der vom IS inspiriert wurde, der Tatort und die Tatzeit aber von den Tätern selbst bestimmt wurden. Ähnliche Fälle hatten wir auch in den vergangenen Tagen schon. Deshalb müssen wir offenlassen, ob der religiöse Ort eine besondere Rolle gespielt hat. [...] Das muss man nun der Polizeiarbeit überlassen. Ich halte mich zurück, die Tat dem IS zuzuschreiben. Wenn wir doch eines aus den Anschlägen der vergangenen Wochen gelernt haben, dann das: Die Grenze zwischen politisch motiviertem Terrorismus und psychischer Krankheit oder persönlicher Instabilität ist fliessend geworden. Und vor diesem Hintergrund bin ich etwas zurückhaltend mit sehr schnellen Zuweisungen.»
Markus Kaim ist Sicherheitsexperte bei der Stiftung für Politik und Wissenschaft in Berlin. Er machte die Aussagen in der «Tagesschau».

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Frankreich: Anschlag in der Normandie

    Aus 10vor10 vom 26.7.2016

    In einer Kirche in der Normandie wurde erneut ein Anschlag des sogenannten Islamischen Staats verübt. Ein Priester wurde dabei getötet.